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Forscher Bade warnt davor, in der Integrationsdebatte Probleme zu verallgemeinern „Nord-Neukölln ist nicht Berlin“

Professor Klaus J. Bade lehrte bis 2007 an der Universität Osnabrück. Er lebt heute in Berlin und ist dort Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration, der im Mai 2010 sein Jahresgutachten ‚Einwanderungsgesellschaft 2010‘ vorgelegt hat. Foto: privatProfessor Klaus J. Bade lehrte bis 2007 an der Universität Osnabrück. Er lebt heute in Berlin und ist dort Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration, der im Mai 2010 sein Jahresgutachten ‚Einwanderungsgesellschaft 2010‘ vorgelegt hat. Foto: privat

Osnabrück. Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration hat 2010 zum ersten Mal ein Jahresgutachten mit „Integrationsbarometer“ vorgelegt. Das Ergebnis: Integration gelingt in Deutschland besser, als viele Menschen denken. In einem Interview mit unserer Zeitung äußert sich der Vorsitzende, Professor Klaus J. Bade, zu Integrationsbaustellen und Fehlern in der aktuellen Integrationsdebatte.

Herr Professor Bade, in Ihrem Gutachten wird von einer „insgesamt gelungenen“ Integration gesprochen. Woran machen Sie das fest?

Wir haben beide Seiten der Einwanderungsgesellschaft, also Mehrheits- und Zuwandererbevölkerung, für die Erhebung unseres Integrationsbarometers mit den gleichen Fragen angesprochen. Wir stellen fest, dass beide Seiten ein verhalten positives und ganz pragmatisches Verhältnis zur Integration haben und die letzten Jahre Integrationspolitik auch verhalten positiv sehen. Ebenfalls blicken sie mehrheitlich positiv in die Zukunft.

Die Probleme auf den Schulhöfen zum Beispiel zwischen Jugendlichen verschiedenster Kulturen und das Herausbilden von sogenannten Parallelgesellschaften gibt es aber doch trotzdem…

Es gibt in großstädtischen Siedlungsräumen mit starker Zuwandererkonzentration und zugleich starker Konzentration von Minderprivilegierten ohne Migrationshintergrund Spannungslagen, um die man sich kümmern muss. Aber Nord-Neukölln ist nicht Berlin, und Berlin ist nicht die Bundesrepublik Deutschland. Problembeladene Ausnahmesituationen bestätigen nur die Regel der zumeist friedvollen Integration im Alltag.

Wo liegen also die Fehler in der aktuellen Integrationsdebatte, die ja vor allem durch die umstrittenen Thesen von Thilo Sarrazin wiederaufgeflammt ist?

Erstens werden Problemfälle verallgemeinert. Zweitens wird eine bestimmte Gruppe, nämlich die Muslime, in den Vordergrund der Probleme gerückt, was einfach nicht stimmt und schon durch zwei simple Beobachtungen zu widerlegen ist.

Die da wären?

Die Zuwanderung aus dem Iran zum Beispiel besteht auch vorwiegend aus Muslimen und ist fast durchweg eine Elitenzuwanderung, die wenig Integrationsprobleme hat. Und bei den Bildungserfolgen zum Beispiel schneiden die Italiener in Deutschland sogar noch knapp schlechter ab als die Türken, und Italiener sind bekanntlich selten Muslime. Die Beschwörung einer durchweg muslimischen Problemzone ist also ein Zerrspiegel der Realität.

Gibt es weitere Fehler aus Ihrer Sicht?

Ja, es wird zu wenig darauf geachtet, dass wir in einem Wohlfahrtsstaat leben, der eine Sonnenseite hat, aber auch eine Schattenseite. Das ist der Missbrauch der Sozialsysteme, die Lähmung der Eigeninitiative – aber das gilt nicht nur für Zuwanderer, sondern auch für Deutsche ohne Migrationshintergrund.

Was sind die wichtigsten Integrationsbaustellen?

Am wichtigsten ist die Integrationsbaustelle Bildung, die auch die Sprachförderung einschließt. Hier gibt es kaum mehr neuen Erkenntnisbedarf, es gibt vor allem Umsetzungsprobleme. Wir wissen, dass ein früher Zugang zu Kindertagesstätten hilfreich ist, dass gutes Personal für die Kindertagesstätten notwendig ist, dass Ganztagsschulen sinnvoll sind.

Wir wissen also ziemlich viel…

Richtig. Aber wenn man das, was wir wissen, vergleicht mit dem, was wir tun, dann kommt dabei immer noch eine ziemlich prekäre Bilanz heraus, die zugleich einigermaßen unübersichtlich wirkt, weil Bildung in Deutschland Ländersache ist.

Was sind denn Ihre Empfehlungen für diese Baustelle?

Erste Empfehlung: Verträge zwischen Eltern und den Schulen, damit die Eltern – ob nun mit oder ohne Migrationshintergrund – verstehen, wie das deutsche Bildungssystem funktioniert und welche Rolle sie selbst dabei zu spielen haben. Es darf nicht sein, dass Lehrer wiederholt Eltern einbestellen, die dann einfach nicht kommen. Das ist ein absolut unhaltbarer Zustand. Zweiter Vorschlag: Wir brauchen eine bessere Zusammenarbeit zwischen Lehrern, Sozialarbeitern und nötigenfalls auch Jugendgerichten bei ausgesprochenen Problemfällen.

An welche Problemfälle denken Sie dabei?

Insbesondere an das höflich als ‚Schuldistanz‘ umschriebene dauerhafte Schulschwänzen, das sogar eine fließende Grenze zur Jugendkriminalität haben kann. Bei Jugendlichen, die in diesem Sinne verhaltensauffällig werden, muss es frühzeitig nachdrückliche Hinweise auf einen Regelverstoß geben und dort, wo die Grenze zur Jugendkriminalität überschritten wird, auch rechtzeitige und spürbare Strafen. Auch das gilt wieder für beide Seiten der Einwanderungsgesellschaft.

Sie sind immer sehr darauf bedacht, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund einzubeziehen. Warum ist das so wichtig?

Integrationsprobleme gibt es nicht nur bei Menschen mit Migrationshintergrund. Ihre Ursachen haben auch weniger mit Herkunft oder gar Religion und viel mehr mit den Sozialmilieus zu tun. Und in diesen Milieus gibt es heute auch deutsche Analphabeten, deren Zahl sogar wächst. Deshalb sind zum Beispiel die Sprachstandsmessungen für Kinder ohne Migrationshintergrund oft ebenso wichtig wie für Zuwandererkinder.


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