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13.11.2013, 17:21 Uhr

Der Fall Wulff: Ein Lehrstück für jeden

Von Burkhard Ewert


Hoher Aufstieg, tiefer Fall: Christian Wulff in diesen Tagen in Hannover. Foto: dpaHoher Aufstieg, tiefer Fall: Christian Wulff in diesen Tagen in Hannover. Foto: dpa

Osnabrück. Kurios: Da wird in Hannover immenser Aufwand betrieben mit einem Prozess gegen Christian Wulff, dessen Ausgang eigentlich egal ist. Um ein juristisches Ergebnis jedenfalls geht es in der Affäre schon lange nicht mehr, ging es vermutlich nie.

Wird der frühere Präsident freigesprochen, werden seine Kritiker behaupten, juristisch sei ihm vielleicht nicht beizukommen. Moralisch aber sei sein Verhalten verwerflich gewesen. Und muss Wulff zahlen, ist die Sache sowieso klar.

Gewinnen kann er in diesem Prozess also kaum. Selbst ein positives Urteil wird seinen Ruf nicht mehr retten. Und so liegt die eigentliche Relevanz der Affäre nicht darin, ob nach Dutzenden und teils lächerlichen Anschuldigungen nun noch ein vergleichsweise kleiner justiziabler Verstoß vorliegt oder nicht. Wulffs Geschichte ist vielmehr die einer klassischen Tragödie. Aus einfachen Verhältnissen stammend, arbeitete er sich beharrlich nach oben. Rückschläge gab es reichlich, Spott in seinen frühen politischen Jahren ebenfalls. Doch Wulff wuchs daran, erreichte eine Glanzzeit als niedersächsischer Ministerpräsident, lag sogar ganz vorn im Ranking der beliebtesten deutschen Politiker. Selbst die damalige Opposition stimmt heute zu: Das Land hat Wulff viel zu verdanken.

Nur: Irgendwann in diesen Jahren, vielleicht als vermeintlich gerechten Lohn für harten Weg und harte Arbeit empfunden, wuchsen besonders während der zweiten Ehe die Ansprüche. Teure Essen hier, Luxushotels dort. Gefälligkeiten hüben, Gratisreisen drüben. Immer noch mühte sich Wulff, einwandfrei zu arbeiten. Eine böse Absicht zu unterstellen, geht fehl und ging es vor allem beim Auslöser der ganzen Affäre - dass ihm die befreundete Familie Geerkens sein Haus vorfinanzierte.

Aber zu sehr legte Wulff es darauf an, die Früchte seines Erfolgs zu genießen - und zwar auch dann, wenn sie faulig waren. Was folgte, ist bekannt: Dem steilen Aufstieg bis ins höchste Staatsamt folgte der tiefe Fall. Die erste Ehe zerbrochen, dann die zweite, das Amt verloren, finanziell seit Jahren am Boden, in der Öffentlichkeit der Lächerlichkeit preisgegeben und phasenweise von einer böswilligen Häme verfolgt, die ungerecht war.

Vor Gericht mag nun also ein Urteil gefunden werden. Die eigentliche Aufarbeitung findet aber besser andernorts statt. Denn jeder sollte aus diesem Lehrstück für das Leben seine eigenen Schlüsse ziehen. Ob neidzerfressener Ankläger oder auch selbst mal in Gefahr, die Erdung zu verlieren: In diesem Drama findet sich jeder wieder.

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