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Im Emsland aufgewachsen, als 9/11-Terrorist gesucht: Weggefährten erinnern sich an Said Bahaji „Er war ein ganz normaler Junge“


Haselünne/Haren. Er ist einer der meistgesuchten Männer der Welt: SaidBahaji. Der 36-Jährige gilt als Logistiker der Gruppe um Flugzeugattentäter Mohammed Atta, die die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA vorbereitete und ausführte. Von ihm fehlt auch zehn Jahre später jede Spur.

Dass Bahaji einmal derart traurige Berühmtheit erlangen würde, ahnte 1975 niemand. In dem Jahr wurde er im Haselünner St.-Vinzenz-Hospital als Sohn eines Marokkaners und einer Deutschen geboren. Seine Kindheit verbrachte er im beschaulichen Emsland. Ein halbes Jahr lebte die Familie in Herzlake, zog von dort nach Fehndorf bei Haren, wo sie bis Juli 1984 wohnte. Danach ging sie nach Marokko.

Said war ein durchschnittlicher Schüler, brachte allerdings in Rechtschreiben auch schon mal eine Fünf nach Hause. „Dafür war er in Mathe und Aufsatzschreiben ganz gut“, erinnert sich ein Mitschüler. Mit Namen möchte er nicht genannt werden – aus Angst. Dieses Wort fällt immer wieder, egal, wen man im Dorf nach den Bahajis fragt. Einer Mitschülerin hat der junge Said eine Widmung in ihr Poesiealbum geschrieben. Sie möchte ebenso auf keinen Fall in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten wie ein anderer früherer Klassenkamerad und Freund. Er hatte zu der Zeit, als Bahji schon in Hamburg war, noch ein paar Mal Kontakt mit ihm, besuchte ihn dort.

Auch ein weiterer guter Schulfreund möchte nicht mit dem Namen in der Zeitung erscheinen. Er erzählt, dass Said und er als Kinder jeden Tag etwas zusammen unternommen haben, zum Beispiel Fußball spielen. Die Jungs gingen gegenseitig in den Elternhäusern des anderen ein und aus. Ein Foto vom Mai 1983 zeigt den heute 37-Jährigen mit Said Arm in Arm auf der Fensterbank bei sich daheim. Beide Familien wohnten nebeneinander. „Da war überhaupt nichts Auffälliges. Es war eine völlig normale Familie, in der nichts Radikales zu erkennen war“, sagt der fünf Jahre ältere Bruder des Fehndorfers. Noch gut erinnert er sich, dass Saids Vater von den Kneipen- und Discogästen immer „Abbi“ genannt wurde. Der Mann sei beliebt gewesen. Dass dessen Sohn an den Terroranschlägen beteiligt sein soll, habe vor zehn Jahren bei den meisten im Ort einen Schock ausgelöst.

Wie Said Bahaji in die Terroristenkreise geraten ist – für viele, die früher mit ihm zu tun hatten, ist das ein großes Rätsel. „Er war damals ein ganz normaler Junge, war wie alle anderen in dem Alter munter und hat viel in der Dorfgemeinschaft gespielt“, erinnert sich Bernhard Berentzen. Der frühere Rektor der Fehndorfer Grundschule unterrichtete Said auch selbst. Der 71-Jährige hat ihn aus jenen Tagen noch gut vor Augen. Erklären kann er sich Saids radikalen Gesinnungswandel absolut nicht.

Die, die ihn in Fehndorf gut kannten, schließen nicht aus, dass er bereits nach der Rückkehr der Familie nach Marokko irgendwann in falsche Kreise geraten ist. „Von dort könnte er sogar gezielt nach Hamburg geschickt worden sein, hat vielleicht nach außen von Anfang an ein Leben vorgegeben, das nur Schein war, das ablenken sollte“, mutmaßt ein 41-Jähriger.

Bereits kurz nachdem bekannt wurde, dass Said Bahaji als 9/11-Mittäter gesucht wird, hatte die inzwischen verstorbene Elfriede S. gegenüber unserer Zeitung gesagt, er müsse da „irgendwie hineingeraten sein, ohne die Folgen zu sehen“. Sie war die ehemalige Betreiberin jener Gaststätte „Zur Sonne“, die Bahajis Vater Abdallah samt Diskothek von 1978 bis Mitte der 1980er-Jahre pachtete.

Er sei in schlechte Kreise geraten, vielleicht auch neugierig geworden, und „plötzlich habe er nicht mehr herausgekonnt“, vermutete die damals 75-Jährige. Mit vollem Namen wollte sie nicht in der Öffentlichkeit erscheinen. Auch sie hatte Angst, ihr könne etwas angetan werden. Die Bahajis hatte die mittlerweile verstorbene Brandenburgerin als „eher unauffällige Familie“ beschrieben. Vor allem Saids Mutter Anneliese sei im Ort sehr angesehen und beliebt gewesen.

Said und seine ein Jahr ältere Schwester Maryam kannte Elfriede S. durch ihre regelmäßigen Besuche in der Gaststätte und der dort angegliederten Wohnung. Ein richtiger Wirbelwind sei der kleine Said gewesen. Er habe, anders als Maryam und die ältere, seinerzeit etwa 18 Jahre alte Halbschwester Touria, viele Freiheiten genossen. Dass Abdallahs Erziehung in der Kindheit Einfluss auf die spätere Gesinnung Saids gehabt habe, schloss Elfriede S. aus. Der Vater sei zwar sehr religiös, aber nicht radikal gewesen.

Erklärungen? Die hatte seinerzeit auch seine Mutter nicht. Kurz nach den Anschlägen sagte die damals in der Nähe von Osnabrück Lebende gegenüber unserer Zeitung, sie könne es sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihr Sohn etwas mit der terroristischen Organisation zu tun habe. Said sei „nicht gewaltbereit, sondern hilfsbereit und religiös.“ Möglicherweise sein eigenes Leben ausgelöscht zu haben widerspreche völlig seiner Lebensplanung.

Nach Pakistan

Zu der gehörten seine Frau und der im März 2001 zur Welt gekommene Sohn Omar. Mit ihnen lebte Bahaji in Hamburg. Von dort sei Said, der Informatik an der Technischen Uni Hamburg-Harburg studierte, am 3. September nach Pakistan geflogen – für ein vierwöchiges Pflichtpraktikum, wie seine Mutter damals sagte. Kontakt habe sie danach nicht mehr gehabt. Nur ihre türkische Schwiegertochter habe nach Ankunft des Ehemanns in Pakistan eine E-Mail erhalten.

Dass Bahaji seinerzeit tatsächlich für ein Praktikum nach Pakistan geflogen ist, ist zweifelhaft. Ramzi Binalshibh, der als Helfer der Todespiloten gilt und mit Said befreundet war, hatte nach seiner Festnahme am Jahrestag der Anschläge 2002 ausgesagt, er habe ihm Ende August geraten, wenn er nach Afghanistan gehen wolle, solle er das jetzt machen. Später würde es schwieriger werden.

Saids Spur verliert sich in jener Zeit. Immer wieder wurde und wird gemutmaßt, er halte sich nach wie vor in Pakistan auf. Fest steht: Er hatte eine Woche vor den Anschlägen in New York, offenbar zusammen mit weiteren Islamisten, von Deutschland einen Flug nach Karatschi gebucht. Und in Südwaziristan nahe der afghanischen Grenze fanden pakistanische Soldaten 2009 Saids vorläufigen Reisepass, ausgestellt am2. August 2001 in Hamburg-Harburg. Darin ist ein Einreisestempel für Pakistan mit Datum 4. September 2001.


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