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Arzt: Schwangere in Gefahr Medizin-Professor warnt: Zu viel Milch schadet der Gesundheit


Osnabrück. Das Glas Milch, das er fürs Foto in der Hand hält, will Bodo Melnik nur ungern austrinken. Denn der Mediziner meint: Wer im Übermaß Milch trinkt und Joghurt, Quark oder Käse isst, schadet langfristig seiner Gesundheit.

Der Hautarzt aus Gütersloh und Lehrbeauftragte an der Universität Osnabrück warnt vor allem junge Eltern und Teenager vor den Folgen: Zu viel Milchkonsum in der Schwangerschaft führe zu übergewichtigen Babys, ebenso steigere künstliche Säuglingsnahrung das Risiko für späteres Übergewicht. Und zu viel Milch in der Pubertät fördere Akne, Kurzsichtigkeit und sogar Prostatakrebs im Alter. Generell steigere eine hohe Menge von Milchprodukten das Risiko von Diabetes, Brustkrebs und vor allem Prostatakrebs.

„Je mehr Milch die Mutter in der Schwangerschaft trinkt, desto größer wird das Kind“, meint der Arzt. Dicke 4000-Gramm-Babys aber hätten im Vergleich zu normalgewichtigen Säuglingen auf Dauer ein erhöhtes Krebsrisiko. Der Arzt rät schwangeren Frauen daher, auf große Mengen Milcheiweiß zu verzichten. Auch warnt er davor, Säuglinge zu früh abzustillen und ihnen künstliche Milchprodukte zu geben. Denn das sei eine Fehlprogrammierung des Stoffwechsels in einer sensiblen Phase, in der die Organe reiften.

„Wir müssen wieder zurück zu unseren natürlichen Verhaltensweisen“, fordert Melnik. „Eine davon ist das ausgiebige Stillen.“ Die Werbung für künstliche Säuglingsnahrung in schönen bunten Farben hält er für fatal, und Sprüche wie „Nach dem Vorbild der Muttermilch“ oder „Abgestimmt auf den natürlichen Babyorganismus“ sind ihm ein Graus.

Wie gelangte der Arzt zu seinen Erkenntnissen? Den Anstoß gab die Akneforschung. Melnik betreibt in Gütersloh eine Praxis als Hautarzt und befasst sich im Zusammenhang mit Milch fachübergreifend mit weiteren medizinischen Disziplinen: mit der Kinderheilkunde und Krebsforschung, mit innerer Medizin und Biochemie. Im Internet stieß er auf Datenbanken und Studien, und auf dieser Grundlage fügte er seine Informationen zusammen. „Ein Experiment ist nicht mehr nötig, das wäre nur Zeitverschwendung“, sagt Melnik, der an der Universität Osnabrück im Nebenamt als Lehrbeauftragter für Dermatologie, Umweltmedizin und Gesundheitstheorie wirkt. Der Mediziner sieht in Milch nicht allein ein Nahrungsmittel, sondern vor allem ein aktives Signalsystem, das nachhaltig in die Hormonregulation und in das Wachstum des Körpers eingreift. Zu viel Kuhmilch, sagt der Arzt, sei aufgrund von biochemischen Prozessen schädlich (siehe Beitrag unten).

„Wir tun so, als wäre Milch unbedenklich grenzenlos gesund“, kritisiert der Medizinprofessor. „Doch wir müssen über Grenzen nachdenken.“ Und dass sich der Konsum von Käse vervielfacht hat – von 3,9 Kilogramm pro Jahr Ende der 1950er-Jahre auf 23 Kilogramm im Jahr 2011 –, hält er für eine ungünstige Entwicklung. Konkrete Empfehlungen für die Ernährung will er noch nicht geben. Doch er hält es beispielsweise für ungesund, jeden Tag 250 Gramm Joghurt zu löffeln oder mehr als ein Glas Milch zu trinken. Gemüse, Obst, Nüsse und mäßiger Fleischkonsum seien viel besser.

Seine Thesen hat der Arzt vor Vertretern der Milchindustrie vorgetragen, und er hat mit Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) gesprochen. Durchgedrungen ist Melnik mit seiner Auffassung vom Risikofaktor Milch in Deutschland bisher nicht, er sieht sich noch als Einzelkämpfer. Nach wie vor preist das Verbraucherministerium des Bundes in einer Broschüre die Milch als ein gesundes, ja sogar als das „vielseitigste Nahrungsmittel der Welt“ an, weil sie hochwertiges Eiweiß enthalte und Milchzucker Energie liefere. Außerdem heißt es in der Broschüre: „Die in der Milch enthaltenen Vitamine (A, D, E, K, B1, B2, B12) und Folsäure runden den gesunden Power-Mix ab.“

Auch Professor Gerhard Rechkemmer vom Max Rubner-Institut (MRI), dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, teilt die Thesen des Arztes nicht. Dessen Schlussfolgerungen müssten kritisch überprüft werden, meint der Karlsruher Ernährungswissenschaftler, dessen Institut dem Bundesernährungsministerium untergeordnet ist. Wenn etwa eine von Melnik angeführte Studie zum Risiko von Prostatakrebs auf den negativen Einfluss von Milch verweise, gelte diese Aussage nur für Vollmilch, nicht aber für teilentrahmte Milch, betont Rechkemmer.

Milchkonsum hält der Experte nicht für gefährlich, im Gegenteil: „Milch ist ein gesundes Produkt“, betont Professor Rechkemmer und verweist etwa darauf, dass Milch Calcium enthält, das der Mensch zum Knochenaufbau benötigt.

Weil Melnik mit seinen Warnungen auch das Ernährungsministerium kontaktierte, beauftragte man dort das MRI mit einer Stellungnahme zu den Thesen des Mediziners. Es erstellt derzeit eine Meta-Analyse auf der Grundlage des aktuellen Stands der Wissenschaft. Sie soll in den nächsten Monaten fertiggestellt werden.

Ist der Facharzt aus Gütersloh also nur ein Spinner, der eine krude Theorie verfolgt? Dagegen spricht, dass die deutsche Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin Melnik 1989 mit dem Felix-Hoppe-Seyler-Preis ehrte, dagegen sprechen auch seine internationalen Veröffentlichungen.

So erschienen seine neuen Erkenntnisse unter anderem im „ Deutschen Ärzteblatt “, im „World Journal of Diabetes“ (Welt-Journal für Diabetes), im „Journal of Obesity“ (Journal für Übergewicht) und in „Dermato-Endocrinology“ (einem Journal, das sich mit den Hormonstörungen bei Hauterkrankungen befasst).

Den eigenen Milchkonsum hat Melnik seit einigen Jahren drastisch reduziert. Nahm er früher abends gerne einmal Käsehäppchen zum Glas Rotwein, verzichtet er jetzt weitgehend ebenso darauf wie auf Joghurt und Quark. Und in seinen Kaffee gießt er nur einen kleinen Schuss Milch – doch er trinkt niemals Latte macchiato. Der eingeschränkte Milchkonsum wirkte sich aus: „Ich habe dadurch fünf Kilo abgenommen“, stellt der 56-Jährige fest.


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