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Sänger Roger Cicero verarbeitet Persönliches in seinen Songs

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Roger Cicero.Roger Cicero.

Auch wenn Swingsänger Roger Cicero noch keine Coverversion des Klassikers seines Kollegen Udo Jürgens aufgenommen hat, war er noch niemals in New York: „Ich möchte unbedingt mal nach New York, das habe ich bisher in meinem Leben noch nicht geschafft und steht ganz oben auf meiner Liste“, sagte der 39-Jährige.

Lässig, smart, adrett: Sänger Roger Cicero begeistert die Damen, ohne die Männer zu vergraulen. Selbst die kritische Jazzszene zollt ihm Respekt. Der Sohn des einstigen Ausnahmepianisten Eugen Cicero hat auch mit seinem dritten Solo-Album „Artgerecht“ Erfolg. Im Interview mit unserer Zeitung plaudert der 39-Jährige über Wutanfälle beim Autofahren, Schlafentzug und den Dalai Lama:

Roger, korrigieren Sie denjenigen, der Sie „Rodscher“ nennt?

(lacht) Das kommt auf die Situation an. Nicht immer, manchmal bin ich da auch großzügig.

Mussten Sie oft den Spruch „Alles Rodscher“ ertragen?

(lacht) Oh ja. Kann ganz schön nerven.

Soul und Motown sind derzeit ziemlich angesagt. Hatten Sie da die richtige Spürnase, oder war es ein Herzensanliegen, diese Stile aufs dritte Album zu packen?

Zweiteres. Ich habe viele Jahre als Soulsänger gearbeitet. Da war es für mich ein ganz natürlicher Schritt, diese Stile beim dritten Album zu integrieren. Dass sie gerade trendy sind, kommt mir sehr entgegen. Aber Soul ist neben Jazz und Swing die Musik, die ich am meisten liebe. Deswegen wollten wir uns unbedingt an den Sound der Siebziger anlehnen. Es klingt stellenweise tatsächlich nach Barry White.

Und das Lied „Ohne Worte“ klingt nach Prince. Eine Hommage?

Definitiv. Der Gedanke dahinter war in der Tat, eine kleine Ode an Prince zu schreiben. Er zählt als Ausnahmekünstler absolut zu meinen Vorbildern.

Hindern die deutschen Texte Sie und ihre Big Band nicht daran, international noch erfolgreicher zu werden?

Zugegeben, dadurch ist das Ganze schon auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. Es gibt aber auch viele Fans in Holland, sogar in den USA wird unsere Musik gehört. Vor Kurzem waren spanische Fans im Konzert, die kein Wort verstanden, aber begeistert waren.

Gibt es den Tokio-Hotel-Effekt, dass Leute im Ausland wegen Ihrer Musik Deutsch lernen?

Ich habe wirklich mal einen Italiener in Wien getroffen, der genau das gesagt hat. Der hat mich auf der Straße gesehen, als ich gerade ein Interview geführt habe, und ist prompt mit seinem Motorrad umgedreht, um mich anzusprechen. Die Texte habe er zum Anlass genommen, sein Deutsch zu verbessern.

Was nicht so einfach ist, die Texte sind teils recht anspruchsvoll...

Hat er auch gesagt. (Lacht) Es hat auf jeden Fall Früchte getragen, er konnte sich fließend mit mir unterhalten.

Können Sie etwas mit Rock, Metal, Punk, Rap und Techno anfangen?

Zumindest nicht als ausführender Musiker. Aber gut gemachte Sachen in diesen Bereichen höre ich mir sehr gern an. Virtuos gespielten Metal finde ich sehr beeindruckend, da gibt es irre Bands.

Welche hören Sie zu Hause?

So weit würde ich jetzt nicht gehen (lacht). Ich habe zugegebenermaßen keine Metal-CDs im Regal, dafür aber AC/DC. Die finde ich großartig. Mit großem Unverständnis stehe ich vor Techno. Das widerspricht einfach in sehr vielen Ausführungen meinem musikalischen Verständnis.

Bei Techno geht es um laute Bässe und den Tranceeffekt.

Ja genau. Dieses ständige Oszinato und diese monotonen Wiederholungen. Aber auch in dieser Branche gibt es Leute, die großartig produzieren und sehr kreativ sind.

Ihre neue CD heißt „Artgerecht“. Wie sieht denn derzeit die artgerechte Haltung für den Vollzeitpapa Roger Cicero aus, Schlafentzug, ständig Flecken auf dem Anzug?

(lacht) Auf dem Anzug weniger. Den trage ich nicht, wenn ich mit Louis zusammen zu Abend esse, zumindest nicht, wenn es Spaghetti gibt. Der Schlafentzug ist in der Tat ein großes Thema, mein ständiger Begleiter. Ich habe es nicht für möglich gehalten, mit wie wenig Schlaf man auskommt. Ausschlafen ist im Moment der größte Luxus.

Klingt nach einem neuen Song...

(lacht) Gute Idee, mal gucken.

Welche Songs der neuen Platte sind biografisch?

„Hinterm Steuer“ ist leider Gottes sehr autobiografisch. Ich bin jetzt nicht die ganze Zeit als fluchendes Ungeheuer unterwegs im Straßenverkehr, aber es kommt schon vor, dass ich aus der Haut fahre.

Dann können Sie auch ein bisschen lauter werden?

Ja. Der große Vorteil ist, dass man mich im Auto nicht hört. Deswegen nehme ich kein Blatt vor den Mund.

Was nervt am meisten?

Die Langsamfahrer. Ich bin sehr ungeduldig.

Wenn einer bei Orange nicht mehr durchhuscht, wird gehupt und geflucht?

(lacht) Na ja, wenn es wirklich gerade erst orange wird, und der vor mir geht voll in die Bremse, dafür habe ich wenig Verständnis. Richtig anstrengend finde ich, wenn Leute wirklich schnarchig unterwegs sind. Wenn die dann auch noch ein Handy am Ohr haben, dann hört es bei mir auf.

In einer Damen-Boutique werden Sie – wie zu hören ist – auch schnell nervös?

(lacht) Es ist in den vergangenen Monaten zwar seltener vorgekommen, dass ich mit meiner Freundin einkaufen gehen musste. Aber dass ich Shoppen nicht mag, stimmt definitiv. Ich hasse es, für mich selbst Klamotten zu kaufen. Entweder ist das eine Spontangeschichte, ich sehe zufällig etwas, super, rein, anprobieren, passt, danke, tschüss. Oder es bedeutet: langes Stöbern, Suchen, 50-mal anprobieren, umziehen. Da passe ich dann.

Ich dachte, Sie hätten einen Schneider, bei dem Sie Ihre Maßanzüge bestellen?

Nein, ich habe keinen Schneider, aber einen wunderbaren Herrenausstatter: Drykorn. Meine Stylistin geht vorher in den Showroom, trifft eine Vorauswahl und kommt dann damit zu mir nach Hause. Das ist ein Luxus, den ich unglaublich genieße.

Sind Ihre Texte eine schwierige Gratwanderung zwischen Witz und Albernheit?

Ja. Wir spielen mit den Klischees und versuchen, die Texte durch intelligente Wortspielereien anzureichern. Aber das Augenzwinkernde ist das wichtigste Element dabei.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Ihrem Autor Frank Ramond ab, geben Sie Stichworte vor?

Mal so, mal so. Manchmal gebe ich Stichworte und Themen vor, und dann bastelt er eine Geschichte. Manchmal kommt er auch mit Ideen, und dann wird im gemeinsamen Brainstorming eine Story daraus. Es gibt aber auch Themen, die wir einfach nicht als Liedtext umsetzen können.

Bestätigen Ihre Fans Ihnen oft, dass sie etwas so oder so ähnlich erlebt haben?

Das ist in der Tat ein regelmäßiges Feedback.

Somit ein Erfolgsrezept?

Definitiv. Es ist sehr hilfreich, dass die Leute die Texte nachvollziehen können und ihnen aus der Seele sprechen. Eine sehr wichtige Zutat.

Erhalten Sie viele Liebesbriefe?

(lacht) Ich habe da nicht so den Überblick. Die meisten Briefe, die ich bekomme, sind eher Fanpost und Autogrammwünsche. Ich unterschreibe immer noch alles selbst. Viel Arbeit, aber das gehört einfach dazu. Die klassischen Liebesbriefe oder Kinderwünsche habe ich kaum bekommen. Wir sind ja auch keine Teenyband. Hier und da gibt es Avancen, aber das sind dann eher mal Einträge im Gästebuch.

Eines Ihrer persönlichsten Lieder ist „Ich hätt so gern noch Tschüss gesagt“ – nämlich Ihrem 1997 verstorbenen Vater. Was ist das Wertvollste, das er Ihnen mitgegeben hat?

Das wichtigste Erbe, das ich von ihm bekommen habe, war sein Spaß an der Musik. Er konnte mir diese wahnsinnige Gaudi, diese Leidenschaft auf spannende und sehr spielerische Weise vermitteln. Das weiß ich zu schätzen. Natürlich hat das auch mit Handwerk zu tun, und mein Vater hat seinen Beruf mit großer Ernsthaftigkeit betrieben. Aber trotzdem stand immer die Spielfreude im Vordergrund. Das ist etwas, was ich lange als völlig selbstverständlich angesehen habe und erst später lernen durfte und musste, dass das nicht die Regel ist.

Hat er Sie oft mitgenommen zu seinen Konzerten?

Ja. In meinen Schulferien bin ich ständig mit ihm auf Clubtournee gewesen, manchmal sogar aufgetreten. Noch früher war ich eher der kleine Störenfried (lacht).

Inwiefern?

Mit vier, fünf Jahren saß ich da im Publikum, und mir war irgendwann langweilig. Nichts passierte, alle haben nur nach vorne geguckt, und mein Papa war beschäftigt und konnte nicht mit mir spielen. Das fand ich doof und fing an, laut irgendwelche Geschichten zu erzählen. Da hat er dann von der Bühne gesagt: „Und übrigens, der Laute da, ist mein Sohn.“ Das war immer ein gelungener Gag fürs Publikum.

In „Spontis zeugen Banker“ geht es darum, dass Söhne andere Wege einschlagen als die Väter. Worin bestand bei Ihnen das Ausscheren?

Meine Eltern haben mich mit vier Jahren in den Klavierunterricht gesteckt, wogegen ich mich mit Händen und Füßen gewehrt habe. Schließlich hatten sie ein Einsehen und nahmen mich wieder heraus. Dann wollte ich erst mal viele Jahre mit Musik gar nichts zu tun haben und fing erst mit zehn Jahren wieder an, Gitarrenunterricht zu nehmen. Darüber bin ich zum Singen gekommen. Wenn es mir nicht zufällig unglaublichen Spaß gemacht hätte, diese Lieder dann anderen vorzusingen, hätte ich den musikalischen Weg nicht eingeschlagen.

Ihre Mutter taucht manchmal in Ihren Texten auf. Holen Sie sich vor der Veröffentlichung ihr Einverständnis?

Nein, meine Mutter kriegt grundsätzlich immer erst das fertige Produkt zu hören, weil sie mich vorher in den Wahnsinn treiben würde. (lacht)

Warum das denn?

Sie würde Sachen kritisieren, die in dem Stadium noch überhaupt gar nicht kritikfähig sind. Zum Beispiel komische Lautstärkeverhältnisse, bevor die Musik gemischt ist. Das erspar ich mir und mache immer erst alles fertig, bevor sie es zu hören bekommt. Wenn sie dann etwas auszusetzen hat, ist es zu spät. (lacht)

Ihr Vater war Rumäne. Sprechen Sie die Sprache?

Nein, leider gar nicht. Mein Vater hat nie mit mir Rumänisch gesprochen. Das habe ich ihm sehr lange unglaublich übel genommen. Ich bin einsprachig aufgewachsen und musste mir später Englisch und Holländisch mühevoll beibringen.

Wie wichtig sind Ihnen denn Ihre rumänischen Wurzeln?

Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen und habe allenfalls über meinen Vater oder meinen Onkel etwas von dem Land mitbekommen. Bei den wenigen Reisen nach Rumänien habe ich schon eine Verbundenheit gespürt, aber eben nicht sehr vordergründig. Aber ich unterstütze dort seit einigen Jahren die Kinderhilfsorganisation „Save the Children“.

Dafür haben Sie Ihr Cabrio versteigert. Wohin sind die 21000 Euro geflossen?

In einen bereits bestehenden Kindergarten. In den ländlichen Gebieten leben die meisten unter der Armutsgrenze. Den Eltern ist es aus finanziellen Gründen nicht möglich, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Diese Kindergartenplätze ermöglichen es den Kindern, eine Schule zu besuchen, weil sie ausgestattet werden mit Büchern, Stiften und Heften. Ich schätze diese Hilfe zur Selbsthilfe sehr.

Vor drei Wochen haben Sie in Frankfurt für den Dalai Lama gespielt und ihn auch persönlich getroffen. Was hat das für Sie bedeutet?

Ich war schon immer sehr beeindruckt vom Dalai Lama, habe jedes Interview mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Es war ein ganz besonderes Erlebnis für mich, einmal diese Aura, die diesen Mann umgibt, erleben zu dürfen.

Sie sind über Yoga zum Buddhismus gekommen?

Nein, über Freunde, die selbst praktizieren. Was ich von denen erfahren habe, fand ich sehr ansprechend.

In welchem Sinn?

Jede Religion hat ein paar befremdliche Ecken. Es gibt keine, wo ich 100 Prozent sage: Das ist es. Am Buddhismus finde ich die Herangehensweise, dass Gott in einem selbst schon existiert, sehr ansprechend. Alles, was man wissen muss, ist in einem selbst schon vorhanden. Man muss es nur erwecken. Ein schöner Gedanke, den ich gut nachvollziehen und woran ich glauben kann.

Für den Film „Hilde“ unternahmen Sie kürzlich einen Ausflug ins Schauspielfach. Haben Sie Lust auf mehr?

Mal gucken. Ich bin nach wie vor leidenschaftlich gern Sänger und Musiker. Darauf richte ich meine Hauptaufmerksamkeit. Wenn es mal wieder eine kleine Rolle geben sollte, die ich leisten kann, würde ich darüber nachdenken. Aber ich kann dafür im Moment nicht viel Zeit investieren im Sinne von Schauspielunterricht.

Welchen Wunsch möchten Sie sich gern erfüllen?

Etwas ganz Banales: Ich möchte unbedingt mal nach New York, das habe ich bisher in meinem Leben noch nicht geschafft und steht ganz oben auf meiner Liste. Ansonsten wünsche ich mir natürlich in erster Linie Gesundheit für meine Familie und beruflich, dass es auf diesem Niveau weitergeht.

Roger Marcel Cicero

wird am 6. Juli 1970 als Sohn des renommierten, exilrumänischen Jazzpianisten Eugen Cicero und der Tänzerin Lili Cziczeo in Berlin geboren. Schon als Vierjähriger erhält er intensiv Klavierunterricht, wechselt aber einige Jahre später zur Gitarre. Bereits mit zwölf hat Cicero seinen ersten Bühnenauftritt im Vorprogramm von Chansonsängerin Helen Vita. Sechs Jahre später bricht er die Schule vor dem Abitur ab und absolviert eine Gesangs-, Klavier- und Gitarrenausbildung am Hohner-Konservatorium in Trossingen.

Währenddessen tritt er bereits mit dem Eugen Cicero Trio, dem Horst Jankowski Trio und dem Bundesjugend-Jazzorchester unter der Leitung von Peter Herbolzheimer auf. Es folgt von 1991 bis 1996 ein Studium im holländischen Hilversum, wo Cicero in der „First Show Band“ zahlreiche Konzerte gibt. Danach übernimmt er in Hamburg die musikalische Leitung von „Angie’s Nightclub“, gründet das Roger Cicero Quartett und singt mit „Soulounge“ im Vorprogramm von George Benson. 2004 lernt Cicero den Texter Frank Ramond und den Komponisten Mathias Hass kennen, mit denen er bis heute erfolgreich zusammenarbeitet. 2006 veröffentlicht Roger Cicero sein Soloalbum „Männersachen“, das als neuartige Mischung aus deutschsprachigem Swing, Jazz und Pop die Charts erobert und Platin-Status erreicht.

Mit dem Titel „Frauen regier’n die Welt“ vertritt er Deutschland 2007 beim Eurovision Song Contest, landet aber nur auf Platz 19. 2007 veröffentlicht Cicero das Album „Beziehungsweise“, 2009 folgt „Artgerecht“. Dazwischen spielt der Musiker an der Seite von Heike Makatsch im Kinofilm „Hilde“ den Pianisten Ricci Blum. Mit seiner Freundin Kathrin und dem einjährigen Sohn Louis lebt der Sänger in Hamburg.

Roger Cicero live:

30.10. Bielefeld, Stadthalle

31.10. Münster, Halle Münsterland

14.11. Bremen, Halle 7

9.2. Osnabrück, Stadthalle


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