Die 1945 schwer zerstörte Stadt Neisse besinnt sich zunehmend ihrer langen, auch deutschen Geschichte Das schlesische Rom erwacht neu

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Neisse/Nysa. Dieses Jahr war ich an Eichendorffs Grab. Ende Oktober, an einem klaren Herbsttag, der dem Dichter gefallen hätte. Hundert Jahre nach seinem Tod kam ich zur Welt, in der Kinderzeit der Bundesrepublik, fernab von Eichendorffs letzter Ruhestätte in der schlesischen und heute polnischen Stadt Nysa, die bis 1945 Neisse hieß.

Der Besuch an Eichendorffs Grab war Teil einer Reise in die eigene Familiengeschichte, mit Erzählungen der aus Neisse vertriebenen Mutter und Großeltern im Kopf. Mag die Erinnerung daran auch durch die lange Zeit verblasst gewesen sein, so wurde sie doch mit jeder Begegnung vor Ort lebendiger. Auch durch den Gang auf den Jerusalemer Friedhof zum Grab des adligen Poeten, zu dem früher die Neisser Schulkinder, zu denen auch meine Mutter gehörte, einmal jährlich in Klassenstärke pilgerten.

Doch die Verehrung für den romantischen Lyriker in dessen schlesischer Heimat währt bis heute. Zum Erhalt des Eichendorff-Denkmals nahe des Friedhofs in Neisse steuern Sponsoren aus Deutschland und Polen Geld bei, darunter TV-Entertainer Thomas Gottschalk, dessen Eltern aus dem nahen Oppeln stammten. Und der stadtnahe Rad- und Wanderweg, den das Verkehrsbüro von Nysa Touristen auch mit Broschüren in deutscher Sprache empfiehlt, führt über die alten Festungsanlagen zur Eichendorffhöhe, von wo man einen guten Blick über Neisse bis hin zu den Sudenten hat.

Heute sind die Bastionen, die von den preußischen Eroberern nach ihrem Einzug in Neisse 1741 während des Zweiten Schlesischen Krieges angelegt wurden, bisweilen idyllische Ausflugsziele. Das war nicht im Sinne der Erfinder, die dort Soldaten unterbrachten und bis ins 20. Jahrhundert Kriegsgefangene einsperrten, darunter so bekannte wie den französischen Expräsidenten Charles de Gaulle, den die kaiserlichenDeutschen 1916 vor Verdun gefangen nahmen und nicht ahnten, was noch aus ihm werden sollte.

Dass die Preußen die zuvor habsburgische Festung Neisse zu einer der massivsten in Schlesien machten, sollte ihr noch zum Verhängnis werden. Eine starke Militärbasis blieb die Stadt nämlich bis zum Zweiten Weltkrieg, in dem Hitlers Wehrmacht in den alten Befestigungsstollen Waffen und Munition lagerte und in Neisse große Kasernen unterhielt. Bei der Eroberung Schlesiens durch die Sowjetarmee im Frühjahr 1945 wurde die bis dahin gut erhaltene Altstadt mit beeindruckenden Kirchen sowie vielen Bürgerhäusern der Renaissance und des Barock fast ganz zerstört. Ebenso gründlich wurde danach die deutsche Bevölkerung vertrieben.

„Twierdza Nysa“ („Festung Neisse“): Mit dieser Bezeichnung wirbt die Stadt – mit finanzieller Unterstützung aus Brüssel – heute trotzdem um Besucheraus dem In- und Ausland. „Kaserne No. 9“ und die Initialen Friedrichs des Großen stehen über dem Eingangstor der Touristeninformation. Im ersten Stock der von Grund auf restaurierten Bastion ist das Verkehrsbüro untergebracht, und es gibt Stadtpläne, Bildbände und Info-Broschüren wie selbstverständlich auch in deutscher Sprache. Das Büro nimmt nur einen kleinen Teil der Fläche auf dieser Etage in Anspruch, mehr braucht eine Ausstellung von Soldatenuniformen aus der Stadtgeschichte. Einmal im Jahr finden als besondere Touristenattraktion die „Tage der Festung Neisse“ statt, an denen sich Menschen diese Uniformen anziehen und Szenen der fast viermonatigen napoleonischen Belagerung von 1807 an den Originalschauplätzen nachspielen.

Diese Form des Umgangs mit der Geschichte ihrer Stadt ist für die jetzigen Bewohner eine Art Abrechnung mit der Vergangenheit. Denn unter der kommunistischen Herrschaft war in Neisse wie überall in den von Polen neu besiedelten Gebieten die Erinnerung an die deutsche Zeit vor 1945 verpönt.

Die Probleme aber blieben dieselben. Schon zur Gründerzeit setzten die alten Festungswälle der wirtschaftlichen Entwicklung der geschichtlich bedeutenden Stadt Grenzen. Nur nach Süden konnte sie sich ausdehnen, dort entstanden Siedlungen und Betriebe der Maschinenbauindustrie , die es heute nicht mehr gibt. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte der Automobilbau in Neisse eine gewisse Rolle, dort wurden jahrzehntelang Kleinbusse der Marke „Nysa“ gebaut. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs übernahm ein koreanischer Autokonzern das „Nysa“-Werk, modernisierte es und legte die neue Fabrik still, nachdem sie 1997 vom Hochwasser der Glatzer Neisse überflutet worden war.

Dabei hatten die regional Verantwortlichen auch bei diesem Problem versucht, aus der Not etwas Gewinnbringendes zu machen. 1971 wurde der aus dem Glatzer Schneegebirge kommende und bei Briegin die Oder mündendeFluss erneut aufgestaut. Nach dem 1932 fertiggestellten Ottmachauer Staubecken entstand so ein zweiter großer Stausee („Jezioro Nyskie“) vor den Toren der Stadt, der im Sommer viele Segler, Surfer und Badegäste anlockt.

Im Tourismus sieht die Stadt Nysa derzeiteine wichtige wirtschaftliche Chance – und besinnt sich dabei zunehmend auch ihrer kulturellen Wurzeln. So stößt man neuerdings vielerorts in der Stadt auf Bronzetafeln, die an frühere deutsche Bewohner erinnern. An den Zoologen Bernhard Grzimek zum Beispiel, der 1909 in Neisse geboren wurde und am Realgymnasium der Stadt 1928 sein Abitur machte. Dem Gründer des Serengeti-Nationalparks widmete das Museum seiner Heimatstadt im vergangenen Sommer eine Sonderausstellung. Oder an den ebenfalls aus Neisse stammenden Medizin-Nobelpreisträger Konrad Bloch (1912–2000).

Besondere Verehrung in Nysa genießt aber eine Frau aus der deutschen Stadtgeschichte: Maria Merkert (1817–1872) erlebte in Neisse Not und Elend des Frühkapitalismus zu Zeiten des schlesischen Weberaufstands. Sie gründete mit Gleichgesinnten den Orden der Schwestern von der Heiligen Elisabeth („Graue Schwestern“), dessen Mutterhaus sich bis heute in Neisse befindet. Die Gründerinnen beschäftigten sich vor allem mit der ambulanten Pflege kranker Menschen. Heute gehören dem Orden weltweit rund 10000 Schwestern an, und Mitgründerin Maria Merkert wurde 1997 in der Neisser Stadtkirche Sankt Jakobus, wo auch ihre sterblichen Überreste beigesetzt sind, feierlich selig gesprochen.

Eichendorff, Merkert, Bloch und Grzimek – sie haben das alte Neisse noch gekannt. Auch meine Mutter erinnert sich noch immer an den Beinamen „schlesisches Rom“, das die an Prachtbauten reiche Stadt bis zu ihrer Zerstörung trug. Auch wenn die Altstadt jetzt von schmucklosen , Wohnblöcken geprägt wird, sind immerhin die das Stadtbild prägenden Kirchen wieder in gutem Zustand: Sankt Jakobus sowie die Jesuiten- und die Kreuzkirche mit ihren barocken Türmen. Prägend für das Stadtbild war über Jahrhunderte auch der schlanke Turm des gotisches Rathauses, das 1945 in Schutt und Asche fiel. Durch private Initiative und Spenden ist an seiner Stelle eine moderne Beton-Stahlkonstruktion entstanden, die in ihrer Form an den alten Turm von 1488 erinnert und die alte Silhouette der Stadt wiedererstehen ließ.

Rückbesinnung betreiben die Bewohner Nysas auch in anderer Hinsicht. Einst war ihre Stadt nämlichihre StaihreStstweithin bekannt für ihre Honig- und Pfefferkuchenbäckertradition. Davon zeugen Epitaphe für Pfefferkuchen-Bäcker in Sankt Jakobus aus dem 16. und 17. Jahrhundert. 1677 erlaubte der Breslauer Fürstbischof diesen Handwerkern in seiner Residenzstadt Neisse die Gründung einer eigenen Gilde. Zwölf Lebkuchenbäckereien gab es dort noch 1925 mit Firmennamen wie Gebr. Reichelt, Gebr. Artelt oder Josef Sandmann, und ihr bekanntestes Erzeugnis war Neisser Konfekt.

Das alles ist nachzulesen in einem Internetforum, in dem polnische Kommentarschreiber den Verlust dieser Handwerkstradition beklagen. Ein User weist auf eine deutsche Bezugsquelle hin, bei der Neisser Konfekt noch heute zu beziehen ist: die Confiserie Rabbel in Westerkappeln bei Osnabrück.

Im dortigen Gewerbegebiet befinden sich Produktion und Vertrieb, zum Unternehmen, das in der Hochsaison bis zu 100 Mitarbeiter beschäftigt, gehört aber auch das Café am Markt in Tecklenburg.

Die Firma, 1907 von Paul Rabbel in Bad Landeck in der Grafschaft Glatz gegründet, steht in der Tradition der schlesischen Konditoren und stellt neben Honigkuchen auch Schokolade, Gebäck und Pralinen her. Mit typisch schlesischen Produkten wie Neisser Konfekt, Liegnitzer Bomben und Fischkuchen beliefert die Confiserie Rabbel vor Weihnachten eine seit Jahren konstante Zahl von etwa 1000 Kunden im gesamten Bundesgebiet, wie der Enkel des Firmengründers und jetzige Chef Norbert Rabbel berichtet. Zu den Kunden gehören Privatleute, aber auch Fachgeschäfte bis hin zu Dallmayr in München oder KaDeWe in Berlin.

In Nysa mache ich mich mit einer Geschenkpackung des dortigen Teekeksherstellers „Cukry Nyskie“ und einem etwas mulmigen Gefühl auf zum früheren Haus meiner Großeltern, das ich nur aus Erzählungen kenne und in dem nun eine polnische Familie wohnt. Doch besser als Geschenke funktionieren dort meine Grundkenntnisse des Polnischen als Türöffner. Und immerhin reichen sie auch, um den Taxifahrer zu verstehen, der mich dort hinbringt. „Nysa“, so sagt er, „to slaski rzym.“ Neisse ist das schlesische Rom.


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