Porträt des Friedensstifters Nelson Mandela: Ein Idol für die Welt

Von Christian Selz


Kapstadt. Er war der erste schwarze Präsident seiner Heimat Südafrika und steht wie kein anderer für den Willen zum Frieden und zur Versöhnung zwischen Schwarzen und Weißen. Nun ist Nelson Mandela mit 95 Jahren gestorben. Die Welt trauert um den charismatischen Friedensnobelpreisträger.

„Aus der Erfahrung eines außergewöhnlichen menschlichen Desasters, das zu lange Bestand hatte, muss eine Gesellschaft geboren werden, auf die die ganze Menschheit stolz ist“, sagte Nelson Mandela 1994 in den monumentalen Union Buildings zu Pretoria, Südafrikas Regierungssitz. Es war die Einleitung der ersten Antrittsrede eines schwarzen, von allen Bürgern des Landes gleichberechtigt gewählten Präsidenten in Südafrika.

Mandelas Worte, abgeschlossen mit „Gott segne Afrika“, waren eine Erlösung für den ganzen Kontinent. Für Südafrika markierte der zum Staatschef gewählte Widerstandskämpfer, der 27 Jahre in den Kerkern der rassistischen Unterdrücker verbrachte, das Ende jahrhundertelanger Kolonialherrschaft und jahrzehntelanger weißer Unterjochung. Es war der emotionalste Moment der jungen Republik – bis heute.

Der Weg zu Mandelas Vision der Freiheit, von der „Gesellschaft, in der alle Südafrikaner – Schwarze und Weiße – aufrecht gehen können, ohne Angst in ihren Herzen und ihres unveräußerlichen Rechts auf Menschenwürde sicher“, ist noch immer lang. Der Visionär selbst hat die Erfüllung nicht mehr erlebt. Nun starb Nelson Mandela im Alter von 95 Jahren im Kreis seiner Familie.

Angeschlagene Gesundheit

Zwei Krankenhausaufenthalte Anfang 2011 und Ende 2012 führten – zusammen mit einer chaotischen Informationspolitik des dafür zuständigen Präsidialamtes unter dem aktuellen Staatsoberhaupt Jacob Zuma – zu wilden Spekulationen über Mandelas Gesundheitszustand.

Mandela war im Sommer 2013 wegen einer schweren Lungenentzündung im Medi-Clinic-Heart-Krankenhaus in der südafrikanischen Hauptstadt behandelt worden. Seine letzten Wochen hatte der Friedensnobelpreisträger im Kreis seiner Familie verbracht. Lange Monate hieß es offiziell, Mandela befinde sich „in stabilem, aber kritischem Zustand“.

In der Öffentlichkeit ließ sich der in Südafrika wie ein Heiliger verehrte Mandela seit dem Finale der Fußballweltmeisterschaft im Juli 2010 in Johannesburg nicht mehr sehen, aus der aktiven Politik hatte er sich bereits lange zuvor zurückgezogen. Das Interesse am Gründungspräsidenten der südafrikanischen Regenbogennation ebbte dennoch nicht ab.

Von Rolihlahla zur Ikone

Es war der späte Tribut für ein entbehrungsreiches Leben im Kampf für die Freiheit. Geboren unter dem Namen Rolihlahla in Mvezo, einem kleinen Dorf in der heutigen Provinz Ostkap, ging Mandela als erstes Mitglied seiner Familie zur Schule. Von seiner Lehrerin bekam der zur Volksgruppe der Xhosa gehörende Junge dort seinen englischen Namen Nelson und entwuchs dem traditionellen ländlichen Leben schnell.

Südafrikas berühmtester Karikaturist Jonathan Shapiro hat die Entwicklung 1998 am treffendsten dargestellt. In seiner Zeichnung sitzt der junge Mandela in einem kleinen Klassenraum in der ersten Reihe. Draußen grast eine Kuh vor vier Rundhütten, an der Tafel steht die Frage „Was will ich werden?“ und die verblüffte Lehrerin liest dem herbeigerufenen Direktor Mandelas Antwort vor: „Rechtsanwalt, Aktivist, Freiheitskämpfer, Gefangener des Bewusstseins, Präsident, Versöhner, Nationen-Erbauer, Visionär und Ikone des 20. Jahrhunderts.“

Er entfloh einer arrangierten Heirat, ging in die hektische Wirtschaftsmetropole Johannesburg und studierte schließlich Jura. Während seiner Zeit an der dortigen Universtity of Witwatersrand lernte er spätere Schlüsselfiguren des Anti-Apartheid-Kampfes wie Joe Slovo kennen und arbeitete schließlich in einer Gemeinschaftskanzlei mit Oliver Tambo, dem späteren langjährigen Präsidenten des African National Congress (ANC), den auch Mandela noch prägen sollte.

Obwohl der junge Anwalt ursprünglich Anhänger eines gewaltlosen Widerstands war, engagierte er sich unter dem Druck des immer restriktiveren Apartheid-Staates federführend bei der Gründung der radikaleren ANC-Jugendliga.

Ziviler Ungehorsam

Aus Demonstrationen wurde ziviler Ungehorsam, doch vielen Schwarzen reichten symbolische Aktionen gegen die Unterdrücker nicht mehr. Der ANC drohte seinen Einfluss unter den Unterdrückten an militantere Gruppen zu verlieren. Schließlich – nach dem Massaker von Sharpeville, bei dem die Polizei 69 Demonstranten erschossen hatte – wurde Mandela Gründungsmitglied von Umkhonto we Sizwe, dem ‚Speer der Nation‘. Der bewaffnete Arm des ANC verübte Sabotageakte und Bombenanschläge gegen staatliche Infrastruktur, doch seine Gründungszelle flog schnell auf.

Im Rivonia-Prozess der Jahre 1963 und 1964 drohte Mandela die Todesstrafe. Das Schlusswort seiner Verteidigungsrede schmückt heute Museumswände: „Ich habe gegen weiße Vorherrschaft gekämpft, und ich habe gegen schwarze Vorherrschaft gekämpft. Ich habe das Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft gehegt, in der alle Menschen in Harmonie und mit gleichen Möglichkeiten zusammenleben. Es ist ein Ideal, für das ich zu leben und das zu erreichen ich hoffe. Aber wenn es sein muss, ist es ein Ideal, für das ich zu sterben bereit bin.“

Hoffnung trotz lebenslanger Haft

Mandelas Hoffnung überlebte, trotz der Verurteilung zu lebenslanger Haft, trotz der brutalen Zwangsarbeit im Steinbruch von Robben Island, jener berühmt-berüchtigten Gefängnis-Insel vor der traumhaft schönen Kulisse Kapstadts, wo heute Ex-Häftlinge Touristen durch die winzigen Zellen führen.

Mandela blieb seinen Idealen treu, auch – und das ist womöglich sein größtes Verdienst – nach der Befreiung. „Wir haben extra einen grünen Toyota Crescida aufgetrieben, weil Mandela einen großen Mercedes nicht akzeptieren wollte“, erinnert sich Faizel Moosa, der damalige Sicherheitschef des ANC in der Region um Kapstadt, an die Freilassung Mandelas im Februar 1991. In dem Nicht-Status-Wagen fuhr er ihn schließlich zur Grand Parade in der Innenstadt, wo ein kämpferischer Mandela seine Anhänger aufrief, „den Kampf an allen Fronten zu intensivieren“, und ausdrücklich auch den bewaffneten Kampf als „pure Verteidigungsaktion gegen die Gewalt der Apartheid“ bezeichnete.

Die Zeit der Verhandlungen hatte allerdings längst begonnen, schon lange vor Mandelas Freilassung trafen sich ANC-Größen um den späteren Mandela-Nachfolger Thabo Mbeki im Exil in Großbritannien mit Vertretern aus Wirtschaft und politischem Establishment Südafrikas, um die Rahmenrichtlinien für die Transition abzustecken. Als Mandela vom Kapstädter Rathausbalkon rief, dass „Verhandlungen nicht über den Köpfen oder hinter den Rücken unseres Volkes“ stattfinden könnten, war genau das längst geschehen.Was nach der ersten freien Wahl 1994 und dem Erdrutschsieg Mandelas folgte, war daher nicht das „bessere Leben für alle“, das sein ANC überall im Land auf Wahlplakaten versprochen hatte, sondern Marktliberalisierungen, Einschnitte bei Arbeitnehmerrechten und Arbeitsplatzverluste nach den damaligen Allheilmitteln des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank. Doch die Wut dafür zog weitestgehend Mbeki auf sich.

Friedensnobelpreis

Mandela blieb die Freiheitsikone, zu der ihn der ANC und die globale Anti-Apartheid-Bewegung über Jahrzehnte aufgebaut hatten. Realpolitisch war auch Mandela kein Zauberer, doch er vollbrachte es, sein zur weltweiten Identifikation mit den unterdrückten Südafrikanern aufgebautes Heldenbild selbst mit Leben zu füllen. Bereits 1993 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, würdigte Mandela die hohen Ehren auch in den Folgejahren mit seiner überragenden Rolle bei der Aussöhnung der entlang der Rassentrennlinien gespaltenen südafrikanischen Gesellschaft.

Nur ein Jahr nach seiner Wahl ins Präsidentenamt avancierte er zum größten Fan der Rugby-Nationalmannschaft, dem Team der Weißen, die vor heimischer Kulisse sensationell die Weltmeisterschaft gewannen. „Nie, nie und nie wieder soll dieses wunderschöne Land noch einmal die Unterdrückung des einen durch den anderen erfahren und die Erniedrigung erleiden, das Stinktier der Welt zu sein“, hatte Mandela bei seiner Vereidigung gesagt. Er meinte es ernst, er wollte der Präsident aller Südafrikaner sein, das Land über Rassengrenzen hinweg einen. Im Film Invictus setzte ihm Hollywood dafür ein spätes Denkmal.

Mandela hinterlässt in Südafrika ein enormes moralisches Erbe, das seine Nachfolger im zerstrittenen und von Vetternwirtschaft, Machtmissbrauch und Korruptionsskandalen erschütterten ANC derzeit nicht im Entferntesten würdigen können. Wie kein zweiter Präsident wurde Nelson Mandela von allen Südafrikanern, Weißen wie Schwarzen, geliebt. Als zuletzt zwar stiller, aber dennoch dauerhaft charismatischer, moralischer Fixpunkt wird er dem Land, seinen Menschen und nicht zuletzt dem ANC selbst fehlen. In ihrer Trauer um den außergewöhnlichen Staatsmann ist die Regenbogennation nun tatsächlich einmal vereint. Mandela hätte es verdient, dass sie es auch bleibt, wenn die Tränen getrocknet sind.