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Islands junge Autoren Forsch und krisenbewusst

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Osnabrück. Forsch, schroff, gedanklich ungewöhnlich und manchmal dabei angesichts des Themas erschreckend unterhaltsam: So erzählen junge isländische Autoren ihre Geschichten aus der Zeit vor und nach der Finanzkrise. Hier stellen wir vier unterschiedliche Romane vor.

Eva in die Falle gelockt: Steinar Bragis unerhörte und sogkräftige Geschichte beginnt wie ein Psychothriller. Die junge isländische Künstlerin Eva trifft in New York mit einem Landsmann zusammen, der Banker ist. Er macht der jungen Frau ein ungewöhnliches Angebot: Unter dem Vorwand, ihren nächsten Dokumentarfilm fördern zu wollen, lädt er sie ein, sein verwaistes Luxusappartement in einem Hochhaus in Reykjavik kostenfrei zu bewohnen. Für Eva scheint es das perfekte Angebot, für den Banker ist sie das perfekte Opfer: Evas Beziehung so gut wie endgültig zerbrochen, und beruflich läuft es auch nicht. Sie nimmt an, doch als sie dort ist, spürt sie sehr schnell – auch durch die vielen Überwachungskameras –, dass etwas nicht stimmt. Bragis Roman entwickelt sich zu einer schockierenden Gesellschaftsstudie über Sexismus und die überhitzte Gier nach skandalösen Life-Kunstwerken. Bragi spielt das in aller Konsequenz und Härte wie ein Bret Easton Ellis durch: Die verstörende Geschichte mündet in eine für die Betrachter inszenierte – für das Opfer echte – Entführung. Eva wird regelmäßig betäubt und sexuell missbraucht, schnell wird klar: Aus diesem Gefängnis gibt es kein Entrinnen. Geschildert wird das erst wie ein surrealer Albtraum, als der Evas Blick klarer, realer wird, ist die Gewaltdarstellung schwer auszuhalten, denn Bragi beschreibt kühl und nimmt keine wertende Perspektive ein. Eine dekadente, menschenverachtende, kriminelle Schicht wird hier vorgeführt, die für den letzten Kick zu allem bereit ist. Faszinierend geschrieben, äußerst aufwühlend und streitbar. Das Buch kam in Island Wochen nach dem Beginn der Finanzkrise heraus, „das haben alle als Parabel gelesen der Hybris“ der modernen Gesellschaft, sagt Übersetzer Kristof Magnusson.

„Ich lebe allein in einer Garage, zusammen mit einem Laptop und einer alten Handgranate. Wir haben es wahnsinnig gemütlich.“ Die Handgranate ist ein „Ei aus Hitlers Zeiten, das mir im Krieg in die Hände gefallen ist und mich durch sämtliche Höhen und Tiefen meines Lebens begleitet hat“, so skurril beginnt Hallgrímur Helgasons „Eine Frau bei 1000 Grad“. Seine Protagonistin ist eine schräge alte Dame. Die 80-jährige Herbjörg liegt im Krankenbett und facebookt ihre Geschichte in die Welt und will noch ein paar offene Rechnungen begleichen, bevor sie stirbt. Sie hat ein bewegtes Leben hinter sich als Mutter dreier Söhne von neun Männern. Herbjörgs Geschichte ist auch ein Stück isländische Geschichte des 20. Jahrhunderts. „Eine Frau bei 1000 Grad“ ist schräg, kühn, makaber, temporeich.

Sie gilt als eine der originellsten Stimmen Islands: Gudrún Eva Mínervudóttir, Jahrgang 1976. Nicht weniger schräg beginnt ihr Roman „Der Schöpfer“. „Sveinn hängte die Letzte zum Trocknen auf, der Haken steckte in ihrem Nacken“. Gemeint sind hier die lebensgroßen Sexpuppen aus Silikon, die der einsame Protagonist fertigt. Es geht um Kommunikationsproblem und Nähe der modernen, urbanen Gesellschaft: Mit den künstlichen Geschöpfen kann Sveinn gut, mit den echten hat er kaum Kontakt. Bis die alleinerziehende Mutter zweier Töchter, Lóa, mit einer Autopanne vor seiner Tür landet. Plötzlich nimmt das Leben der beiden einige unvorhersehbare Wendungen. Eine skurrile, lesenswerte Geschichte.

Nicht so originell, dafür sehr präzise beobachtet ist der Roman zur isländischen Finanzkrise „Bankster“ von Gudmundur Óskarsson. Konventionell als Tagebuchroman erzählt, gewinnt die Geschichte von Kapitel zu Kapitel an Tiefe und Sogkraft. Es ist ein Psychogramm des Bankangestellten Markús, der über Nacht seinen Job verliert. Mit dem Zusammenbruch beginnt der Verfall seines bisherigen, fortschrittsverwöhnten Lebens in Zeitlupe – jeden Tag ein neuer Abschied, von Sachen und Zukunftsträumen. Und zurück zu den Eltern aufs Land will er auch nicht. In Óskarssons zeitgenössischer Arbeitslosenstudie steckt aber auch eine zarte, rührende Liebesgeschichte.


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