Zelte als Klassenzimmer Bildung ist in Afghanistan nicht selbstverständlich



Masar-i Sharif/Kabul. Bildung ist der Schlüssel gegen Armut, heißt es. In Afghanistan haben immer mehr Kinder die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Doch die Lernbedingungen sind oft schlecht – und es fehlen Perspektiven für die berufliche Zukunft.

Nein, diese Zeltstadt ist kein Flüchtlingslager. Unter den grauen und braunen Planen sitzen am Vormittag Hunderte Mädchen mit weißen Kopftüchern auf hölzernen Schulbänken. Der Lehmboden unter ihren Füßen ist aufgeweicht vom Regen in der vergangenen Nacht. Gegen die herbstliche Kälte in Masar-i Sharif in Nordafghanistan liegen vereinzelt Plastikfolien über den Zeltdächern. Viele Mädchen tragen nur Sandalen an den nackten Füßen.

„Wir warten darauf, dass die neue Schule fertig wird“, sagt Saliim Tabish. Der Programm-Manager vom Regional Capacity Development Fund (RCDF) deutet auf ein weißes, zweistöckiges Gebäude gleich neben der Zeltreihe. Noch fehlen die Fenster. Tabish hofft, dass die Schüler und Lehrer noch vor dem Wintereinbruch einziehen können. Er koordiniert das Programm der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) , das im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) den Ausbau der Infrastruktur in Nordafghanistan fördert. Dazu zählen die Errichtung von Verwaltungsgebäuden, Gesundheitszentren oder eben auch Schulen. Diese kostet 460000 Euro. Das Geld stellt das BMZ zur Verfügung.

Aus den Zelten dringt Gemurmel, aus manchen Lachen, aus anderen Gesang. Laut ist es in dieser Schule unter freiem Himmel, die Planen dämpfen die Geräusche kaum. Manchmal zwängen sich die Lehrerinnen durch die Bankreihen, oft bleiben sie einfach vorne stehen, so eng ist es. Die Tafel schwankt ein wenig auf der instabilen Wand, als eine Schülerin mit Kreide darauf schreibt. Auf eine Frage schnellen zwei Dutzend Finger in die Höhe.

„Die Kinder wollen lernen“, sagt die Lehrerin Khadija Karimy. Zur Schule zu gehen, das ist noch immer ein Privileg in Afghanistan. Dafür nehmen die Kinder lange Wege auf sich, kommen auch dann zu Fuß, wenn die Straßen vom Regen aufgeweicht sind. Um 6.30 Uhr beginnt die erste Stunde für die Mädchen. Die Jungen sind nachmittags dran. Obwohl Schulpflicht besteht, besuchen nicht alle afghanischen Kinder den Unterricht. Das liegt daran, dass es nicht überall im Land Schulen gibt; daran, dass Kinder arbeiten müssen, um ihre Familien zu ernähren; daran, dass ihre Eltern nicht die Notwendigkeit sehen. Oder es liegt am Terror der Taliban, die in manchen Regionen so viel Unsicherheit verbreiten, dass niemand sich hinaustraut. Auch nicht zur Schule.

Als die US-Armee 2001 die Taliban stürzte und die internationalen Truppen ins Land kamen, hatte Afghanistan schon mehr als 20 Jahre Krieg hinter sich. Zwei Jahrzehnte, in denen nur zerstört, nichts aufgebaut worden war. Bildung spielte während des Kampfes gegen die Sowjets und zur Zeit des Bürgerkriegs keine Rolle; während der fünfjährigen Taliban-Herrschaft war sie verboten – mit Ausnahme des Koranstudiums.

Im Vergleich dazu hat sich viel verbessert. Die Zahl der Schüler hat sich dem Auswärtigen Amt zufolge von 2001 bis 2010 auf 7,2 Millionen verfünffacht, 2,7 Millionen davon sind Mädchen. Trotzdem werden immer noch nur 55 Prozent eines Altersjahrgangs eingeschult. Die Bundesregierung hat den afghanischen Bildungs- und Kultursektor seit 2002 mit 130 Millionen Euro unterstützt.

Ähnlich wie der Wirtschafts- oder Energiebereich kämpft auch das Bildungssystem noch immer damit, dass es sich nach 2001 komplett neu erfinden musste. Es gab nichts, an das sich anknüpfen ließ. „Kurse, Inhalte, Stundenpläne – wir mussten bei null anfangen“, skizziert Osman Babury, stellvertretender Minister für höhere Bildung, vor Journalisten in Kabul die Probleme. Das gelte für die Grundbildung ebenso wie für Berufsschulen und Universitäten.

Die Jugendlichen, die ihren Schulabschluss schaffen, stehen vor den nächsten Hürden. Eine Ausbildung zu machen oder Arbeit zu finden gestaltet sich schwierig in einem Staat, dem funktionierende Wirtschaftsstrukturen fehlen. 60 Prozent der arbeitsfähigen Afghanen sind ohne Job, viele, die arbeiten, unterbeschäftigt. Und doch zeigt die Begeisterung, mit der die Kinder zur Schule gehen oder Erwachsene an Bildungsprogrammen teilnehmen und in Alphabetisierungskursen sitzen, wie sehr sich das Land nach Wissen und damit der Chance auf eine bessere Zukunft sehnt.

In den Zelten in Masar-i Sharif neigt sich der Schulvormittag der Mädchen langsam dem Ende zu. Eine Stunde dauert es noch, bis der Unterricht für die Jungen beginnt. Einige von ihnen stehen schon auf der lehmigen Straße vor der Schule. Kleine Rucksäcke auf die Rücken geschnallt, warten sie darauf, dass sie endlich dran sind.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN