Ein Jahr vor dem Truppenabzug Afghanistan: Ein verunsichertes Land



Kabul/Masar-i Sharif. Bis Ende 2014 will die internationale Gemeinschaft ihre Truppen aus Afghanistan abziehen. Sie hinterlassen ein verunsichertes Land, das auf eigenen Füßen stehen will und doch die Selbstständigkeit fürchtet.

Als der Metalldetektor piept, ziehen sich die Brauen über den dunklen Augen zusammen. Irgendetwas Störendes ist in der Hosentasche. Der afghanische Soldat macht eine fordernde Handbewegung, die Tasche wird geleert. Neben ihm steht ein Bundeswehrsoldat und reckt den Daumen. „Das war richtig“, sagt er auf Englisch zu seinem Kollegen.

Am Eingang zum Camp Marmal, dem letzten verbliebenen Feldlager der Bundeswehr in Afghanistan, trainieren einheimische Sicherheitskräfte die Personenkontrolle. Sie sollen vorbereitet werden auf die Zeit, wenn die Deutschen nicht mehr da sind. Denn wie die übrigen Partnernationen der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (ISAF) will auch Berlin seine Truppen bis Ende 2014 aus dem Krisengebiet abziehen.

Für die Bundeswehr geht der Einsatz damit nach zwölf Jahren zu Ende. Bisher hält sie noch das Camp Marmal in Masar-i Sharif im Norden. Die Feldlager in Faizabad und Kundus hat sie bereits an die Afghanen übergeben. Rund 4100 Bundeswehrsoldaten sind noch im Land, 87000 ISAF-Soldaten aus fast 50 Nationen insgesamt. Zwei Drittel von ihnen kommen aus den USA.

„Den richtigen Zeitpunkt für einen Abzug finden Sie nie“, sagt Michael Vetter. Der Brigadegeneral sitzt im Camp Marmal, das jetzt, im Herbst, ein eisiger Wind umweht. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Bundeswehr hier rausfährt und Gefechte führt. In den Nordprovinzen, für die Deutschland in der ISAF-Mission die Verantwortung trägt, steht nun der Aufbau der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft im Vordergrund – „und den können Soldaten nicht leisten“, sagt Vetter.

Eine Selbstverständlichkeit ist diese Erkenntnis nicht. Lange galt der Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch als Mission zum Bau von Brunnen und Schulen, das Bild der Soldaten in Deutschland war das von Entwicklungshelfern in Uniform. Doch gerade in der Unruheregion Kundus lernten die Einsatzkräfte zu kämpfen, sie töteten und wurden getötet. Als der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg es 2010 erstmals wagte, von Krieg zu sprechen, erntete er empörte Reaktionen.

Den Zeitpunkt, wenn die internationalen Truppen gehen, erwarten viele Afghanen sehnsüchtig und fürchten ihn gleichermaßen. „Wir wollen auf eigenen Füßen stehen“, sagt Arash Younosi, Präsident der Industrie- und Handelskammer der Provinz Balkh . Im selben Atemzug fügt er hinzu: „Für die Stabilität brauchen wir internationale Unterstützung.“

Es ist ein Widerspruch, der nach afghanischem Verständnis keiner ist. Nichts hemmt die Entwicklung des Landes so sehr wie die schlechte Sicherheitslage. In der Hauptstadt Kabul gehören kleinere Anschläge zur Tagesordnung. In den Nordprovinzen ist es zwar relativ ruhig – von der Unruheregion Kundus einmal abgesehen –, doch im Rest des Staates, vor allem im Süden, sind die Taliban nicht geschlagen. In manchen ländlichen Gebieten hat die Zentralregierung gar ihren Einfluss verloren, dort bauen die Aufständischen ungerührt Parallelstrukturen auf.

Angst vor Chaos

Der Wunsch danach, dass auch nach 2014 ausländische Soldaten am Hindukusch stationiert bleiben, entspringt der Angst vor neuerlichem Chaos. 30 Jahre Krieg hat das geschundene Land hinter sich, die Besatzung durch die Sowjets seit 1978, einen blutigen Bürgerkrieg der Mudschaheddin in den frühen 1990er-Jahren, dann fünf Jahre unter den fanatischen Taliban. Seit deren Sturz durch die US-Armee im Jahr 2001 überziehen die Extremisten Teile des Landes mit ihrem Terror.

Die Gewalt der Aufständischen hatte im vergangenen Jahrzehnt ein klares Ziel: die in ihren Augen ausländischen Besatzer aus dem Land zu vertreiben. Dass die Truppen nun tatsächlich abziehen, rüttelt also an der Rechtfertigung ihres Terrors. Sie ändern daher seit einiger Zeit ihre Strategie und attackieren vermehrt afghanische Soldaten und Polizisten, die sie als „Puppen“ und „Söldner“ des Westens beschimpfen. 2000 einheimische Sicherheitskräfte starben alleine im vergangenen Jahr durch Taliban-Angriffe. Weil bei den Anschlägen oft auch Zivilisten umkommen, machen sich die Extremisten damit in der Bevölkerung keineswegs beliebt.

Dass die Taliban eine Chance haben, den Kampf gegen die Zentralregierung und deren Verbündete militärisch zu gewinnen, gilt in deutschen Diplomaten- und Militärkreisen als geradezu unmöglich. Wahrscheinlicher ist es nach Einschätzung von Beobachtern, dass die Extremisten weiterhin auf die Guerillataktik setzen und es darauf anlegen werden, einzelne Regionen und Städte zu kontrollieren.

Mit einem Siegeszug der Taliban wie Mitte der 90er-Jahre, als sie die Regierung in Kabul an sich rissen, rechnet niemand mehr. Einflussreiche afghanische Geschäftsleute und Politiker, die etwa für den Bau-Boom in aufstrebenden Städten wie Masar-i Sharif und auch Kabul verantwortlich sind, werden tunlichst versuchen, ein erneutes zerstörerisches Taliban-Regime und einen offenen Bürgerkrieg zu verhindern, um ihre Investitionen zu schützen.

Das nächste Jahr könnte richtungsweisend werden für Afghanistans Zukunft. Nicht nur steht der Truppenabzug an. Im April wird außerdem ein neuer Präsident gewählt. Hamid Karsai, seit 2001 an der Staatsspitze, steht nach zwei Amtszeiten nicht noch einmal zur Wiederwahl. Die Abstimmung über seinen Nachfolger gilt als Stresstest für die afghanische Demokratie. Die Angst geht um, dass die Anhänger der Kandidaten das Wahlergebnis womöglich nicht akzeptieren könnten. Eins kann Afghanistan auf keinen Fall gebrauchen: dass zum Kampf gegen die Taliban tiefe Zerwürfnisse innerhalb der Zivilgesellschaft kommen, die den Staat noch mehr destabilieren.

Sichtbare Erfolge

Nach mehr als zehn Jahren vor Ort können die USA und ihre Verbündeten zwar Erfolge vorweisen. Mehr Kinder, vor allem Mädchen, gehen zur Schule . Die medizinische Versorgung hat sich verbessert, Hunger und Armut wurden bekämpft.

Doch noch immer sind fast 80 Prozent der Afghanen Analphabeten, die Wirtschaft liegt in weiten Teilen darnieder, die Arbeitslosigkeit beträgt rund 60 Prozent. Und viele, die arbeiten, sind unterbeschäftigt und können von ihrem Einkommen nicht leben. Hinzu kommt die allgegenwärtige Korruption, die von der Polizeistation bis in höchste Regierungsämter grassiert. Erst kürzliche meldete „Spiegel Online“ die Bedenken der internationalen Geber, dass Hilfsgelder nach dem Truppenabzug in dunklen Kanälen versickern könnten – noch mehr als bisher sowieso schon.

Afghanistans Zukunft steht und fällt mit der Sicherheit im Land. Investoren kommen nur, wenn sie nicht um ihre Investitionen fürchten müssen. Zur Schule geht nur, wer den Weg dorthin gefahrlos zurücklegen kann. Auf wirtschaftlichen Aufschwung kann sich nur konzentrieren, wer nicht alle Energie darauf verwenden muss, Terroristen im eigenen Land zu bekämpfen.

Die Zweifel daran, dass die Regierung in Kabul diese Sicherheit eigenständig gewährleisten kann, scheinen angesichts der Situation im Land berechtigt. Ein afghanischer Filmemacher sagt geradeheraus: „Wir brauchen Beratung und Unterstützung. Auch über 2014 hinaus.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN