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26.03.2021, 12:37 Uhr zuletzt aktualisiert vor REST DER REPUBLIK

Kanzlerin, Kirche, Chaos

Ein Kommentar von Burkhard Ewert


Bundeskanzlerin Angela Merkel entschuldigte sich persönlich für das Einkassieren der "Osterruhe".Bundeskanzlerin Angela Merkel entschuldigte sich persönlich für das Einkassieren der "Osterruhe".
Dpa/Michael Kappeler

Osnabrück. Der Newsletter von Burkhard Ewert gibt den Bürgern in der Fläche eine Stimme - dem „Rest der Republik“. Hier der jüngste Beitrag aus dieser Woche.

Ich hätte da mal ein paar Fragen. Muss ein Krankenhaus jetzt einen neuen Dienstplan für den Donnerstag der nächsten Woche erstellen und Wochenendzuschläge zahlen? Haben geplante Operationen zu entfallen? Muss auch die Arztpraxis schließen?

Und wenn Gründonnerstag und Ostersamstag, wie Angela Merkel sagte, wie Feiertage zu behandeln sind: Wie kann an einem Tag der Supermarkt offen sein, am anderen nicht? Sind es also doch verschiedene Arten von „Ruhetagen“? Wie sieht es mit Lastwagen und dem Verbot aus, an Sonn- und Feiertagen auf der Straße zu sein?

Mir fallen noch mehr Fragen ein. Wenn es das Ziel ist, dass alle zu Hause bleiben – haben dann der Schichtarbeiter aus dem Industriebetrieb und der Beamte aus der Stadtverwaltung einen freien Tag geschenkt bekommen, während der Home-Office-Angestellte arbeiten muss? Oder müsste? „Stay at home“, heißt ja das Motto, und das machen Millionen Menschen sowieso. Können sie ebenfalls blaumachen? Wenn ja: Worin liegt der pandemische Vorteil der Entscheidung, ihnen einen Tagesausflug zu ermöglichen, statt dass sie arbeiten? Und wer erstattet dem Arbeitgeber den Lohn für eine sinnlos entfallende Arbeitsleistung? Wer zahlt dem produzierenden Gewerbe Umsatzausfälle, wenn eine ganze Charge nicht hergestellt wird, wenn womöglich eine Lieferfrist nicht eingehalten werden kann? Machen sie bei Biontech ebenfalls Pause? Und wusste Merkel, welche Folgen das für das Kurzarbeitergeld von Beschäftigten haben kann? Gibt es mehr Geld? Oder weniger?

Das haben sich doch Leute ausgedacht, die seit Jahren keinen Fuß in eine Firma gesetzt haben, es womöglich noch niemals getan haben. Berliner Elfenbeinturmpolitik par excellence, ersonnen vermutlich von einem professoralen Physiker mit Sendungsbewusstsein, und von der Kanzlerin nicht hinreichend geprüft durch die Diskussion mit irgendjemandem, der sich mit dem echten Leben im Rest der Republik auskennt.

Was machen die Leute außerdem in der Zeit, in der sie nicht arbeiten? Sitzen sie alleine auf dem Sofa, oder treffen sie doch irgendwen aus Nachbarschaft oder Kollegenkreis? Oder stehen in der Schlange im Supermarkt, um Klopapier und Brot zu ergattern?

Vielleicht gehen sie auch in die Kirche. Gottesdienst zu feiern ist ja erlaubt.

Überhaupt, die Kirchen. Dass sie über Sonderrechte verfügen, ist allseits bekannt. Auch bei der „Osterruhe“ sind sie ausgenommen und nur gebeten, auf Gottesdienste zu verzichten. Erste Reaktionen gibt es bereits. Man wolle trotzdem feiern, teilte der Vorsitzende der Bischofskonferenz persönlich mit. Die EKD blieb zurückhaltender, sendete aber ähnliche Signale. Die Freikirchen waren wie üblich gar nicht zu hören. Ihre Haltung ist sowieso klar: Die Parkplätze vor den Bethäusern werden voll sein.

Nun ist Ostern für aufrechte Christen das bedeutsamere Fest als Weihnachten. Ich weiß das und sage aber trotzdem: Na, und? Entweder haben wir eine pandemische Notlage von nationaler Tragweite oder keine. Werden Eltern gefragt, bevor irgendwann in der Nacht über den Umgang mit Schulen beraten wird? Wurden Molkereien oder Krankenhäuser, Medienbetriebe oder selbstständige Unternehmer gefragt, was sie davon halten, dass man ihnen am Donnerstag mal eben einen Geschäftstag stiehlt?

Die Religionsfreiheit und das Recht auf ihre ungestörte Ausübung werden angeführt? Hohe Güter, schon klar. So wie die Versammlungsfreiheit, wie das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, das Recht zu demonstrieren, sich frei zu bewegen innerhalb des eigenen Landes und über dessen Grenzen hinweg. Und steht im Grundgesetz nicht auch, dass niemand wegen seiner religiösen Anschauung benachteiligt oder bevorzugt werden darf – Betonung auf „bevorzugt“?

Der Kurzzeit-Lockdown rund um Ostern ist angreifbar genug. Was man sich in Berlin dabei denkt, die Kirchen systematisch auszunehmen, das fragt man sich im Rest der Republik - obwohl es angesichts der Dimension des Dramas darauf fast nicht mehr ankommt.

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