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David Garrett: Als Kind immer Traurigkeit gespürt

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Stargeiger David GarrettStargeiger David Garrett

Er wirkt wie ein Rockstar – die langen blonden Haare zusammengebunden, Dreitagebart und gleich beim Du. Stargeiger David Garrett ist eine Ausnahmeerscheinung in der Klassikwelt – einer, der von den Großmüttern wie von jungen Mädchen angehimmelt wird. Im wackligen Lufttaxi von Bielefeld nach Friedrichshafen plaudert der 27-Jährige im Interview mit unserer Zeitung freizügig über Kindheit, Musik und Sex.

David, wie fühlst du dich?

Geht so. Ich habe schon angenehmere Situationen erlebt.

Ist das nicht das erträumte Jetset-Leben?

(lacht) Naja, das ist ja kein Jet hier. Ich dachte, wir klappern die PR-Termine mit so einem kleinen Flieger ab, in dem man bequeme Sessel und eine Mini-Bar vorfindet. So wie man das aus Filmen und Videoclips kennt. (lacht)

Hast du Flugangst?

Nicht unbedingt. Aber wenn ich zu viel sehe, dann denke ich zu viel nach. Im normalen Flugzeug sitze ich ja nicht im Cockpit und schaue direkt auf die Armaturen. Da habe ich auch keinen Steuerknüppel zwischen den Beinen, den ich auf keinen Fall berühren darf. Für mich ist das eher beunruhigend, wenn man das Fliegen so hautnah erlebt.

Ein Flugschein wäre nichts für dich?

Definitiv nein.

Wie reist du am liebsten?

Mit dem Auto, selbst am Steuer.

Hast du einen Wagen?

Nein. Das würde in New York nichts bringen. Dort gibt es zu viel Verkehr und zu wenig Parkplätze. Da kommst du besser mit Taxi und U-Bahn herum.

Wo bist du zu Hause?

Ich würde schon sagen: USA und New York.

Welche Farbe hat dein Kühlschrank?

(lacht) Oh, das ist gemein. Lass mich mal nachdenken. Ich glaube silberfarben, so wie fast alle in den Staaten.

Lebst du allein oder wartet zu Hause deine Herzdame?

Nein, ich lebe zusammen mit meinem Bruder in einer Zwei-Zimmer-Wohnung.

Wie klappt das WG-Leben?

Gut. Ich gehe gern mal abends raus, er steht oft früh auf. Er kontrolliert den Haushalt, bis er morgens die Wohnung verlässt. Ich kontrolliere den Haushalt in der Zeit, in der er nicht da ist. Ich bin auch derjenige, der einkaufen geht und den silberfarbenen Kühlschrank auffüllt. (lacht)

Kochst du auch?

Weniger. Aber es gibt Gott sei Dank Fertiggerichte, die ganz gut schmecken.

Ist New York immer noch ein Zufluchtsort für dich?

Ja, das trifft es ganz gut.

Als 17-Jähriger bist du ausgebüxt. Mit welchen Gefühlen kamst du nach New York?

Da war sicher ein Gefühl der Erleichterung und Freiheit, gepaart mit einer gewissen Ungewissheit. Aber ich bin jemand, der, wenn er sich mal etwas in den Kopf gesetzt hat, das auch durchzieht. Deswegen überwog damals die Vorfreude auf die Zukunft.

Zuvor warst du der jüngste Solist, den die Deutsche Grammophon je verpflichtet hat. Wie weit ging die Fremdsteuerung?

Das war eine hundertprozentige Fremdsteuerung. Das fing aber nicht mit der Plattenfirma an, sondern mit den Eltern. Es hieß immer nur: Du musst! Selbst wenn man gefragt wurde, möchtest du dies oder das machen, hat man eigentlich keine Wahl gehabt. Entscheidungen habe ich nie getroffen.

Was hast du in der Kindheit alles vermisst?

Das ist mir damals nicht bewusst aufgefallen. Aber später in New York habe ich gemerkt, welche völlig banalen Dinge ich nie habe machen können. Einfach mal durch die Straßen laufen, auf den Verkehr aufpassen, Klamotten kaufen, zur Bank gehen, sich selbst ernähren. Diese ganz normalen Dinge des Alltags habe ich nie erlebt. Ich bin in Aachen aufgewachsen, aber bis ich 17 war, bin ich höchstens 30, 40 Mal in der Stadt gewesen.

Da fehlt dir eine Menge.

Ja und nein. Ich glaube, dass man viele Berührungsängste in der Kindheit entwickelt, wenn man schlechte Erfahrungen macht. Wenn man die nicht gemacht hat, ist man viel weltoffener, andererseits auch naiver. Das gleicht sich aus.

Durftest du früher raus auf den Bolzplatz?

Nein, höchstens im Garten ein bisschen kicken.

Musstest du auf deine Finger besonders achtgeben?

Klar, darauf wurde ich mindestens zehnmal am Tag hingewiesen.

Gab es zu Hause Fernsehen?

Fernsehen schon, aber Computerspiele nicht. Ich habe zweimal einen Gameboy geschenkt bekommen, der mir sofort abgenommen wurde.

Galten die Verbote auch für deine Geschwister?

Bei meinen Geschwistern war das nicht ganz so dramatisch. Die haben wesentlich mehr Freiheiten als ich gehabt.

Was hat dich da getröstet?

Da war nicht viel, das mich aufbauen konnte. Es herrschte immer eine gewisse Traurigkeit in meiner Kindheit. Gott sei Dank gab es meine Oma, die mir viel Liebenswürdigkeit schenkte.

Wie verkraftet man so eine Kindheit?

Wenn du es nicht ändern kannst, dann ist es halt so. Du findest dich damit ab. Man ist auch nicht in der Situation, Ansprüche zu stellen.

Welches Verhältnis hast du heute zu deinen Eltern?

Neutral, fast normal. Aber es war sehr distanziert, sie waren sehr streng, eben „old school“. Wenn ich heute zu viel erzähle, fallen die wieder ins alte Schema zurück, wollen mir etwas vorschreiben oder stellen mir Bedingungen.

Hattest du nach deiner Flucht das Gefühl, etwas nachholen zu müssen?

Wahrscheinlich. Das hat auch bestimmt ein, zwei Jahre gedauert, bis ich so ganz locker losgelassen habe.

Du siehst aus wie ein Rockstar. Wie steht’s mit Sex, Drugs and Rock’n’Roll?

Diese Frage sollte man nicht unbedingt in einer Höhe von 12000 Fuß in so einer Kiste stellen. (lacht) Für diesen Flug waren wirklich mal Beruhigungsmittel nötig. Aber generell finde ich ja, dass die Klassiker in Bezug auf Sex, Drugs and Rock’n’Roll schlimmer drauf sind als die Rockmusiker.

Wie bitte?

(lacht) Ja. Wenn ich ins Bett gehe, zieht meine Band meist noch mit dem Orchester durch die Kneipen. Die Jungs können echt ein paar Stiefel vertragen. Ist wahrscheinlich so eine Art Ventil für die. (lacht)

Und wie steht es mit Sex?

Ein ganz natürlicher Zug des Menschen.

Nach den Konzerten warten also die Groupies auf dich.

Also, das muss ich klarstellen: Ich bin keiner, der sich reihenweise Groupies abgreift. Ich lerne gern nette Mädels kennen, aber das muss nicht unbedingt so ablaufen. Ich bin da ziemlich konsequent. Als Mann ist man doch irgendwie Jäger geblieben, da will man die Beute nicht vor die Füße geworfen bekommen. So geht der Reiz an der Sache verloren, ich will ja das Flirten genießen.

Da ist eine Stadt, die niemals schläft, natürlich genau die richtige Umgebung.

Absolut. Ein wunderbares Spielfeld. (lacht)

Möchtest du keine feste Beziehung?

Momentan wäre die zum Scheitern verurteilt. Ich bin einfach zu viel unterwegs. Das funktioniert nicht.

Wenig Schlaf, viel Arbeit, aber auch viel Vergnügen. Lebst du exzessiv?

Das kann man so sagen. Manchmal komme ich wirklich auf extrem wenig Schlaf. Man muss drauf achten, dass man körperlich und geistig fit und belastbar bleibt. Es kam schon vor, dass ich nicht mehr wusste wie das Konzert anfängt, einfach aus Müdigkeit.

Wie hältst du dich fit?

Mit Laufen. Dafür braucht man nur gute Sportschuhe und die richtige Einstellung. Kraftsport ist auch nicht verkehrt. Aber ich komme zu selten dazu. Schließlich übe ich drei bis vier Stunden täglich Tonleitern, Bach und Paganini, um in Schwung zu bleiben.

Gehst du ab und zu auf Rockkonzerte?

Ja, obwohl das zeitlich immer schwieriger wird. Früher bin ich gern in die kleinen Clubs gegangen, um mir unbekannte Bands anzuschauen. Es ist viel interessanter, Newcomer anzuhören. Davon kann man mehr lernen, als wenn man so eine durchgestylte Produktion sieht. Da fehlt mir die Spontaneität. Eine gute Show läuft meist nicht nach Plan, Routine nimmt den Spaß. Ich versuche das in meinen Konzerten auch umzusetzen.

Würdest du „Nothing else matters“ gern mal mit Metallica spielen?

Na klar, das wäre ein ganz großes Erlebnis für mich.

Auf deiner CD „Encore“ folgt auf die Air von Bach „Thunderstruck“ von ACDC, dann deine Eigenkomposition „New Day“ und der Evergreen „Ain´t no sunshine“. Ist das genial oder chaotisch?

(lacht) Wahrscheinlich beides. Ich musste mich mit dem Konzept stark gegen meine Plattenfirma durchsetzen. Mein Gefühl hat mir gesagt, das ist eine tolle Mischung. Als Herzblutmusiker kennt man keine Grenzen. Heutzutage hören die jungen Leute ohnehin kreuz und quer Musik. Es ist nicht mehr so, dass man nur eine CD in den CD-Spieler einwirft. In Zeiten von MP3 nimmt sich jeder sein Lieblingsprogramm auf. Außerdem will ich mit so einem Crossover-Programm erzählen, wo ich herkomme, und die junge Generation begeistern.

Vor Kurzem hast du auf einem CDU-Festakt die Nationalhymne für Angela Merkel gespielt. Kein Grusel-Job?

Ich habe vorher auch noch ein paar andere Stücke gespielt, das wurde aber vom Fernsehen nicht gezeigt. Außerdem habe ich zum ersten Mal die Hymne öffentlich gespielt, ist doch ein wunderschönes Werk von Josef Haydn aus dem Streichquartett. Das war also mitnichten ein Grusel-Job für mich.

Wie politisch bist du?

Ich finde, man sollte gewisse Richtlinien im Leben verfolgen. Dazu braucht man aber weder Politik noch Religion, die das erklären.

Du wirkst sehr souverän und selbstsicher. Prallt Kritik ohne Folgen an dir ab?

Nein. Das kann wohl keiner von sich behaupten. Das ist aber auch eine Frage der Selbsteinschätzung. Wenn du immer kritisch mit dir selbst umgehst, hast du auch die Chance, Dinge sacken zu lassen. Ich setze mir selbst die Messlatte am höchsten. Deswegen kann ich gut mit Kritik umgehen.

Was bringt dich so aus dem Takt?

Schlechte Musiker.

Was kann dich beflügeln?

Schöne Musik und schöne Mädels.

Welche Komplimente hörst du von Frauen am meisten?

Ach, Komplimente sind nicht wichtig. Wenn man sich mag, muss man sich auch keine Komplimente geben. Man sollte ein gesundes Selbstbewusstsein haben und Respekt mitbringen.

Warum trägst du lange Haare?

(lacht) Es ist einfach bequem, die Haare morgens zusammenzuwuscheln. Ich muss die nicht jeden Tag waschen und mir teure Produkte reinhauen.

Wie geht es der verletzten Stradivari?

Sehr gut. Die wurde sehr schön repariert und ist voll funktionsfähig.

Ist der Klang noch derselbe?

Das hört sich jetzt komisch an, aber nach der Reparatur ist der Klang sogar besser als vorher.

Wie konnte der Sturz mit der Eine-Million-Euro-Geige passieren?

Ich bin einfach auf der Treppe ausgerutscht und auf den Rücken gefallen. Ich trage die Geige wie ein Rucksack.

Warum hast du dafür kein Flightcase (Metallkoffer)?

Ich schleppe schon so viel durch die Gegend. Wenn ich dann noch so einen schweren Kasten tragen muss, kriege ich noch mehr Probleme mit der Bandscheibe als ohnehin schon.

Du stehst im Guinnessbuch der Rekorde mit dem schnellsten Hummelflug. War das ein Werbegag oder echter Anspruch?

Sicher eine sehr anspruchsvolle Geschichte, andererseits war mir gar nicht bewusst, dass das so eine Marketingsache werden würde. Das erste Mal habe ich den Rekord in einer Kindersendung aufgestellt, um zu zeigen, was auf dem Instrument so möglich ist. Daraus hat sich ein Selbstläufer entwickelt, bis ich ein zweites Mal den Rekord geholt habe.

Hast du eigentlich dein Techniklimit erreicht?

In gewisser Weise schon, aber es geht darum, kreativ mit dem Können umzugehen.

Kennst du Lampenfieber?

Lampenfieber ist ganz wichtig. Eine gewisse Aufgeregtheit führt zur richtigen Energie und Konzentration auf der Bühne. Wenn ich zu ruhig bin, fehlt mir einfach die Anspannung. Dann fühle ich mich nicht wohl, undkann ich auch keine Topleistung abliefern.

Wie fühlst du dich nach einem anstrengenden Konzert?

Dann bin ich völlig fertig und platt, aber glücklich – wie nach gutem Sex (lacht).

David Garrett live:

Samstag, 19 Uhr, Gerry-Weber-Stadion, Halle/Westfalen

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David Garrett

wird am 4. September 1981 als Sohn des deutschen Juristen Georg P. Bongartz und der US-Balletttänzerin Dove Garrett in Aachen geboren. Bereits im Alter von vier Jahren bekommt er seine erste Violine und wird von seinen Eltern als Wunderkind gefördert. Das bedeutet für den Jungen privaten Schulunterricht und ein Leben mit vielen Einschränkungen. Er darf nicht wie seine Geschwister draußen spielen, sondern muss täglich stundenlang üben. Zunächst wird er vom Vater, einem passionierten Geigenlehrer, unterrichtet, später ist er Schüler von Zakhar Bron und Ida Haendel. Als jüngster Solokünstler wird David im Alter von 13 Jahren von der Deutschen Grammophon unter Vertrag genommen. Jetzt nimmt er den Nachnamen der Mutter an, vorher hieß er Bongartz. Mit 17 Jahren „flüchtet“ David zum Bruder nach New York, wo er sich auch mit Modeln über Wasser hält. Nach einer Geigenpause besucht er 1999 die Meisterklasse von Itzhak Perlman an der Juilliard School of Music. David Garrett hat bisher neun CDs eingespielt und hält den Guinness-Rekord als schnellster Geiger, der den „Hummelflug“ fehlerfrei in 65,26 Sekunden spielt. Das sind 13 Noten pro Sekunde


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