Korea, Palästina, Georgien Der Traum vom Ende der Teilung

Von Christian Schaudwet

<em>Den Verhandlungsort Panmunjom</em> an der innerkoreanischen Grenze zeigte das Foto von Kai Wiedenhöfer in der Berliner Mauer-Ausstellung „Wall on Wall“ Foto: ImagoDen Verhandlungsort Panmunjom an der innerkoreanischen Grenze zeigte das Foto von Kai Wiedenhöfer in der Berliner Mauer-Ausstellung „Wall on Wall“ Foto: Imago

Osnabrück. Mauern und Stacheldraht trennen Menschen an vielen Orten der Welt. Von Korea bis Palästina hoffen Optimisten auf den Tag, an dem die Grenzen, die ihre Heimat teilen, verschwinden. Wie in Deutschland vor 23 Jahren.

Es war Südkoreas größte Militärparade seit zehn Jahren, zu der Präsidentin Park Geun-hye am Dienstag die Streitkräfte des Landes aufmarschieren ließ. Park mahnte zu einer „starken Abschreckung“ – so lange, bis der Norden sein Atomprogramm aufgebe.

Annäherung klingt anders. Drohungen, Machtdemonstrationen, Aufrüstung und Hacker-Angriffe prägen das Verhältnis der beiden koreanischen Staaten. Die Vorstellung einer Wiedervereinigung des seit dem Bruderkrieg von 1950 bis 1953 geteilten Volkes wirkt angesichts dessen wie eine Utopie.

Und dennoch: Südlich und nördlich der waffenstarrenden Grenze gibt es Menschen, die darüber nachdenken, wie eine Wiedervereinigung psychologisch, verwaltungstechnisch und vor allem wirtschaftlich zu bewerkstelligen wäre. Südkorea unterhält ein Ministerium für Wiedervereinigung, auch alle anderen Ministerien haben Abteilungen für Wiedervereinigungsfragen. Die meisten Universitäten des Landes widmen dem Thema eigene Lehrstühle.

Eines ist allen Forschern klar: Der Aufwand, die rückständige nordkoreanische Wirtschaft auf ein wettbewerbsfähiges Niveau zu bringen, wäre gewaltig. Nach Berechnungen des südkoreanischen Finanzministeriums würden die nötigen Investitionen und Unterstützungsleistungen den Süden über eine Dekade jährlich umgerechnet 60 Milliarden Euro kosten und ihm bis zu sieben Prozent seiner Wirtschaftsleistung entziehen.

Der deutsche Ökonom Ulrich Blum, Wirtschaftsprofessor an der Universität Halle-Wittenberg, hält diese Schätzungen noch für untertrieben und sieht Südkorea zu einer Wiedervereinigung kaum in der Lage: „Der starre südkoreanische Arbeitsmarkt müsste im Vorfeld liberalisiert werden, damit Nordkoreaner überhaupt eine Chance hätten“, nennt Blum eines von vielen Risiken. Der Forscher zieht Rückschlüsse aus der deutschen Wiedervereinigung und berät sowohl die Regierung in Soul als auch die Regionalmacht China für den Fall einer Öffnung des Nordens.

Sorge bereitet ihm und den koreanischen Planern für den Tag X besonders die Flut von Migranten aus dem Norden, die der Süden aufnehmen müsste. Was ein solcher Exodus auch jenseits der ökonomischen Kosten bedeuten würde, zeigen die Erfahrungen südkoreanischer Betreuer in Schulungs- und Eingewöhnungszentren für Flüchtlinge aus dem Norden. Im „Haus der Einheit“ rund 70 Kilometer südlich von Seoul üben die Überläufer das Leben in einer technisierten, digitalisierten Gesellschaft. Ausbilder bringen ihnen bei, wie man einen Computer und das Internet benutzt, wie moderne Waschmaschinen funktionieren, wie man Geld an einem Automaten abhebt. Viele scheitern dennoch in der neuen Welt, finden keinen Job, verarmen.

Wohl an keinem geteilten Ort der Welt ist der Kontrast zwischen dem Leben von Menschen dies- und jenseits der Grenze so hart wie in Korea. Doch die dauerhafte Teilung ist kein allein koreanisches Phänomen. Zäune und Mauern ziehen sich auch durch andere Regionen:

Die Mittelmeerinsel Zypern etwa ist seit der Besetzung ihres Nordens durch türkische Truppen im Jahre 1974 in ein griechisch und ein türkisch dominiertes Gebiet geteilt. Von UN-Friedenstruppen bewacht, verläuft die Grenze unter anderem durch die größte Stadt der Insel, Nikosia. Ungeachtet eines UN-Wiedervereinigungsplans und des EU-Beitritts der Republik Zypern im Süden steht eine Vereinigung der beiden Inselteile derzeit in den Sternen. Mehr oder weniger durchlässige, teils mit Mauern befestigte Grenzen durchziehen auch das palästinensische Westjordanland und die nordirische Hauptstadt Belfast. Ein Erbe der zusammengebrochenen Sowjetunion ist die Dreiteilung Georgiens in den georgischen Staat und die beiden abtrünnigen Gebiete Südossetien und Abchasien. Beide Grenzen werden scharf bewacht, genau wie die Trennlinie zwischen Aserbaidschan und dem abtrünnigen Bergkarabach.