zuletzt aktualisiert vor

Interview Schauspieler Rolf Zacher über Genuss, Yoga, Drogen und eine Taube am Knastfenster

Von

Schauspieler Rolf Zacher mit einem Stück Zacher-Torte. <i>Foto: Gert Westdörp</i>Schauspieler Rolf Zacher mit einem Stück Zacher-Torte. Foto: Gert Westdörp

„Für so einen wie Zacher würden sie in Amerika überall einen roten Teppich ausrollen“, meinte vor vielen Jahren der US-Schauspieler Rod Steiger. Ein Künstler wie Zacher wird gehasst oder geliebt – oder umgekehrt: Mit Journalisten, die Zacher nicht sympathisch sind, verbringt er keine Minute länger als nötig. Wir haben Glück, plaudern fast drei Stunden über sein Leben – und verdrücken dabei einige Stücke seiner frisch kreierten „Zacher-Torte“.

Herr Zacher, bei der Vorbereitung auf das Interview habe ich oft gelesen, dass Sie ein Mann mit schwierigem Charakter seien...

Ach, das sind doch Fresken aus alten Zeiten. Ich bin doch inzwischen viel diplomatischer und besonnener geworden, ich mache seit 30 Jahren Yoga. Das hat nur keiner mitgekriegt. Ich bin auch einer der wenigen aus der alten Clique mit zum Beispiel Fassbinder, Krebs oder Wennemann, der überlebt hat.

Wie haben Sie das geschafft?

Weil ich mein Leben plötzlich total verändert habe. Ich achte immer mehr auf die Bedürfnisse meines Körpers.

Seit wann?

Bestimmt schon seit Jahrzehnten.

Wie sieht denn ein Tag beim disziplinierten Rolf Zacher aus?

Nach dem Aufstehen trinke ich gleich einen Viertelliter Wasser – und zwar die Hälfte auf Zimmertemperatur, die andere Hälfte kochend heiß. Dann ist das Wasser so warm, dass man es gut trinken kann, mit Genuss natürlich. Das ist ein richtiges Ritual.

Und dann?

Esse ich einen Apfel, jeden Morgen. Dann gehe ich meistens raus und mache einen Spaziergang, das sind so vier Kilometer. Ich gehe bewusst und beobachte wie ein Sportler meinen Bewegungsablauf. Jeder Schritt, den ich gehe, ist ein Genuss für mich. Anschließend lege ich mich wieder hin und mache Reiki oder Yoga. Herrlich, das gibt Energie. Ich habe in meinem hohen Alter noch Muskeln wie ein Boxer. Diese Lebensweisen gebe ich gerne weiter – zum Beispiel auch an Heiner Lauterbach, der ja vor Jahren wegen Alkohol und Kokain fast am Sterben war. Erst hat er gelacht, jetzt bedankt er sich.

Wie oft sind Sie denn schon dem Tod von der Schippe gehüpft?

Ich würde sagen, drei Mal auf jeden Fall. Und die Erkenntnisse daraus wurden immer schöner.

Wie soll ich das verstehen?

Meine innere Stimme hat mich zurechtgewiesen. Aber wissen Sie, wie es kam, dass ich überhaupt über die Stränge geschlagen habe?

Erzählen Sie.

Von meiner ersten Gage – das war um 1964 rum – habe ich mir gleich einen Porsche gekauft. Und nach sechs Wochen habe ich den gleich zerdonnert. Meine Wirbelsäule war angeknackst, aber ich habe mich entgegen den ärztlichen Ratschlägen zunächst nicht behandeln lassen. Die Schmerzen wurden immer schlimmer, bis ich beim Schwimmen nicht mehr aus dem Becken kam. Dann bekam ich sehr starke Mittel gegen Schmerzen.

Und weil die nicht mehr geholfen haben, sind Sie an Drogen geraten...

Das ist völliger Blödsinn, wenn das so geschrieben wurde. Als es mir so dreckig ging, hat mir ein Freund Heroin angeboten. Das habe ich dann einfach mal probiert, ohne nachzudenken. Da gab es auch noch gar keine Süchtigen in Berlin. Ich habe nie gedrückt, sondern geraucht oder mir das Zeug durch die Nase gegeben. Ich habe in den acht Jahren, in denen ich abhängig war, immer gewusst, dass ich davon runterkommen werde.

Sie haben mehr als 70 Drogenentzüge hinter sich...

Das waren mindestens 200 Entzüge. Immer wieder. Wenn ich nach erfolgreichen sechs Wochen auf die Straße kam und mir ein Abhängiger „was Gutes“ anbot, fühlte ich mich wie Dr. Jekyll und Mister Hyde – ja oder nein, die Sucht siegte wieder, und ich nahm mir vor, ab morgen wieder aufzuhören.

Ins Gefängnis mussten Sie wegen Drogenhandels oder anderer Drogengeschichten?

Ich habe nie gehandelt – das sind alles Spinnereien der Presse.

Warum mussten Sie dann einsitzen?

Ich habe irgendwelche Rechnungen und Strafen nicht bezahlt. Dann habe ich mir Geld beschafft. Dabei habe ich niemanden überfallen, sondern meinen Kopf eingesetzt und manchmal große Gesellschaften um einige Summen erleichtert.

Wie lange saßen Sie im Knast?

Zwei Jahre.

Dort sollen Sie sich gar nicht so unwohl gefühlt haben.

Weil ich nicht in Selbstmitleid verfallen bin. Ich war selbst dafür verantwortlich, dass ich sitzen musste. Das war dann so eine Art Zölibat – das musst du ausnutzen. Da besuchte mich zum Beispiel immer eine Taube, das war wunderbar.

Sie mussten auch Autogramme geben?

Natürlich. Es war großartig, weil ich auch ein bisschen mit meiner Popularität gespielt habe.

Ihre Eskapaden haben Ihrer Schauspielerkarriere aber nicht unbedingt geschadet.

Moment mal, Ihr von der Presse seht das nur als Eskapade, weil ich so berühmt bin.

Mag sein. Dann einigen wir uns darauf, dass Drogen und Knast Ihrer Karriere nicht geschadet haben, oder?

Nach dem Gefängnis habe ich gleich so intensiv vor der Kamera gestanden wie noch nie zuvor.

Haben Sie sich eigentlich nicht daran gestört, nur die schrägen Rollen zu bekommen?

Nee. Ich habe verschiedene Charaktere mit Problemen gespielt. Solche Rollen spiele ich gerne. Jeder Verbrecher hat seinen ganz weichen Kern. Ich habe nie richtig gemein gespielt, sondern war immer ein liebenswerter schräger Vogel.

Gibt es denn eine Rolle, die Sie unbedingt noch einmal spielen wollen?

Ich hätte unheimlich Lust, mal einen Bäcker zu spielen. Schon lange, weil ich es ja auch gelernt habe.

Wie könnte diese Rolle denn aussehen?

Zum Beispiel, dass ich noch einen der wenigen richtigen alten Handwerksbetriebe führe. Ich als Bäckermeister habe eine Riesenfamilie und viele Kinder. Alle haben mich als 70-Jährigen nicht mehr lange auf der Rechnung. Der eine will eine Disco aus der Bäckerei machen, der andere eine Reinigung und die Tochter ein Modegeschäft. Ich bekomme das alles mit. Das ist doch Superstoff, oder?

Bester Stoff. Und gibt es dazu schon konkrete Gespräche?

Noch nicht. Warum sollte das nicht gelingen? Natürlich fällt es den Regisseuren schwer, festgefahrene Pfade zu verlassen. Inzwischen habe ich aber auch schon Väter und Großväter gespielt.

Lassen Sie uns noch mal privat werden. In der „Bild“ war zu lesen, dass Sie im Auto schlafen müssen, weil Sie völlig abgebrannt seien.

Quatsch. Das war so ein junger Typ, dem habe ich erzählt, dass ich unheimlich gerne im Auto schlafe. Beim Drehen übernachte ich oft in einem Van – das sind doch richtige Fahrzeuge zum Wohnen. Wenn ich auf der Autobahn unterwegs bin, dann haue ich mich auf dem Rastplatz in meinem Van auch mal hin. Dass ich nur eine schmale Rente bekomme, liegt daran, weil ich mich nie groß arbeitslos gemeldet habe. Aber keine Angst: Wenn jemand so wie ich Qualität abliefert, dann hat er immer genügend Geld.

 Stimmt es, dass Sie damals von der Schule geflogen sind?

Ja. Ich wollte unbedingt auf die Schauspielschule gehen. Da habe ich etwas inszeniert – gegen einen Musiklehrer, der die Kinder mit dem Taktstock geschlagen hatte. Diesen Lehrer habe ich nach Schulschluss beleidigt und im Klassenraum eingeschlossen. Die Feuerwehr musste ihn befreien. Am anderen Tag haben mich alle Schüler gefeiert – und ich bin von der Schule geflogen.

Um dann auf die Schauspielschule zu gehen?

Nein, ich habe erst Bäcker und Konditor gelernt. Nach der Lehre habe ich mir dann meinen Traum erfüllt. Meine erste Rolle war ein Typ, der ein Kofferradio geklaut hat.

Wie war das Verhältnis zu Ihrer Mutter?

Sie war der Eckpfeiler der Familie. Meine Mutter war auch der Vater. Mein Vater ist im Krieg gefallen, den habe ich nie kennengelernt. Meine Mutter war eine starke Frau. Wenn sie mit „Rolf-Dieter“ ansetzte, wusste ich, was die Stunde geschlagen hatte.

Haben Sie eigentlich Kontakt zu Ihrer Tochter Anna?

Jetzt erst richtig. Vor vier Jahren bin ich sogar stolzer Opa geworden. Anna habe ich 1972 im Alter von zwei Monaten gesehen – dann erst wieder, als sie 17 war.

Sie haben Ihre damalige Frau während der Schwangerschaft verlassen.

Das stimmt nicht. Wir haben damals in einer Drehpause geheiratet, damit das Kind nicht unehelich zur Welt kam. Kurz nach der Geburt haben wir uns getrennt, meine Frau hat dann den Millionär Paul Getty kennengelernt, sodass ich auch keine Alimente zahlen musste.

Hat Ihnen nicht das Herz geblutet?

Ich musste unheimlich büßen. Anna wollte mich viele Jahre nicht sehen. Als ich dann zum Drehen in den USA war, habe ich bei meiner Tochter angerufen, ob sie mich treffen wolle. Sie wollte. Diese erste Umarmung war unbeschreiblich. Und soll ich Ihnen was verraten?

Bitte.

Sie hat von mir den Ratschlag angenommen, Yoga zu machen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN