Nationalmuseum wird wieder aufgebaut Die Afghanen und ihre Geschichte: Kultur unter Trümmern



Kabul. Das Nationalmuseum in Kabul hat die Jahrzehnte des Kriegs nur stark beschädigt überstanden. Der Wiederaufbau läuft. So entsteht ein Ort, der von Afghanistans bewegter, jahrtausendealter Geschichte erzählt.

„Eine Nation bleibt am Leben, solange ihre Kultur am Leben bleibt“, steht auf einem dunklen Stein vor dem Eingang des afghanischen Nationalmuseums in Kabul . Der Schriftzug wehrt sich trotzig gegen tiefe Kratzer, die ihn durchziehen, als wolle er sagen: Das gilt auch für dieses Land, das drei Jahrzehnte Krieg hinter sich hat.

Wer an Afghanistan denkt, dem fallen sicher nicht als Erstes Ausgrabungsfunde, Statuen und Museumsausstellungen ein. Oder Theater und Konzerte. Als die radikalen Taliban 2001 die beiden 1500 Jahre alten Buddha-Statuen in der Provinz Bamiyan zerstörten, war dies der Höhepunkt ihres brutalen Feldzugs gegen jene Kulturgüter, die nicht in ihr fanatisches Weltbild passten.

Was Bomben und Raubzüge in den Jahren der sowjetischen Besatzung und des Bürgerkriegs übrig gelassen hatten, radierten die Taliban aus. Als sie 2001 von der US-Armee gestürzt wurden, lag Afghanistans Kultur am Boden. Sinnbildlich dafür: das zerstörte, geplünderte Nationalmuseum in Kabul.

Omara Khan Massoudis Leben ist eng mit der Geschichte des Museums verknüpft. Er hat den Niedergang des Hauses während der Sowjet-Besatzung miterlebt, die Jahre des Bürgerkriegs, in denen das Gebäude einer Miliz als Stützpunkt diente und deshalb verheerenden Angriffen ausgesetzt war. Und dann die Zerstörungswut der Taliban. Massoudi arbeitet seit 30 Jahren für das Nationalmuseum. Sein Haar ist weiß und schütter, der helle Bart säuberlich gestutzt. „Afghanistan“, sagt er, „ist nicht nur das Land der Bomben, des Terrorismus, der Explosionen. Es hat eine uralte, reiche Geschichte.“

Diese Geschichte zu dokumentieren sieht er als Auftrag für das Nationalmuseum. Nach dem Sturz der Taliban war er als Direktor zur Stelle, in den Trümmern nach dem zu suchen, was zwei Jahrzehnte Krieg überstanden hatte. Massoudi und seine Helfer fanden unwiderruflich Zerstörtes. Doch in den Kellern entdeckten sie auch Objekte, die verschont geblieben waren. Das große Aufräumen begann.

Für den Wiederaufbau des Museumsgebäudes zahlte die internationale Gemeinschaft 350000 US-Dollar. Weiteres Geld wurde für die Restaurierung der Bestände bereitgestellt. Einrichtungen wie das British Museum in London sandten die benötigte Ausstattung für die Arbeiten nach Kabul. „Es hat viel internationale Hilfe gegeben, um zu retten, was zu retten war“, sagt Susanne Annen.

Die Museumsmanagerin aus der Kunsthalle in Bonn arbeitet seit Mitte 2010 für das afghanische Kulturministerium. Sie ist eine sogenannte integrierte Fachkraft: eine Spezialistin aus Deutschland, die über das „Centrum für internationale Migration und Entwicklung“ (CIM) vermittelt worden ist. Finanziert wird sie über die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) mit Geldern des Auswärtigen Amtes.

Susanne Annen berät den Kulturminister, koordiniert Projekte und ist an der Organisation des Wiederaufbaus des Museums beteiligt. Darüber hinaus vermittelt sie zwischen dem afghanischen Kulturministerium und den Referenten der Botschaften und Stiftungen, die im Kulturbereich tätig sind. Außerdem hat sie in den vergangenen Jahren die ersten Ausstellungen im Nationalmuseum mitkonzipiert. Afghanistan fehlen die Spezialisten, die Erfahrung darin haben, wie solche Vorhaben strukturiert umgesetzt werden.

Gemeinsam mit den Mitarbeitern des Museums hat Annen Ideen entwickelt, wie Exponate präsentiert werden können oder welche Texte und Karten auf den Informationstafeln zu sehen sein sollen. Für Besucher, die nicht lesen können – in Afghanistan keine Seltenheit –, gibt es Frauen und Männer, die sie durch das Museum führen und Inhalte erklären. „Die Konzepte sind möglichst einfach“, sagt Annen. Zum einen, um den Gästen niedrigschwellige Angebote zu machen. Zum anderen, weil den Museumsmitarbeitern wissenschaftliches Arbeiten eher fremd sei und ihnen komplizierte Projekte fernlägen.

Geschätzt lagern wieder etwa 70000 Objekte in den Depots des Museums. Viele Exponate, die zu ihrem eigenen Schutz während der Kriegsjahre zum Teil von Privatleuten außer Landes gebracht wurden, sind in den vergangenen Jahren zurückgekehrt. Immer wieder tauchen auf dem internationalen Markt Stücke auf, die der erfahrene Direktor Massoudi als verloren geglaubten Besitz des Museums identifiziert – doch beweisen kann er dies nicht. Bestandslisten sind im Bürgerkrieg verbrannt. „Niemand weiß genau, wie viele und welche Objekte es hier einst gegeben hat“, so Annen. Ein Team aus Wissenschaftlern der Universität Chicago hebe derzeit die Depots aus und fertige Listen an. „Sie finden Dinge, von denen wir noch nicht einmal wussten, dass es sie gibt.“

In mehreren Ausstellungen präsentiert das Museum inzwischen einen Teil seiner Exponate – Fundstücke aus vergangenen Reichen aus den ersten Jahrhunderten nach Christus, aus dem frühen Buddhismus und dem Islam. Und der Zeit, als Alexander der Große Baktrien eroberte, eine Landschaft um die heutige Provinz Balkh in Nordafghanistan. Er gemeindete die Region in sein Riesenreich und bescherte ihr ab etwa 330 vor Christus eine Blütezeit.

„Die Afghanen wissen um ihre bedeutende Geschichte“, sagt Susanne Annen. „Sie haben ein großes Bewusstsein für ihre jahrtausendealte Kultur.“ Ein Bewusstsein, das Krieg und Gewalt verschüttet, aber nicht zerstört haben. Während Susanne Annen spricht, betreten drei kleine Jungen staunend die Eingangshalle des Museums.


Jahrtausendelang hat die Seidenstraße das Mittelmeer mit China und Indien verbunden. Waren, aber auch Wissen haben die Karawanen über diese Handelsroute transportiert, und rechts und links von ihr entwickelten sich Zivilisationen mit teilweise reichen Kulturen – so auch im heutigen Afghanistan. Schon knapp 2000 Jahre vor Christus breitete sich im Norden die sogenannte Oasenkultur aus, eine frühe Hochkultur in Zentralasien, die ein beachtliches Niveau in der Metallverarbeitung kennzeichnete. Später gehörte das heutige Staatsgebiet zum Perserreich. Etwa 330 vor Christus drang Alexander der Große bis nach Baktrien in Nordafghanistan vor. Er und seine Nachkommen bescherten der Region eine Blütezeit. Archäologische Funde beweisen eine Hochzeit des Buddhismus im 1. Jahrtausend nach Christus. Aus dieser Zeit stammen auch die berühmten Buddha-Statuen von Bamiyan, die 2001 von den Taliban zerstört wurden. Bei Ausgrabungen in Mes Aynak etwa 40 Kilometer südöstlich von Kabul legen die Archäologen seit Jahren weitläufige buddhistische Siedlungen aus dem 1. bis 9. Jahrhundert nach Christus frei. Darunter haben sie Reste einer Siedlung aus der Bronzezeit gefunden. Bereits ab dem späten 7. Jahrhundert drangen Araber, die der damals jungen Religion des Islam angehörten, bis nach Zentralasien vor. Die Islamisierung des heutigen Afghanistan dauerte bis ins 10. Jahrhundert. Unter persischen Lokalherrschern, die nominal dem muslimischen Kalifen in Bagdad unterstanden, erlebten Kultur und Wirtschaft einen Aufschwung. Hervorzuheben ist aus dieser Zeit die Dynastie der Ghaznawiden (etwa 980–1180). Jäh beendet wurde die Blütezeit durch den Eroberungssturm der Mongolen, die ab dem frühen 13. Jahrhundert unter Dschingis Khan von Osten her über Nord- und Mittelasien bis nach Europa hinwegfegten. (kück)

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