„Lasst die Hexe nicht leben!“ Die Opfer der Hexenprozesse starben einst als verurteilte Straftäter – Manche werden rehabilitiert

30.07.2012, 07:00 Uhr
Dem Wurf ins Wasser entging fast keine der Frauen, die als Hexen angeklagt waren: Ging die Person unter, war sie unschuldig. Schwamm sie oben, war sie schuldig. Dieser zeitgenössische Holzstich stammt aus dem 16. Jahrhundert. Foto: Imago

Osnabrück. Sie starben als Männer und Frauen, die mit dem Teufel im Bunde standen: die Opfer der Hexenprozesse. Die Urteile haben bis heute Gültigkeit. Manche Städte rehabilitieren Hexen und Zauberer nun zumindest moralisch – und geben den Toten damit ihre Würde wieder.

Anna Ameldung verlässt diese Welt nicht als fromme Apothekersfrau aus Osnabrück. Als das Schwert in den frühen Morgenstunden des 7. Oktober 1636 im kleinen Wachthaus vor dem Bocksturm auf sie niederfährt, stirbt sie als verurteilte Hexe. Und das bleibt sie. Bis heute.

Ihr Schicksal teilen mehr als 250 Frauen und Männer, die während der Osnabrücker Hexenprozesse im 16. und 17. Jahrhundert hingerichtet worden sind. Die Urteile, die sie damals auf den Scheiterhaufen brachten oder ans Schwert lieferten, brandmarken sie bis zum heutigen Tag als Hexen und Zauberer – als Ausgestoßene, die in Schande eines gewaltsamen Todes sterben mussten. 25000 Menschen kamen allein in Deutschland vom 15. bis ins 18. Jahrhundert auf diese Weise ums Leben.

Die Anschuldigungen klingen nach heutigem Verständnis absurd: Mit dem Teufel sollen sich die Angeklagten eingelassen und mit seiner Hilfe das Wetter, den Nachbarn oder die Kuh im Stall verhext haben. Und zum Hexentanz, diesem sündhaften Treiben, sollen sie auf dem Besen geflogen sein, um sich dort mit anderen Besessenen zu vergnügen.

Was im 21. Jahrhundert in Mitteleuropa Kopfschütteln hervorruft, war damals Strafbestand und begründete Todesurteile. Und diese Urteile haben bis heute Bestand. Sie sind rechtskräftig. „Juristisch lässt sich an ihnen nicht rütteln“, sagt Peter Oestmann vom Institut für Rechtsgeschichte der Universität Münster. Schließlich seien sie nach damals geltendem Recht gesprochen worden. „Dagegen lässt sich heute kein Rechtsmittel mehr einlegen.“ Eine juristische Rehabilitierung, also eine Aufhebung der Urteile, ist demnach nicht möglich. Auch deshalb nicht, weil das Heilige Römische Reich deutscher Nation 1806 ohne Rechtsnachfolger untergegangen ist.

Anna Ameldung muss dennoch nicht auf ewig eine Hexe bleiben. Ihr könnte ein Schicksal zuteil werden wie Katharina Henot. Die wohlhabende Unternehmerin wurde 1627 in Köln erdrosselt – als verurteilte Hexe, obwohl sie selbst nie, nicht einmal unter Folter, gestanden hatte. Ende Juni hat der Stadtrat von Köln sie und alle anderen Opfer der Kölner Hexenprozesse moralisch rehabilitiert, 39 Frauen und Männer insgesamt. Der Rat verurteilte damit „die seinerzeit vollstreckten Hinrichtungen“ und sprach sich in einer Erklärung gegen „jegliche Missachtung der Menschenwürde und Menschenrechte“ aus. Das mag nur ein symbolischer Schritt sein und dennoch: Er gibt den Getöteten und Gequälten ihre Würde wieder und erkennt ihre Unschuld an. Posthum.

Köln steht in einer Reihe mit Kommunen vor allem in Nordrhein-Westfalen, aber auch in Thüringen und Hessen, die jene Opfer der Hexenverfolgung in ihren Städten und Gemeinden rehabilitiert haben. Der Rat in Osnabrück hat über so ein Vorgehen bisher noch nicht nachgedacht, wie Stadtsprecher Sven Jürgensen sagt. Er weist aber darauf hin, dass zum Beispiel einer der zentralen Sitzungsräume im Rathaus nach Anna Ameldung benannt sei, in Erinnerung an ihr Schicksal und „als Würdigung“.

Hartmut Hegeler geht so etwas nicht weit genug: Der pensionierte evangelische Pfarrer engagiert sich seit Jahren mit seinem Arbeitskreis Hexenprozesse für Rehabilitierungen und hat das Verfahren in Köln mit einem Bürgerantrag angestoßen. „Wenn eine juristische Rehabilitierung schon unmöglich ist: Eine sozialethische können Stadt- und Gemeinderäte aussprechen“, sagt der 66-Jährige. Für ihn stellt dies eine besondere Art und Weise dar, wie Kommunen mit ihrer Vergangenheit umgehen können. „Es ist sinnvoll, wenn solche Rehabilitierungen im Kleinen, also im Lokalen, stattfinden und nicht als Generalerklärung von einer Landes- oder Bundesinstitution“, erklärt er. „So beschäftigen sich die Menschen vor Ort mit den Einzelschicksalen der Opfer – das finde ich wichtig.“ Und da es einst die Stadträte waren, in deren Auftrag vermeintliche Hexen verfolgt und hingerichtet wurden, sollten es auch diese sein, die sich nun offiziell von dem Geschehen distanzieren, fügt Hegeler hinzu.

Die Osnabrücker Geschichte ist im Übrigen ein gutes Beispiel dafür, mit mindestens zwei Vorurteilen aufzuräumen: Erstens, Hexenprozesse seien ein Phänomen des Mittelalters. Zweitens, vor allem die katholische Kirche sei die treibende Kraft dahinter gewesen. In Osnabrück hat es zwei Phasen von Hexenverfolgungen gegeben: in den 1580er-Jahren und von 1636 bis 1639 – also zur Zeit der Reformation und im Barock. Das Mittelalter war bereits Geschichte. Und auch der Katalysator für die Hexenprozesse war in Osnabrück weniger die katholische Kirche. Verantwortlich für die Verfolgungen und die Todesurteile war der Rat der Stadt, in der ersten Phase unter Bürgermeister Rudolf Hammacher, in der zweiten unter Bürgermeister Wilhelm Pelzer. Beide waren bekennende Lutheraner. Geistliche Unterstützung im Sinne von hetzerischen Reden bekamen die Stadtväter dabei von den Predigern der lutherischen Kirchen St. Katharinen und St. Marien.

Auch wenn die Hasestadt nur ein Beispiel sein mag: Fakt ist, dass in protestantischen Gebieten des Reiches nicht weniger Männer und Frauen dem Hexenwahn zum Opfer fielen als in katholischen. Der Reformator Martin Luther und auch Johannes Calvin glaubten nachweislich an die Existenz von Hexen und befürworteten ihre Ausrottung, gemäß der Bibelstelle aus dem zweiten Buch Mose/Exodus: „Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen (Kapitel 22, Vers 17).“ Doch nur wegen des Eifers der weltlichen Gerichtsbarkeit, vermeintliche Teufelsanbeter zum Tode zu verurteilen, konnte die Verfolgung das unglaubliche Ausmaß von Zehntausenden Opfern annehmen. In ganz Europa waren es 80000. Der Historiker Herbert Eiden schreibt: „Die hohen Hinrichtungsraten waren das Werk weltlicher Richter.“

Diese weltlichen Richter waren jedoch sicherlich von einem Buch beeinflusst, das in der Rückschau wie kein anderes mit der Hexenverfolgung in Verbindung gebracht wird: dem Hexenhammer, erstmals erschienen 1487. Verfasst hat es der Dominikanermönch Heinrich Kramer – und zwar allein, wie Forscher nun herausfanden, und nicht zusammen mit dem bisher immer mitgenannten Jakob Sprenger. Zwar spiegelte der Hexenhammer mit seinen Anweisungen zur korrekten Führung eines Hexenprozesses nicht die päpstliche Lehrmeinung wider, wie der Münsteraner Kirchengeschichtler Arnold Angenendt schreibt. Seine Wirkung sei dennoch enorm gewesen – und zwar deshalb, so Angenendt, weil er den „Nerv der Zeit“ getroffen habe.

Die Hexenprozesse sind demnach ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Als solches sollten sie auch in Erinnerung bleiben, findet Hexenforscher Hegeler. Wer sein Anliegen mit einer Handbewegung abtut und meint, heutzutage wisse doch jeder, dass es keine Hexen gebe und damals Unrecht geschehen sei, dem erzählt der 66-Jährige folgende Anekdote aus Münster. Dort sollte 1993 eine Straße in einer Wohnsiedlung nach Greta Bünichmann umbenannt werden, einer Dienstmagd, die 1635 in Münster als Hexe enthauptet worden war. Doch es formierte sich Widerstand: Anwohner und der Priester der zugehörigen katholischen Kirchengemeinde gingen auf die Straße und protestierten – mit dem Argument, sie wollten nicht in einer Straße leben, die nach einer verurteilten Hexe benannt sei. Die Stadt setzte die Namensänderung dennoch durch.

Als Hegeler 14 Jahre später, im Jahr 2007, wahllos einen Anwohner anrief, um ihn für ein Buchprojekt um ein Foto des Straßenschildes zu bitten, wurde er unwirsch abgewiesen: Man solle ihn, den Anwohner, doch endlich mit dieser Hexe zufrieden lassen. Es sei schon schlimm genug, in dieser Straße wohnen zu müssen. „So viel dazu, dass die Menschen heute schon von allein wissen, dass damals Unrecht geschehen ist“, sagt Hegeler. Und deshalb setzt er sich weiter dafür ein, dass die Opfer der Hexenprozesse rehabilitiert werden und möglichst keins der Einzelschicksale in Vergessenheit gerät.

Wie das der Anna Ameldung aus Osnabrück, die nicht als Apothekersfrau, sondern als Hexe starb. Einst nahmen die Menschen ihr jede Würde. Ein Stück davon zurückzugeben, diese Möglichkeit liegt im Hier und Jetzt.

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