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Ein 55 Jahre altes Rätsel ist gelöst

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Köln. Einst rettete Wilma Droemont ein Tagebuch aus dem Altpapier. Jetzt kommt heraus: Es sind Reisenotizen eines berühmten Persepolis-Forschers aus den Zwanzigerjahren.

Es war ein Briefumschlag, der auf dem ratternden Fließband einer Kölner Altpapierfabrik zwischen Papierbergen herausschaute wie ein verziertes Relief aus einem Trümmerhaufen. Am Fließband stand Wilma Droemont. Und die junge Briefmarkensammlerin griff sofort zu.

Unter dem Briefumschlag entdeckte die 31-jährige Fabrikarbeiterin einen Reisepass, und unter dem Pass ein Tagebuch. Ein kleiner Schatz für die neugierige Sammlerin. Sekunden später zermalmte der Mühlstein am Ende des Fließbands die Papierreste zu Mus.

55 Jahre ist das her, und für Wilma Droemont war es ein 55-jähriges Rätsel. Alle paar Jahre griff sie zum jackentaschengroßen Buch, das sie in ihrem Sekretär aufbewahrte. Der Titel auf der ersten Seite, „Aufzeichnung einer Reise nach Südpersien“, klang einfach viel zu interessant, als dass sie es hätte wegschmeißen können. „Aber der Name des Tagebuchschreibers, Friedrich Krefter, sagte mir leider nichts“, erzählt die heute 86-Jährige. So schlummerte das Tagebuch im Schreibtisch – bis vor Kurzem eine Fernsehdokumentation über Persepolis lief und den Stein ins Rollen brachte. Das Ergebnis: In wenigen Wochen werden drei amerikanische Forscher aus dem „Oriental Institute“ aus Chicago anreisen und das Tagebuch unter die Lupe nehmen. Das Institut hatte einst aufwendige Ausgrabungen in Persepolis finanziert. Es ist eine kleine Sensation, die im Sekretär von Wilma Droemont erhalten blieb.

In leicht verblasster Sütterlinschrift sind die Seiten beschrieben, so klein und eng, dass die Sätze fast nur mit der Lupe zu lesen sind. Der erste Eintrag stammt vom 1. April 1928. Der junge Berliner Architekt Friedrich Krefter erreicht die Ruinen von Persepolis, der Residenzstadt des mächtigen, antiken Perserreichs, das sich über drei Kontinente erstreckte. 330 vor Christus hatte Alexander der Große die Residenzstadt komplett niederbrennen lassen. In den Ruinen forscht Ernst Herzfeld, einer der bekanntesten deutschen vorderasiatischen Archäologen, und Krefter soll sein Assistent werden. Mit rund 400 Helfern graben sie dort die Palastruinen des Perserreiches aus. Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis sie den Schatz von Persepolis finden.

Das Tagebuch ist die einzige erhaltene Quelle, die über die ersten Arbeiten des jungen Krefter berichtet. Ein weiteres Tagebuch ist schon länger in den Händen des Sohnes. Kein Wunder, dass sich Heiko Krefters Stimme jetzt beinahe überschlägt vor Begeisterung. Der Sohn des Orientforschers sitzt neben Wilma Droemont im Wohnzimmersessel. „Das ältere Tagebuch beginnt 1932. In telegrammartigen Einträgen hat mein Vater festgehalten, was wann wo gefunden wurde. Das neue Tagebuch ist anders geschrieben“, sagt der Nachfahre. In teils blumigen Einträgen beschreibt sein Vater die Landschaft, hält aber auch detailliert Planungen fest, etwa zur Abreise seiner Expeditionsmannschaft: „6 Personen, 1 Hund, 1000 kg Gepäck. 1 Fotoapparat, 300 Fotoplatten, 2 Theodoliten, Kompasse, Barometer, Goldwaage, Zeichenmaterial in großen Mengen, ferner vier Zelte.“ Skizzen von der Baustelle finden sich kaum. Der junge Friedrich Krefter befindet sich noch ganz am Anfang seines Abenteuers.

Fünf Jahre später, 1933, finden er und Herzfeld in einer Festungsmauer 30000 beschriftete Tontafeln, die durch Alexanders Feuer unbeabsichtigt gehärtet wurden. Es ist das einzig erhaltene Archiv des damaligen Persischen Reiches; die Tafeln geben genaue Auskunft über das Leben der Perser. Kurze Zeit später findet Krefter eine Vertiefung im Boden – und in zwei Meter Tiefe die aus purem Gold gefertigten Gründungsurkunden des Apadana-Palastes. Der berühmte Palast wurde im Jahre 515 vor Christus erbaut, von Dareios I., dem Gründer von Persepolis.

Doch diese Geschichte kannte Wilma Droemont all die Jahre nicht. Das Tagebuch ruhte weiter im Sekretär, mittlerweile in Bonn, wo sie eine Wohnung bezog. Friedrich Krefter wohnte nach seiner Rückkehr aus Persepolis keine zweihundert Meter Luftlinie entfernt: Direkt auf der anderen Rheinseite in Rhöndorf am Fuße des Siebengebirges, im Haus der Eltern, ging der Architekt seiner Arbeit nach. Die Bundesregierung vor der Tür, Konrad Adenauer in direkter Nachbarschaft, an Aufträgen mangelte es nicht. So lebten beide jahrzehntelang, durch den Fluss getrennt und nichts voneinander wissend.

Dabei wird der Architekt, der sich penibel über alles Notizen machte, sein Tagebuch vermisst haben. Unwahrscheinlich, dass er es absichtlich zur Papierfabrik brachte, vermutet sein Sohn. „Wahrscheinlich hat er Altpapier abgegeben, um von den Bons neues Zeichenpapier zu kaufen. Das Buch wird ihm dazwischengerutscht sein. Darüber gesprochen hat er mit uns aber nicht.“ Wieso auch? Die Aufzeichnungen waren weg. In den Jahren nach dem Krieg gab es Schlimmeres. So bleibt das Tagebuch für Friedrich Krefter bis an sein Lebensende verschollen. Nicht aber für seinen Sohn Heiko, der Jahre später für eine ZDF-Dokumentation über Persepolis interviewt wird. Genau solche Dokumentationen interessieren Wilma Droemont. Wie vom Blitz getroffen liest sie in der Fernsehzeitschrift, dass die nächste Folge der Sendung „Terra X“ von Persepolis und zwei deutschen Forschern namens Herzfeld und Krefter handeln sollte. „Als in dem Film der Sohn interviewt wurde, war mir sofort klar, dass ich mich bei ihm melde.“ Das war am 11. April. Sie sprach ihm auf Band. „Ich habe Unterlagen zu Friedrich Krefter. Vielleicht interessieren Sie sich dafür.“

„Ich war gerade auf einer Fahrradtour von Sylt in die Pfalz, als meine Frau mich ganz aufgeregt anrief“, sagt Heiko Krefter. Da seine Reiseroute an Bonn vorbeiführte, legte er bei Wilma Droemont sofort einen Zwischenstopp ein. Im Fahrraddress stand er in ihrem Wohnzimmer, das Tagebuch seines Vaters in der Hand. Das Fahrraddress ist mittlerweile abgelegt. Gemeinsam sitzen die beiden im Wohnzimmer nebeneinander und schmunzeln über die Situation. Sie haben sich in den vergangenen Wochen bereits mehrmals getroffen, bevor sie jetzt an die Öffentlichkeit gegangen sind. Elf Seiten hat Heiko Krefter bisher übersetzt. „Die Handschrift meines Vaters kenne ich ja gut, aber es ist trotzdem viel Arbeit.“ Er plant, das Tagebuch später zu veröffentlichen. Die quicklebendige und lebensfrohe Wilma Droemont macht nicht den Eindruck, als würde sie das Buch und den Ausweis vermissen – auch wenn sie die Unterlagen so lange zwischengelagert hat. „Jetzt sind die Dinge wieder genau am rechten Platz“, sagt sie.

Nur den Briefumschlag, der einst auf dem ratternden Fließband der Kölner Altpapierfabrik herausschaute, den hat die Briefmarkensammlerin behalten.


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