Auf der Spur der Bösewichte Leben wie James Bond? Dieser Europol-Fahnder jagt international Verbrecher

Kriminalhauptkommissar Jens Burrichter ist internationalen Banden auf der Spur - zuletzt als Europol-ErmittlerKriminalhauptkommissar Jens Burrichter ist internationalen Banden auf der Spur - zuletzt als Europol-Ermittler
Jens Burrichter/privat

Osnabrück. Banden und Clans sind den Fahndern immer eine Naselang voraus? Von solchen Sprüchen hält Jens Burrichter nichts. Als Europol-Ermittler ist er Kriminellen dicht auf den Fersen – und erlebt vieles ganz anders. Ein Porträt.

Es ist ein Job, von dem manch ein kleiner Junge träumt: Verbrecher jagen, und das über Grenzen hinweg, durch ganz Europa. James Bond hat das doch vorgemacht: Sich in schnellen Autos filmreife Verfolgungsjagden mit Bösewichten liefern und auf der Spur des Verbrechens in viele Länder jetten. Immer im Dienst sein und das stets im edlen Zwirn. Und am Schluss siegt immer das Gute. Weil ja auch böse Jungs nur Menschen sind und irgendwann den entscheidenden Fehler machen. Jens Burrichter schmunzelt, wenn er das hört. „Höchstens die Hälfte davon stimmt“, sagt er. Die Sache mit den 24 Stunden rund-um-die-Uhr-im-Dienst-sein etwa oder dem dauernd im Flugzeug sitzen. Aber der Rest?

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Über Grenzen hinweg Verbrecher jagen

Es passiert dem Kriminalbeamten aus dem Osnabrücker Landkreis ziemlich oft, dass Menschen sich Illusionen über seinen Job machen. Sein Beruf regt ja auch die Phantasie an: Kriminalhauptkommissar, Ermittler, zuletzt internationaler Ermittler der europäischen Polizeibehörde Europol. Seit 20 Jahren ist der 39-Jährige bei der Polizei und fast genau solange kämpft er gegen die Organisierte Kriminalität – von der Autoknacker-Bande bis zu den Wohnungseinbrechern und Geldautomatensprengern. Die sind heutzutage über Grenzen hinweg aktiv, suchen sich die lukrativsten Tatorte aus, was die Ermittler vor eine echte Herausforderung stellt. Denn Europa besteht aus 27 Ländern, da werden verschiedene Sprachen gesprochen, es gilt unterschiedliches Recht – und vor allem: Die Polizei ist immer nur bis zur Grenze zuständig. Wo Kriminelle einfach weiter über die Grenze fahren, hört für die Polizei das Einsatzgebiet auf, das ist enorm unpraktisch.

dpa/Europol
Europol sucht regelmäßig auf sogenannten "Most Wanted"-Listen Schwerverbrecher - hier Sexualstraftäter

Europol spürt schwere Jungs auf

Aus diesem Grund entstand 1998 die europäische Polizeibehörde Europol mit Sitz im niederländischen Den Haag. Dort sitzen Ermittler aus den EU-Staaten und Drittstaaten. Ihre Aufgabe: Den nationalen Polizeien dabei zu helfen, organisierte Kriminelle, Drogenhändler, Cyber-Kriminelle und Terroristen aufzuspüren und festzunehmen. Europol sammelt Informationen jeglicher Art aus allen Ländern – und aus diesen oft hunderten oder tausenden Puzzle-Teilen ergibt sich dann ein Bild, sodass die Ermittler zuschlagen können. „Europol ist eine Art Polizeibotschaft“, beschreibt Jens Burrichter das Ganze. „Ein hervorragender Nachrichtenkanal, eine zentrale Datenbank, ein Netzwerk von Experten aus über 50 Staaten unter einem Dach und dazu reichlich Expertise. Das ist einfach top.“ 

Wohnungseinbrechern aus Serbien auf der Spur

Über Drei Jahre lang gehörte er zum Ermittlerteam. Da waren zum Beispiel diese Wohnungseinbrecher aus Serbien, die in ganz Europa in vornehme Villen von Wien bis Brüssel einstiegen. Burrichter sichtete die Informationen aus sechs Ländern: Aus Deutschland gab es etwa ein deutsches Autokennzeichen vom Tatort, aus Österreich die Telefonnummer eines Verdächtigen, in Belgien war ein Bandenmitglied festgenommen worden. Der Ermittler erzählt begeistert:

„Ich hatte in Den Haag das große Vergnügen, einen Fundus von Informationen zu haben, die ich auswerten konnte.“

Eineinhalb Jahre dauerte es, in denen er Daten sammelte und sichtete, bis sein Team genug wusste. Dann schlugen sie zu. Mehrere Täter wurden verhaftet und in Wien vor Gericht gestellt. Erstmals in der Geschichte Österreichs wurde eine Einbrecherbande wegen der Bildung einer kriminellen Gruppierung verurteilt. „Das sind schöne Erfolge“, freut sich der Polizeibeamte, der inzwischen wieder in Osnabrück arbeitet. Und für seinen erfolgreichen Einsatz rund um das Wiener Ermittlungsverfahren erhielt er 2019 sogar eine Ehrung durch den Wiener Polizeipräsidenten.

Polizei Wien
Für seinen erfolgreichen Einsatz rund um das Wiener Ermittlungsverfahren erhielt Jens Burrichter 2019 eine Ehrung durch den Wiener Polizeipräsidenten

Wo bleibt das Jet-Set-Leben?

Akribische Detail-Arbeit statt eines faszinierenden Jet-Set-Daseins – im wahren Leben ist das Aufklären von Banden- und organisierter Kriminalität oft mühsam, und zwar über Monate oder Jahre hinweg. Burrichter stört das nicht: „Erfahrung, Ausdauer, Netzwerke und Expertise helfen“, sagt er ganz nüchtern, und natürlich gute Englisch-Kenntnisse.

Wer hat die Nase vorn?

Stimmt es denn, dass Kriminelle der Polizei immer einen Schritt voraus sind? Das findet der Kriminalhauptkommissar nicht: „Gerade, wenn wir professionelle Täter fassen, dann versuchen sie natürlich, daraus zu lernen und sich weiterzuentwickeln.“ Ein Lerneffekt sei das – mehr nicht. Viel wichtiger sei es, dass die Polizei sich ständig weiterentwickele und europaweit eng zusammenarbeite. „Das machen wir ja auch schon intensiv. Kein Krimineller kann sich heutzutage in Sicherheit wiegen, die Erfolge belegen das“, so Burrichter.

Jens Burrichter/privat
Jens Burrichter (rechts) hat als Europol-Ermittler international mit Kollegen Verbrecher gejagt

Schnappt die Polizei nur die kleinen Fische?

Kommt man denn überhaupt an die Hintermänner dran? Oder schnappt man sich die Kleinen und lässt die Großen Fische laufen? „Wenn wir zugegriffen haben, hatten wir auch oft die Hintermänner dabei“, sagt der Ermittler. Bei einer Bande aus der Republik Moldau etwa, die in Deutschland und Frankreich rund 25 Millionen Euro Schaden bei Einbrüchen angerichtet hatten, beschlagnahmte das Europol-Team vor Ort Geldkoffer mit Schwarzgeld und edle Wagen – und fasste die Hintermänner.

Einer ist immer der Kopf der Bande

Denn einer ist immer der Kopf des Ganzen: „Wenn ich als Gruppe über einen langen Zeitraum in ganz Europa Verbrechen verübe, dann kann ich das nicht beim Kaffeetrinken mit Oma und Opa planen, da gehört mehr dazu“, fasst Burrichter seine Erfahrung zusammen. Da braucht die Bande Autos, Arbeitswerkzeug, Kommunikationsmittel für jedes Land, Hotels, Fahrer für Fluchtwagen und Leute, die wissen, wo man unbemerkt über die Grenze kommt. „Das kann nur hoch professionell ablaufen, und einer ist der Kopf, der die Fäden in der Hand hält.“ Manchmal ist es das Oberhaupt einer weitverzweigten Familie, manchmal der Chef eines Clans von Leuten, die alle aus derselben Region kommen.

Vincent Isore/Imago
Das Europol-Gebäude in Den Haag

Viel durch die Gegend fliegen

Reisen gehört für die Ermittler natürlich dazu: „Mein Alltag bestand daraus, viel durch die Gegend zu fliegen und mich mit anderen Polizisten zu treffen, europaweit“, sagt Burrichter rückblickend und resümiert: „Bei Europol war ich quasi rund um die Uhr Polizist, 24 Stunden an 7 Tagen die Woche. Ich habe in meinem Leben noch nie so viel aufs Telefon geguckt, wie während dieser Zeit.“ Deshalb hat er auch einen Tipp für Kollegen: „Ich würde niemandem empfehlen, das zwanzig Jahre lang zu machen. Das Privatleben leidet schon sehr. Aber trotz allem eine tolle Erfahrung.“ In sein eigenes Privatleben hat er die Lust fürs Reisen mitgenommen, die Neugier auf andere Länder und Nationen. Ansonsten ist er ziemlich zurückhaltend, was seinen Job angeht: „Nur die engsten meiner Freunde wissen, was ich gemacht habe und wo ich war.“

Braucht Europa ein FBI?

Sollte Europol denn nun zu einer Art europäischem FBI werden, wie es derzeit in der EU diskutiert wird – also einer Behörde, die mehr Kompetenzen bekommt, die die Spezialeinheiten der Staaten koordiniert und die auch selbst direkt in anderen Ländern mit eigenen Ermittlerteams fahndet? Jens Burrichter findet diese Pläne grundsätzlich gut. Allerdings hat er noch ein paar Fragezeichen, wie das in der Praxis aussehen könnte.

„ Ich wohne auf dem platten Land. Wenn ich mir vorstelle, da steigen zukünftig ausländische Polizeibeamte aus und befragen im brüchigen Englisch Opfer oder Zeugen? Nichtsdestotrotz ist der Ansatz gut.“

Seine Heimatbehörde habe schon einigen internationalen Banden das Handwerk gelegt, darunter auch Geldautomatensprengern und professionellen Einbrecherbanden. „In der Osnabrücker Polizeidirektion ist staatenübergreifende Zusammenarbeit schon fester Bestandteil der Arbeit. Das zahlt sich aus“, sagt Burrichter.

Jens Burrichter/privat
Europol-Fahnder Jens Burrichter im Einsatz

Polizei sollte dafür sorgen, dass Menschen sich sicher fühlen

Verständnis für die Sorgen der Bürger hat Jens Burrichter in jedem Fall: „Die Täter der OK sind oftmals skrupellos und nehmen auch hohe Schäden oder Verletzungen anderer zumindest billigend in Kauf." Es sei Aufgabe der Polizei, die Menschen vor Kriminalität zu schützen, damit sie sich sicher fühlten: „Deswegen bin ich Polizist geworden.“ Im übertragenden Sinne sorge die Polizei auch dafür, dass das Leben der Menschen in geordneten Bahnen nach Recht und Gesetz verlaufe – das sei zumindest der Anspruch. Burrichter, als Realist, ist dennoch der Meinung: „Die Polizei ist grundsätzlich nicht dafür da, die Welt zu retten.“ Auch wenn James Bond das sicher anders sehen würde.


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