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Geschichte erleben im Emsland Moormuseum – Neue Ausstellungshalle Als ein Mammut das Emsland umpflügte

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Geeste-Gross Hesepe. Das „Mammut“ macht seinem Namensvetter alle Ehre. Es ist riesig, wenn auch nicht pelzig, und strahlt eine gewisse majestätische Ruhe aus. Als wüsste es, dass ohne ihn das Emsland vielleicht bis heute eine unwirtliche Moorlandschaft wäre. „Ohne ihn“ heißt: ohne den größten mit Dampfkraft bewegten Pflug, der je gebaut worden ist.

Dem Besucher steigt noch immer der Geruch von frischer Farbe in die Nase, wenn er die neue Ausstellungshalle des Emsland Moormuseums in Geeste-Groß Hesepe betritt. Hier stellt sich der Mammutpflug den staunenden Blicken seiner Bewunderer. Im Juli ist das Gebäude offiziell eröffnet worden – im Beisein prominenter Gäste wie dem Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums in Berlin, Professor Hans Ottomeyer. Sein Urgroßvater hatte einst jenes Unternehmen gegründet, das den Mammutpflug entwickelt und betrieben hat.

Noch ist es an diesem Morgen nebenan im Hauptgebäude des Museums ziemlich ruhig. An Schautafeln ist das Ökosystem Moor erklärt, ein Querschnitt durch den Boden zeigt die einzelnen Torfschichten. Da stehen neben einer drei Stockwerke hohen Torfstreufabrik Dampfmaschinen und Arbeitswerkzeuge – ein Gang durch die Jahrhunderte der Moorkultivierung. Als die Doppeltür aufschwingt und eine Busladung Viertklässler lärmend den Eingangsbereich stürmt, ist es vorbei mit der Museumsruhe. „Wir teilen euch in zwei Gruppen auf“, verkündet Dieter Ostendorf. „Eine geht mit mir.“ Schließlich folgen ihm sechzehn Schüler und eine Lehrerin nach draußen auf das Freigelände.

Ostendorf ist wissenschaftlicher Volontär des Moormuseums. Eigentlich ist er in der Forschung tätig. „Aber wenn es eng wird, mache ich auch Führungen“, sagt er und lacht dabei. Die Aufmerksamkeit der neun- bis elfjährigen Jungen und Mädchen gewinnt er sofort, als er mit den Worten „Moor ist da, wo man einsackt“ seinen Rundgang beginnt: „Das kann eine ziemlich gruselige Angelegenheit sein.“

Und dann geht es auf einem Trampelpfad hinaus ins Moor, dahin, wo man einsackt, wo man zur Moorleiche werden kann, wenn man sich vom befestigten Weg wagt, wie Ostendorf augenzwinkernd hinzufügt. Auch wenn die Gänsehaut bei der Besichtigung des Freigeländes eher von dem böigen Wind kommt, der über die Heidelandschaft pfeift, irgendetwas hat diese Gegend. Sie weckt die Erinnerung an etwas Ursprüngliches, Unzivilisiertes, das gepflegten Kornfeldern, Kuhweiden und begradigten Bachläufen völlig abgeht. Wie kleine Kuppeln reihen sich Wollgrasbüschel aneinander und verdecken den tückischen sumpfigen Untergrund. Auf den nassen Flächen sammelt sich grünes Torfmoos, das einen farblichen Kontrast zur violett blühenden Heide setzt. Ein Steg aus Holzbohlen führt den Besucher in diese karge Welt, den Pfaden aus Baumstämmen nachempfunden, auf denen sich die emsländischen Siedler vor der Trockenlegung der Moore ihren Weg durch jene Gebiete bahnten.

„Deutsches Sibirien“

Auch wenn erste bescheidene Besiedlungsversuche seit dem 17. Jahrhundert verzeichnet sind, bleibt das Emsland bis ins 20. Jahrhundert hinein zum größten Teil eine so unkultivierte Hochmoorfläche, unbrauchbar für Ackerbau und Viehhaltung. Die Landschaft ist lebensfeindlich und dementsprechend auf weite Strecken menschenleer. Als „deutsches Sibirien“ bezeichnet ein Reisender das Emsland um 1800. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgt die systematische Erschließung: Im Jahr 1950 einigt sich die Bundesregierung auf den sogenannten „Emslandplan“.

Der riesige Mammutpflug ist zum Symbol dieses Emslandplanes geworden. Mit großen Augen stehen die Viertklässler schließlich in der neuen Halle, in der rund um das „Mammut“ die Erschließung des gesamten nordwestdeutschen Raumes dokumentiert wird. Vermessungsgeräte und alte Karten zieren die Wände und erzählen von dem enormen Aufwand, der mit dem Emslandplan verbunden gewesen ist. Nichts lässt das gigantische Ausmaß dieses Plans aber mehr erahnen als der riesige Pflug der Firma Ottomeyer aus Lügde bei Bad Pyrmont. Wie Zwerge sehen die vielleicht einen Meter vierzig messenden Schüler neben dem vier Meter hohen Rad des „Mammuts“ aus.

„Mit ihm ist das Emsland bis in die 1970er-Jahre hinein umgepflügt worden“, erzählt Ostendorf, der selbst ameisenklein unter der gewaltigen Pflugschar steht. Dann erläutert er seinen jungen Zuhörern das Prinzip des Kippflugs: Das Gerät sei mit Seilzügen vorwärts gezogen worden und habe dabei zunächst auf der einen Seite gepflügt, bis er am Ende einer Strecke einfach gekippt und zurückgezogen worden sei, um dabei auf der gegenüberliegenden Seite eine Pflugspur zu ziehen. Am anderen Ende der Seilzüge fuhren Dampflokomobile, von denen zwei nicht minder eindrucksvolle Exemplare mit den Namen „Thüringen“ und „Magdeburg“ ebenfalls in der Ausstellungshalle zu sehen sind. Im Unterschied zu Lokomotiven haben diese Fahrzeuge Räder und sind damit nicht schienengebunden.

Zwei Meter tief gräbt der Mammutpflug seine Scharen in den Moorboden. „Das hat die Torfschichten mit der darunter liegenden Sandschicht vermischt“, sagt Ostendorf und macht eine Handbewegung, als würde er einzelne Elemente waagerecht nebeneinander aufreihen. „Dadurch wurde der Moorboden durchlässig, sodass Regenwasser nach unten durchsickern und Grundwasser nach oben aufsteigen konnte. Und man konnte endlich Pflanzen in den gelockerten Boden setzen.“

Die Arbeiter, die mit Pflug und Dampflokomobilen durch das emsländische Moor ziehen, führen ein entbehrungsreiches Leben, wie die Schautafeln hinter dem Riesenpflug erzählen. Zwölf Stunden am Tag ist das „Mammut“ in Betrieb, sechs Tage die Woche. Morgens um sechs werden die Maschinen angeworfen, abends um sieben endet gewöhnlich ein Arbeitstag, mit einer Mittags- und einer kurzen Kaffeepause. Von Ostern bis Oktober eines jeden Jahres pflügt das „Mammut“ das Emsland um, über zwanzig Jahre lang. Während der Arbeitssaison wohnen die Männer in Bauwagen wie jenem, der jetzt als Exponat in der Ausstellungshalle aufgebaut ist.

Für Museumsleiter Dr. Michael Haverkamp liegt die Bedeutung der neuen Ausstellungshalle mit dem Themenschwerpunkt des Emslandplans gerade darin, dass sich dieser nicht auf das Emsland als Landkreis in den heutigen Grenzen bezogen habe. „Wir sprechen von einem wesentlich größeren Gebiet“, sagt er. „Vom Emslandplan waren neben dieser Region auch Teile der Landkreise Ostfriesland, Leer, Cloppenburg, Bersenbrück und die Grafschaft Bentheim betroffen. Das große Vorhaben des Urbarmachens von moorigem Ödland war auf den gesamten nordwestdeutschen Raum ausgerichtet.“

Die Begeisterung Haverkamps für das Moor, seine Geschichte und für die Menschen, die sich seiner herausfordernden Lebensfeindlichkeit über die Jahrhunderte hinweg gestellt haben, ist ihm beim Gang über das Freigelände anzumerken. „Sicherlich war es hier früher nicht so idyllisch“, gibt er zu, als er sich unter dem Türbalken des Siedlerhofes duckt, der ebenfalls zum Museum gehört. Trotz der Enge und der spärlichen Ausstattung ist es beinahe gemütlich in der kleinen Kate: eine urige Küche mit Holztisch, Blechtöpfe über dem gusseisernen Herd. Das kleine Fenster gibt den Blick auf einen üppigen Gemüsegarten frei. Nebenan in dem winzigen Schlafraum stehen zwei hölzerne Betten. So sollen die Siedler dereinst gelebt haben. „Die Einrichtung ist Originalaufzeichnungen von 1930 nachempfunden“, sagt Haverkamp.

Gang durch Zeitmaschine

Dass Geschichte, auf diese Art vermittelt, bei Besuchern ankommt, zeigt ein Blick in das Gästebuch des Museums, das aufgeschlagen im Empfangsbereich des Hauptgebäudes liegt. „Man fühlt sich, als wäre man durch eine Zeitmaschine gegangen“, schreiben Sarah und Kerstin aus Essen über ihre Eindrücke vom Siedlerhof. Auch im Hinblick auf die neue Ausstellungshalle bekommt Haverkamp bisher nur positive Resonanz. „Auch wenn noch nicht einmal alles fertig ist“, sagt er lächelnd und ein bisschen stolz. „Viele Gäste von außerhalb zeigen sich erstaunt darüber, dass hier mitten im emsländischen Moor so ein modernes Museum steht. Es gibt in ganz Europa kein vergleichbar großes Moormuseum.“

Und so geht die Arbeit weiter: Haverkamp und seine Kollegen erforschen im Moment die Geschichte der Torfindustrie und des Naturschutzes – die neue Halle bietet schließlich noch Ausstellungsplatz. Im Rahmen dieser Aufarbeitungen wird sich Haverkamp auch mit den Zwangsarbeitern beschäftigen, die während des Dritten Reiches in den fünfzehn Emslandlagern interniert gewesen sind und in den Mooren geschuftet haben. „Ein heikles Thema“, ist er sich bewusst. „Ins Museum kommt das erst, wenn wir es gründlich erforscht haben.“

Bis dahin hält der Mammutpflug in Gesellschaft der beiden Dampflokomobilen hinter der gläsernen Front der neuen Halle die Stellung. Ihn zu betrachten, sich von seiner Größe überwältigen zu lassen und anschließend über emsländische Straßen nach Hause zu fahren, mit Blick auf die Wiesen und Felder, die dieser Pflug einst dem Moor abgerungen hat, auch das ist ein Stück erlebte Geschichte.


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