Brennstoff-Bergung Havariertem Atomkraftwerk Fukushima droht Katastrophe

Brennstäbe im Atomkraftwerk Fukushima. Foto: dpaBrennstäbe im Atomkraftwerk Fukushima. Foto: dpa

Tokio. In wenigen Tagen beginnt der bislang gefährlichste Schritt beim Rückbau des havarierten Atomkraftwerks im japanischen Fukushima – die Bergung von rund 400 Tonnen Brennstoff. Die Bergung ist wegen Erdbebengefahr unerlässlich, aber auch extrem riskant. Experten sprechen von Neuland.

Von Susanne Steffen

In Fukushima beginnt in wenigen Tagen die Bergung von 400 Tonnen Brennstoff. Die Bergung der Brennstäbe sei der gefährlichste Moment in der Menschheitsgeschichte seit der Kuba-Krise, schreibt der Journalist und Umweltaktivist Harvey Wassermann in einer Petition an die Vereinten Nationen, in der er fordert, diese Aufgabe nicht der skandalumwitterten Betreiberfirma Tepco zu überlassen. Sollten die hochgradig radioaktiven Brennstäbe bei der Bergung aus dem Abklingbecken versehentlich an die Luft gelangen, könnten sie sich entzünden und gigantische Mengen Radioaktivität freisetzen, so sein Unfallszenario. Die Brennstäbe müssen geborgen werden, da das Gebäude bei einem Erdbeben einstürzen könnte.

Atomexplosion möglich

Beinahe jeder Bergungsschritt birgt die Gefahr einer Katastrophe. Der weitaus größte GAU droht jedoch, wenn das Abklingbecken einstürzt, bevor es geleert wird – da sind sich die meisten Experten einig. Wenn die Brennstäbe übereinander fallen und an die Luft gelangen, drohe eine Kettenreaktion und schlimmstenfalls eine Atomexplosion bislang ungekannten Ausmaßes. Die insgesamt 1533 Brennstäbe in Block 4 enthalten Schätzungen zufolge etwa 14000-mal so viel Radioaktivität wie die Hiroshima-Bombe.

Eigentlich ist die Leerung eines Abklingbeckens eine Routineaufgabe in Atomkraftwerken. Doch das Gebäude von Reaktor 4 wurde durch eine Wasserstoffexplosion vor mehr als zweieinhalb Jahren schwer beschädigt und gilt seitdem laut Experten als einstürzgefährdet. Jede Menge Trümmer waren zwischen den Brennstäben im Abklingbecken gelandet. Da die Explosion das Dach weggeblasen hatte, lag das Becken, das im 5. Stock des Reaktorgebäudes untergebracht ist, lange Zeit unter freiem Himmel. Einige Experten fürchten, dass auch die Brennstäbe beschädigt worden sein könnten, doch die Tepco behauptet, mit bloßem Auge seien keine Schäden zu erkennen.

Experte ruft zum Beten auf

Mittlerweile hat Tepco die Betonstrukturen verstärkt, das Reaktorgebäude umhüllt und Stahlgerüste mit neuen Kränen angebracht, mit denen die Brennstäbe geborgen werden sollen. Dennoch: Angesichts des desolaten Zustands von Gebäude und Abklingbecken sei die Bergung der Brennstäbe „völlig unbekanntes Terrain“, warnte ein nicht namentlich genannter Mitarbeiter eines großen Herstellers von Atomkraftwerken in der japanischen Zeitschrift „Shuukan Asahi“. „Wir können nur beten, dass alles gut geht“, so der Spezialist für Brennstabtransporte.

Selbst der Leiter der japanischen Atomaufsicht, Shunichi Tanaka, gab vor wenigen Tagen zu, dass ihm die Leerung der Abklingbecken noch viel mehr Bauchschmerzen bereite als die gigantische Menge radioaktiv verseuchtes Kühlwasser, wegen dem das Unglückswerk in den vergangenen Wochen und Monaten weltweit in die Schlagzeilen geraten war. Dennoch hatte Tanaka den Bergungsplan von Tepco nach einigem Hin und Her abgesegnet. Noch in diesem Monat soll die Bergung beginnen, der genaue Termin ist unbekannt.

Kräne werden per Hand gesteuert

„Bislang haben wir die Abklingbecken mit Hilfe von Computern geleert, die die Position der einzelnen Brennstäbe bis auf den Millimeter genau kannten. Das geht jetzt nicht mehr. Jetzt müssen die Kräne per Hand gesteuert werden. Die Gefahr, dass ein Brennstab dabei zerbricht, ist groß“, sagte ein ehemaliger Tepco-Techniker der Nachrichtenagentur Reuters. Sollte ein Brennstab verbogen sein oder sich mit verbliebenen Trümmerteilen verkeilen, könnte er ebenfalls zerbrechen und mit anderen Brennstäben zusammenstoßen, was eine Bergung unmöglich machen würde. Falls der Kranführer einen Brennstab versehentlich so hoch zieht, dass er aus dem Wasser ragt, droht die Freisetzung von Radioaktivität. Die Arbeiter müssten evakuiert werden.


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