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02.12.2021, 13:25 Uhr REST DER REPUBLIK

Merkel und der militaristische Mummenschanz

Ein Kommentar von Burkhard Ewert


Würdigung für Angela Merkel (CDU): Die Bundeswehr verabschiedet sich von der Bundeskanzlerin mit einem Großen Zapfenstreich.Würdigung für Angela Merkel (CDU): Die Bundeswehr verabschiedet sich von der Bundeskanzlerin mit einem Großen Zapfenstreich.
dpa/BELGA/Eric Lalmand

Osnabrück. Der Newsletter von Burkhard Ewert gibt den Bürgern in der Fläche eine Stimme – dem "Rest der Republik".

Diesen Donnerstag wird Angela Merkel mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedet, und ich muss sagen, dass sie mich mit ihrer Liederwahl zunächst ein bisschen hinters Licht geführt hat. „Für mich soll‘s rote Rosen regnen“, hat sie sich unter anderem gewünscht, und ich dachte zunächst, wie eitel ist das denn?

Dann habe ich den Text noch einmal nachgelesen und muss sagen: was für ein schönes Lied, was für ein schönes Gedicht. Es handelt davon, in jeder Phase des Lebens Träume zu haben sowie den Mut, nach ihnen zu streben, sich nicht zu fügen und nicht zu begnügen. Und doch hat das Lied einen melancholischen Grundton, weil nun einmal Phasen ebenso vorübergehen wie mancher Traum platzt.

Ein feiner Text, was mir gar nicht so bewusst war, insofern: Dankeschön.

Die interessante Liederwahl – neben Hildegard Knef wird ein Song von Nina Hagen gespielt – ändert aber nichts daran, dass ich das militärisch-religiöse Ritual des Zapfenstreichs für völlig überkommen halte. Kritik daran führt regelmäßig zu der Erwiderung, dass der Zapfenstreich doch nichts mit der Nazi-Zeit zu tun habe, sondern deutlich älter sei. Das stimmt zum Großteil und ändert nichts. Immerhin wird in Berlin vor historischer Kulisse im Dunkeln zum Stahlhelm mit Fackeln das Karabinergewehr spazieren getragen, das die Wehrmacht 1935 als ihre verbreitetste Waffe einführte. Und, Entschuldigung, wer bei Fackelmärschen im Dunkeln als Deutscher keine unguten Assoziationen hat, den verstehe ich schlicht nicht.

Weiterlesen: Großer Gott! Angela Merkel und ihre Musik zum Großen Zapfenstreich

Zahllose Wörter werden heute nicht mehr verwendet, weil sie historisch kontaminiert sind oder Gefühle verletzen – aber Bilder wie diese will man erzeugen, die an die Glorifizierung des preußisch-großdeutschen Soldatentums erinnern? Oder vielmehr nicht nur erinnern, sondern die noch immer einen militaristischen Mummenschanz verkörpern?

Es hat mich schon gestört, als Helmut Kohl sich dafür entschied, sich als Kanzler auf diese seltene Weise aus dem Amt verabschieden zu lassen, wozu er in keiner Weise genötigt war. Ausgerechnet er trug zur Wiederbelebung der Zeremonie bei, als Historiker mit vielfach bewiesenem Gespür für die Bedeutung der Verständigung mit Ländern wie Frankreich, Polen und Russland, die unter dem deutschen Militarismus, Imperialismus und Nationalismus doch so gelitten hatten. Besonders unpassend war das weihevolle Tschinderassa nach dem Abzug neulich aus Afghanistan, und ich hätte mir gewünscht, dass Merkel, die sonst doch als durchweg bescheiden bekannt ist, auf derlei Großmannstum verzichtet hätte.

Ich habe einmal gelesen, dass der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann in dieser Sache ganz ähnlich dachte wie ich und zu seinem Abschied eine heitere Bootsfahrt auf dem Rhein dem Marschieren in der Hauptstadt vorzog. Da wäre ich gerne dabei gewesen. Auch die Lieder von Hildegard Knef und Nina Hagen hätten dort viel besser gepasst.

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