In Claus Fusseks Büro Inmitten des „täglichen Pflege-Wahnsinns“

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Für viele der letzte Hoffnungsträger, wenn es um die Pflege geht: Claus Fussek. Foto: Stefan AlbertiFür viele der letzte Hoffnungsträger, wenn es um die Pflege geht: Claus Fussek. Foto: Stefan Alberti

München. Wer wissen will, wie es sich anfühlt, wenn jemand vom „täglichen Pflege-Wahnsinn“ spricht, muss sich nur drei Stunden in das Münchener Büro von Claus Fussek setzen und zuhören.

Dabei will ich mit dem Diplom-Sozialpädagogen doch nur über das Thema Pflege im Bundestagswahlkampf diskutieren...

„Setzen, sechs“, wirft er mir gleich die Antwort auf die Frage entgegen, die ich noch gar nicht gestellt habe. „Sie wollten mit mir doch über mein Thema im Bundestagswahlkampf sprechen. Da kann doch nur die erste Frage lauten, welche Note ich unserem Gesundheitsminister Daniel Bahr gebe, oder?“ Nun ja, warum nicht. „Und im Übrigen können Sie eigentlich bis auf wenige Sätze eins zu eins das Interview abdrucken, das ich Ihnen im Bundestagswahlkampf 2009 gegeben habe. Es hat sich nichts geändert.“ Der 60-Jährige in Diensten der Vereinigung Integrations-Förderung in München legt sofort nach: Daniel Bahr und davor Philipp Rösler hätten allenfalls kaum wahrgenommene Reförmchen auf den Weg gebracht – aber: „Es hat ja nie einen richtigen Aufschrei in der Bevölkerung gegeben. Niemand hat wegen der Pflege-Politik den Rücktritt von Bahr oder Rösler gefordert. Ich hätte mir darüber hinaus gewünscht, dass Bundespräsident Joachim Gauck nach seinem Amtsantritt das Thema Pflege zur Schicksalsfrage der Nation erklärt hätte.“

Appell an Tierschützer

Bevor wir über die weitere Entwicklung der Pflegeproblematik reden, erst noch dies: Erwähnte Vereinigung Integrations-Förderung, die sich unter anderem um verschiedene Dienstleistungen für Behinderte und sozial Benachteiligte kümmert, ist seit Jahren die Arbeitgeberin von Claus Fussek. „Meine Rolle als Pflegekritiker hat sich in den vergangenen Jahren so ergeben. Die Vereinigung akzeptiert das.“ Konkreter: Wenn der Kritiker im Fernsehen bei Reinhold Beckmann oder Anne Will in der Talkshow sitzt oder irgendwo in der Republik einen Vortrag hält, dann hat er sich einen Tag Urlaub genommen.

Während das Telefon von Claus Fussek fast ununterbrochen bimmelt, prescht er im Gespräch vor und stellt fest, dass die Probleme und Missstände rund um die Altenpflege die gesamte Gesellschaft zu lösen habe. In seiner gewohnt scharfen Form appelliert er beispielhaft an die vielen in Tierschutzvereinen engagierten Menschen: „Wenn ihr mit einem alten Hund Gassi geht, geht am Pflegeheim vorbei und nehmt zwei alte Menschen mit. Der Hund freut sich, er wird gestreichelt, und die alten Frauen und Männer kommen an die frische Luft. In den vielen guten Einrichtungen funktioniert das ja auch nur, weil viele Menschen da sind, die sich kümmern.“

Das Telefon gibt keine Ruhe. Claus Fussek greift zum Hörer – und hat Zeit für eine Ehrenamtliche aus Schliersee. Die Dame schildert ihre Beobachtungen in einem Pflegeheim, das immer wieder ins Gerede gerate, weil demente Patienten orientierungslos in der Nähe des Hauses umherirrten. Letzter Notnagel für die Ehrenamtliche: der Netzwerker in München. Er versorgt die Frau mit Telefonnummern, unter denen sie für ihr Anliegen Hilfe erwarten kann.

Nach diesem Telefonat werden wir wieder politisch. Wir sprechen über das große TV-Duell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück. Claus Fusseks Fazit aus Pflege-Sicht? „Steinbrück hat das Thema ja aufgegriffen, aber dann war plötzlich die Maut wichtiger. Aber gut, besser als gar nichts. Das Thema hat nach wie vor nicht die Nachhaltigkeit, die es verdient.“ Da können aus Sicht des Pflegeexperten auch die aktuell wieder zahlreichen Besuche von Bundestagskandidaten in Altenheimen nur wenig helfen: „Jeder Politiker, der es ehrlich mit diesem Thema und der Personengruppe meint, sollte in seinem Wahlkreis zum Beispiel mal an einem Wochenende oder nachts unangemeldet in einem Pflegeheim vorbeischauen.“ Exakt ein Satz, den Claus Fussek auch schon im Bundestagswahlkampf 2009 predigte.

Seelenmülleimer

Der nächste Anruf – ein älterer Herr aus Rüsselsheim. Er habe Anzeige erstattet, weil seine Mutter im Altenheim vorsätzlich verletzt worden sei. Aber: Der Staatsanwalt unternehme nichts. Die verzweifelte Frage: Was kann jetzt noch dagegen unternommen werden? Claus Fussek ist wieder einmal der große Hoffnungsträger und Seelenmülleimer. Er hört zu. Sehr lange. Das reicht oftmals schon. „Vielleicht sollte sich ein Anwalt der Sache annehmen“, rät der Kämpfer für eine bessere Pflege, „wahrscheinlich wird das aber auch nichts bringen.“ Trotzdem: „Danke, dass sie mir zugehört haben“, sagt der Anrufer.

Der Reigen der Telefonate setzt sich fort – mit der Pflegekraft, die nach ihrem Burn-out wieder zurück in den Beruf will; mit dem Betriebsratsvorsitzenden, der aufgrund reihenweiser Überlastung seiner Kollegen nicht mehr die Versorgung der Bewohner in seiner Einrichtung garantieren kann; mit der pflegebedürftigen Mutter, die sich von ihren beiden Töchtern im Stich gelassen fühlt. Der ganz normale „tägliche Pflege-Wahnsinn“ eben, der Claus Fussek noch diese zentrale Forderung an die Politik und an die Gesellschaft formulieren lässt: „Wir brauchen in den Einrichtungen noch viele weitere Professionen – zum Beispiel Sozialpädagogen, Psychologen, Therapeuten oder Dolmetscher.“


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