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Ärzte fordern Einschnitte

Die Krankenkassen sollten nach einem Vorschlag von Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe die Medikamentenkosten für jene Versicherten nicht mehr übernehmen, "die ihre Krankheit durch eine Änderung der Lebensgewohnheiten in den Griff bekommen könnten".

In einem Interview mit unserer Zeitung wies Hoppe darauf hin, dass manche Patienten aus Bequemlichkeit zum Beispiel Pillen gegen Blutdruck schluckten, statt ihr Leben umzustellen. Das betreffe etwa Bewegung oder den Verzicht auf Alkohol und Tabak. Die Kostenübernahme von Medikamenten durch die Kassen für Patienten, die sich quasi selber helfen könnten, sei aber nicht gerechtfertigt. Denn das sei "originäre Eigenverantwortung".

Hoppe warnte zudem, bei Einführung einer Bürgerversicherung drohe ein Gesundheitssystem mit Rationierungen und langen Wartezeiten.

Das Interview, das Ärztepräsident Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe unserer Zeitung gab, hat folgenden Wortlaut:
Herr Professor Hoppe, es gibt Streit um die Vorsorge gegen die Vogelgrippe. Sind denn die Länder ausreichend vorbereitet?
Hoppe:
Noch immer sind einige Bundesländer nicht ausreichend mit Medikamenten ausgerüstet. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt, sie für mindestens 20 Prozent der Bevölkerung vorzuhalten. Die Länder haben aber im Schnitt nur für zehn Prozent der Menschen Medikamente bestellt. Gerade Niedersachsen hat in dieser Hinsicht mit knapp fünf Prozent der Bevölkerung bisher offensichtlich zu wenig getan.

Kassen und Ärzte treffen sich erneut, um Verabredungen zur Eindämmung der um 20 Prozent gestiegenen Arzneimittelausgaben zu treffen. Haben Sie Vorschläge, wie man das erreichen kann?
Hoppe:
Ein erheblicher Teil der Kostensteigerung resultiert aus Preiseffekten - etwa der Reduzierung des Kassenrabatts. Sicher gibt es auch Ärzte, die dem Wunsch der Patienten nach Medikation mehr nachgeben, als das unbedingt notwendig ist. Aber wir haben in Deutschland bei den Versicherten und Patienten auch eine Medikamentengläubigkeit, die stärker ausgeprägt ist als anderswo. Hier ist mehr Aufklärung nötig. Aber zu größeren Einsparungen kann auch das nicht führen. Denn es wird nach wie vor Ausgabensteigerungen geben, weil das Angebot an besseren, innovativen, aber eben dann auch teureren Medikamenten zunimmt.

Haben Sie Vorschläge?
Hoppe:
Es gibt Patienten, die ihre Krankheit durch eine Änderung der Lebensgewohnheiten in den Griff bekommen könnten - etwa durch Bewegung, Verzicht auf Alkohol und Tabak, autogenes Training und manches mehr. Stattdessen nehmen sie aber aus Bequemlichkeit lieber Pillen - etwa gegen den Bluthochdruck. Die Kostenübernahme von Medikamenten durch die Kassen für Patienten, die sich sozusagen selbst helfen könnten, ist aber nicht gerechtfertigt. Denn das ist originäre Eigenverantwortung. In solchen Fällen sollten die Arzneien überwiegend oder ganz vom Versicherten bezahlt werden. Voraussetzung ist dafür allerdings, dass sie ausführlich beraten werden und die Ärzte dafür auch angemessen honoriert werden.

Können Sie das konkretisieren?
Hoppe:
Solche Patienten müssten zunächst ausführlich und oft mit hohem Zeitaufwand von ihrem Arzt aufgeklärt und über die notwendige Änderung ihrer Lebensgewohnheiten informiert und davon überzeugt werden. Dafür wollen die Kassen bisher aber nicht zahlen. Sie müssen eine solche Gesundheitsberatung deutlich besser honorieren, damit sich Erfolg einstellt. Das rechnet sich auch für die Kassen, weil die Patienten dann gesünder werden und weniger Arzneien benötigen.

Alle sprechen von einer Richtungswahl am 18. September. Gilt das auch für das Gesundheitssystem?
Hoppe:
Bei der künftigen Finanzierung - also Bürgerversicherung oder eines der Kopfpauschalenmodelle - geht es tatsächlich um eine Richtungswahl. Mit dem Nachäffen von steuerfinanzierten Systemen und ihrer Ausgestaltung haben wir ganz schlechte Erfahrungen gemacht. Das betrifft zum Beispiel die Programmmedizin oder die Fallpauschalen im Krankenhaus, mit denen wir eher schlecht fahren. Insofern würde die Bürgerversicherung, die ja nichts anderes als eine zweckgebundene Einheitssteuer für alle ist, sicher den Wechsel in ein quasi-staat-liches Gesundheitssystem bringen.

Übertreiben Sie hier nicht erheblich?
Hoppe:
Nein, denn eine Bürgerversicherung würde die Politik zu viel stärkeren Eingriffen in das Gesundheitswesen verleiten, die Vorschriftenmedizin ausweiten und damit negativ auf das Arzt-Patienten-Verhältnis wirken. Das wäre das Ende des herkömmlichen, freiheitlichen und gegliederten Gesundheitswesens in Deutschland. Die Konsequenzen wären dieselben, wie wir sie in Schweden oder Großbritannien besichtigen können.

Was befürchten Sie?
Hoppe:
Am Ende der Bürgerversicherung stehen Rationierungen, lange Wartezeiten, Qualitätsverschlechterungen und schließlich - siehe Schweden - eine sehr hohe finanzielle Eigenbeteiligung der Patienten. Dabei sind wir schon jetzt auf dem Weg nach unten: Die Versorgung der Patienten hat sich bereits deutlich verschlechtert, und die Arbeitsbedingungen der Ärzte sind vielfach unzumutbar. Dagegen ist das Prämienmodell ausbaufähig, kommt unserem gegliederten System besser entgegen und könnte mehr Freiheit und Flexibilität bringen, die Ärzte und Patienten so dringend benötigen.










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