Schutz vor allem fürs Meer EU will den Verbrauch von Plastiktaschen bekämpfen

Von Detlef Drewes

Vor allem die Meere leiden unter Plastikmüll wie Tüten und Flaschen – wie hier am Atlantikstrand von Ngor im Senegal.Foto: dpaVor allem die Meere leiden unter Plastikmüll wie Tüten und Flaschen – wie hier am Atlantikstrand von Ngor im Senegal.Foto: dpa

Brüssel. Es ist dieser Handgriff an der Gemüsetheke, der die EU-Kommission ärgert: Eine dünne Plastiktüte wird abgerissen, drei Äpfel rein, nach Hause getragen, das Plastik wandert in den Abfall. Genau 25 Minuten benutzen die EU-Bürger jene 968 Milliarden Tütchen im Schnitt, ehe sie diese auf den Müll werfen. Werden sie nicht verbrannt oder recycelt, brauchen sie zwischen 300 und 500 Jahre, um vollständig zersetzt zu werden.

„Jedes Jahr landen in Europa rund acht Milliarden Plastiktüten auf dem Müll“, sagte Brüssels Umweltkommissar Janez Potocnik am Montag, als er seinen Aktionsplan vorstellte, mit dem er die Mitgliedstaaten zum Handeln drängen will. Hohe Gebühren oder gar ein völliges Verbot – für die EU ist alles in Ordnung, wenn der Plastik-Wahn nur endlich ein Ende hat.

Es geht der Kommission vor allem um die besonders dünnen, fast transparenten Tütchen mit einer Wandstärke von unter 50 Mikrometer (0,05 Millimeter). Sie machen rund 90 Prozent des Plastikmülls aus, der in vielen Mitgliedstaaten nicht ordnungsgemäß recycelt wird. 198 solcher Tüten verbraucht der Durchschnittseuropäer, 71 ein Deutscher, 500 die Polen, Portugiesen, Litauer und Ungarn. Lediglich vier sind es in Finnland und Dänemark, in Irland 21 – Ergebnis einer Abgabegebühr von 22 Cent. Nun will Brüssel den Verbrauch der kleinen Säckchen um mindestens 80 Prozent drücken.

Hauptproblem Recycling

Doch im Europäischen Parlament sind die Abgeordneten nicht sicher, ob dieser Vorstoß „ohne irgendeine sinnvolle Orientierungsgröße“ tatsächlich etwas bringt. Herbert Reul, Chef der CDU-Abgeordneten im Parlament, sagt: „Das wahre Problem ist doch die mangelnde Entsorgung oder das Recycling von Plastiktüten.“

Schon vor Jahren hatte die Gemeinschaft sich eine Richtlinie gegeben, in der der Umgang mit Verpackungsmüll geregelt ist. Die Plastiktaschen gehören dazu. Schon damals ging es auch darum zu verhindern, dass 250 Milliarden Kunststoffteilchen – Überreste auch von Tüten – mit einem Gesamtgewicht von mehr als 500 Tonnen zwischen der Adria und der türkischen Riviera in der See treiben. Der CDU-Europa-Abgeordnete und Umweltexperte Karl-Heinz Florenz weiß, dass die Verpackungsmüll-Richtlinie nicht konsequent umgesetzt wird: „In 20 Ländern der EU geht der Müll ungetrennt einfach auf die Deponie. Das ist eine Todsünde.“

Umweltschützer warnen schon seit Jahren vor den Gefahren für das ökologische Gleichgewicht. Zwischen Kalifornien und Hawaii treibt nach Erkenntnissen der Umweltexperten der UN ein etwa drei Millionen Tonnen schwerer Müllstrudel, dessen Fläche etwa so groß ist wie Mitteleuropa. Hier kommen auf ein Kilo Plankton sechs Kilo Müll. Jährlich verenden rund eine Million Vögel, weil sie kleine Teile dieser Plastikreste gefressen haben. Einer der Gründe: Von den 380 Milliarden Plastiktüten, die die USA jedes Jahr verbrauchen, werden nur zwei Prozent wiederverwertet.

Der Vorstoß des EU-Kommissars dürfte im Europäischen Parlament auf einhellige Zustimmung treffen. Der Sozialdemokrat Jo Leinen sagte: „Nicht jede Orange muss in einer eigenen Plastiktüte transportiert werden. Um den Verbrauch zu senken, sollten Plastiktüten nicht mehr kostenlos an die Kunden ausgegeben werden. Der Preis für die Tüten muss die verursachten Kosten für die Umwelt widerspiegeln.“ Ob die zuständigen Minister der Mitgliedstaaten das aber genauso sehen, muss sich erst noch herausstellen. Die Zeit bis zur Europawahl 2014 dürfte ohnehin nicht mehr reichen, um das Kommissionspapier noch zu verabschieden.