Wenn Polizisten lesen lernen Alphabetisierungskurse für Sicherheitskräfte



Masar-i Sharif. Etwa 70 Prozent der Polizisten in Afghanistan können nicht lesen und schreiben. Um dieses Defizit zu beheben, bietet die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) in den Nordprovinzen spezielle Alphabetisierungskurse an. Das Programm soll auf das ganze Land ausgeweitet werden.

Die Schulbücher sind akkurat aufeinandergestapelt, daneben liegt ein Schreibheft. Abdul Khalil lässt den Stift zwischen seinen Fingern hin und her gleiten. „Als Kind war ich manchmal in der Schule“, sagt er. „Ein Tag Unterricht, dann ist sie wieder zwei Monate ausgefallen.“ Er hält kurz inne. „Und dann“, sagt er, „kamen die Taliban.“

Abdul Khalil ist Anfang 20 und Polizist in Masar-i Sharif. Lesen und Schreiben hat er nie richtig gelernt. Unter seinen Kollegen steht er damit nicht alleine da: Rund 70 Prozent der Polizisten in Afghanistan sind Analphabeten. Als Kinder hatten sie wie Khalil keine Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Nun lernen viele von ihnen im Erwachsenenalter Lesen, Schreiben und Rechnen. In Alphabetisierungskursen, die von der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) angeboten werden.

„Anfangs habe ich mich gefragt: Wie soll ich gestandene Männer zum Lernen motivieren?“, erinnert sich Elke Schade. Sie koordiniert das Programm für die GIZ. „Doch das war gar nicht nötig. Die Kursteilnehmer sind unglaublich wissbegierig.“ Sie spricht von einer „Faszination, zu lernen“.

Seit 2009 fördert das Auswärtige Amt über die GIZ die Alphabetisierung von Polizisten. In allen neun Nordprovinzen laufen bereits Kurse. Im Sommer 2013 hat die GIZ begonnen, das Programm auf den Rest des Landes auszuweiten. Bisher haben 26000 Sicherheitskräfte am Unterricht teilgenommen.

Für die Männer und Frauen eröffnen sich durch die erworbenen Kenntnisse neue Möglichkeiten. Sie können bei Verkehrskontrollen plötzlich Führerscheine entziffern, die sie vorher unsicher in den Händen gedreht haben. Sie können Berichte über ihre Arbeit schreiben und die von anderen lesen. „Ich kenne nun meine Rechte und die der Menschen“, sagt Mohammed Hassan, Polizist und Kursteilnehmer. In seinen Unterrichtsmaterialien beziehen sich viele Übungen auf polizeirelevante Inhalte: wie er jemanden richtig festnimmt, welche Gesetze er dafür beachten muss, wie er sich als Polizist korrekt verhält. Dinge, die Hassan vorher nicht selbst nachlesen konnte.

Zusätzlich zum persönlichen Erfolg Einzelner soll die Alphabetisierung der Sicherheitskräfte dazu beitragen, das Image der afghanischen Polizei aufzupolieren. Korrupt, ungebildet, willkürlich – diesen Ruf von Polizisten gilt es zu verändern. Bildung sei dafür eine Chance, sagt Elke Schade. Sie erzählt außerdem von Kursteilnehmern, die plötzlich alles daransetzen, ihre eigenen Kinder zur Schule zu schicken – „weil sie merken, wie wichtig Lesen und Schreiben ist“.


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