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„Seine Rufe höre ich jetzt noch“

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Sie kamen, um zu feiern, und wurden Zeuge einer Katastrophe: Für 20 Raver endete die Loveparade in Duisburg tödlich. Foto: dpaSie kamen, um zu feiern, und wurden Zeuge einer Katastrophe: Für 20 Raver endete die Loveparade in Duisburg tödlich. Foto: dpa

Osnabrück. Ein spanisches Mädchen mit offenen Augen und blauen Lippen. Das ist das erste Bild, das Patrick N. aus Belm wahrnimmt, als er am Tag der Loveparade-Katastrophe am Boden liegt und sein Bewusstsein wiedererlangt. Es ist das Mädchen aus Münster, das ihn gerade noch um Hilfe angefleht hatte. „Ich habe nach ihr gegriffen, wir haben zu zweit versucht, sie rauszuholen, aber sie war von allen Seiten eingekeilt.“ Und in dem ganzen Chaos war dann noch Eike. „Ich habe ihn von Weitem rufen hören.“ Doch auch ihm konnte Patrick nicht helfen, er war zu weit weg: „Aussichtslos.“ Eike M. hat die Loveparade nicht überlebt. „Seine Rufe höre ich jetzt noch.“

Gerade mal eine Stunde hat Patrick in der Nacht zu Montag geschlafen, dennoch ist der 20-Jährige gestern zur Arbeit gegangen. „Man muss sich ja irgendwie ablenken“, sagt der junge Mann aus der kleinen Gemeinde im Landkreis Osnabrück.

Sein Freund Eike (21) ist einer von 20, die in der Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg ums Leben gekommen sind. Wer genau Eike aus der Masse gezogen und in ein Krankenhaus gebracht hat, in dem er schließlich starb, weiß Patrick nicht, außerdem gehe das niemanden so genau etwas an. Wichtiger sei, was man daraus lernen müsse. Denn: Diese Katastrophe ist „die pure Schuld der Sicherheitskräfte und der Organisatoren“, sagt Patrick, und seine Stimme bebt. „Es herrschte da unten die reinste Todespanik, wir haben alle geweint und geschrien. Wir haben den Polizisten zugewinkt, damit sie uns rausholen, und die Polizisten haben zum Teil einfach zurückgewinkt.“ Viele Loveparade-Teilnehmer seien nach oben geklettert. „Aber nicht, um dort weiterzufeiern, sondern um sich zu retten“, so Patrick. Dass Menschen von Gittern gefallen seien, habe er nicht gesehen. „Die wären ja auch einfach auf der Menschenmasse gelandet. Aber die sind ja untergegangen. “

Die sieben Belmer standen am Tunnelausgang, als auf einmal Panik ausbrach, als Menschen über Menschen liefen. „Hätten die nicht Durchsagen machen können oder einen Lkw hinstellen und eine zweite Party eröffnen können?“, fragt sich Patrick. Schubsen, drängeln, quetschen, oben bleiben, Luft bekommen – doch irgendwann ließen auch seine Kräfte nach. „Mein Freund Nils hat mir Frischluft zugepustet, weil unten in der Menge kein Sauerstoff mehr war.“ Doch irgendwann wurde Patrick schwarz vor den Augen, sodass er hinausgetragen werden musste.

Die Gruppe schaffte es schließlich zu einem Vorgarten, auf dem sie sich erschöpft niederließ. „Als sich einer von uns an ein dort geparktes Auto lehnte, kamen die Hausbesitzer raus. Wir hatten Glück, dass wir an so nette Leute geraten waren: Als die gehört hatten, was uns passiert ist, haben sie uns aufgenommen“, erzählt Patrick. Noch völlig unter Schock, warteten die jungen Menschen auf ihre Eltern.

Doch für Eike kam jede Hilfe zu spät. Die genauen Umstände seiner tödlichen Verletzungen sind Gegenstand weiterer Ermittlungen. Die Eltern erfuhren in der Nacht gegen 1 Uhr davon.

Ein Polizist und ein Notfallseelsorger aus Bad Rothenfelde überbrachten die Todesnachricht, nachdem die Duisburger Polizei sie um Amtshilfe gebeten hatte.

Auch die Spanierin, der Patrick helfen wollte, hat die Loveparade nicht überlebt. Gemeinsam waren die beiden spanischen Studentinnen Marta (21) und Clara (22) nach Duisburg gereist. Der Rave sollte der krönende Abschluss ihres Deutschland-Jahres werden, die letzte große Party vor der Heimreise. Die hübschen jungen Frauen hatten in Münster ein Jahr lang Englisch und Psychologie studiert. Ihr Erasmus-Studienaufenthalt ging in der vergangenen Woche zu Ende. Die Frauen wollten mit rund 30 Freunden feiern. „Sie wollten einfach nur ihren Spaß haben und waren sicher in großer Vorfreude“, sagt der Sprecher der Uni Münster, Norbert Robers, zwei Tage nach dem Drama. „Von dieser ungeheuren Größe der Veranstaltung wussten sie nichts“, vermutet er. Irgendwann verlor sich die Gruppe aus den Augen.

Um die Angehörigen zu schonen, wurde eine der Frauen anhand eines DNA-Tests identifiziert. „Wir alle sind erschüttert und sehr traurig“, betont Uni-Rektorin Ursula Nelles. „Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer sowie bei allen Freunden und Bekannten, die dieses schreckliche Ereignis miterleben mussten.“

Gestern ist bekannt geworden, dass insgesamt drei Studentinnen aus Münster in dem Gedränge zu Tode kamen: Eine 23-jährige Gelsenkirchenerin, die hier Niederlandistik und Germanistik studiert hat, ist unter den Opfern. Die Hochschule plant an diesem Mittwoch einen Gedenkgottesdienst.

Auf dem Campus herrschen Fassungslosigkeit und Entsetzen. „Viele haben ganz lange geweint“, berichtet Robers. „Es bestand das Bedürfnis, sich schlicht und einfach in den Armen zu liegen.“ Vier Notfallseelsorger und ein Pfarrer haben den Freunden beigestanden.

Trauer auch in Greven: Dort war eine Gruppe mit 78 jungen Leuten aus der Gemeinde per Bus zur weltgrößten Technoparty aufgebrochen. Doch im Gedränge ging eine 20-Jährige aus Greven verloren. Ihr Sitz blieb auf der Heimfahrt in der Nacht leer, als die meisten anderen sich mithilfe der Betreuer wieder gesammelt hatten. Die Reisebegleiter hätten eigentlich alles sehr gut organisiert, Zettel mit „Spielregeln“ und Notfallnummern ihrer Handys verteilt, sagt Grevens Stadtsprecher Klaus Hoffstadt. Auf das Chaos, das dann in Duisburg ausgebrochen war, konnte die jungen Leute jedoch keiner vorbereiten.

„Es war Sorge da und Ungewissheit“, sagt Hoffstadt über die ersten Stunden. Auch andere schafften es nicht zum Bus zurück, aber sie meldeten sich. Die junge Frau ging nicht ans Telefon – Stunden später die schreckliche Gewissheit: Sie hat die Katastrophe nicht überlebt.

Und nun? Wie machen Angehörige und Freunde nach so einem Schicksalsschlag weiter? Wie findet man wieder in den Alltag? „Wir reden zurzeit im Freundeskreis über nichts anderes“, sagt Patrick N. aus Belm, und genau in diesem Moment fährt sein Freund Nils vor. „Aber wenn wir so nicht mehr klarkommen, dann werden wir auch über professionelle Hilfe nachdenken.“

Mit Material von dpa.


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