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Der Fehler im System Kaum geschlüpft, schon geschreddert: Warum Millionen Küken im Häcksler enden und wie Forscher das ändern wollen


Osnabrück. Millionen von Küken werden jedes Jahr in Deutschland direkt nach der Geburt geschreddert oder vergast. Weil sie männlich sind. Für die Brüder der Legehennen ist kein Platz in der Massentierhaltung. Das wollen Forscher ändern.

Sexer werden die Arbeiter genannt. Sie sitzen an den Fließbändern in den Brütereien und entscheiden über Leben und Tod. Die Fachkräfte sind darauf spezialisiert, anhand der Kloake oder des Federkleides das Geschlecht eines Kükens zu bestimmen. Etwa 2000 bis 3000 Bestimmungen schaffen sie in der Stunde. Weibchen dürfen weiterleben. Männchen werden aussortiert. Für sie führt der Weg nicht in einen Hühnerstall. Sie werden vergast oder plumpsen direkt vom Fließband in einen Schredder. Homogenisator in der Fachsprache.

Die Überreste gehen als Eintagsküken in die Zoos oder an Greifvogelhalter. Der größte Teil aber endet in den Öfen von Tierkörperbeseitigungsanstalten wie der in Icker bei Osnabrück. Wie viele genau, weiß niemand. Zwar erfasst die Tierseuchenkasse Niedersachsen die ungefähre Zahl der geschlüpften Küken. Wie viele aber ihren Geburtstag nicht überleben, kann keine Behörde sagen. Immerhin das ist bekannt: In Niedersachsen sind 13 Brütereien mit etwa 22 Millionen Brutplätzen registriert.

Tierschutzverbände wie Peta haben Zahlen zu Eintagsküken. 50 Millionen, so die Angabe auf der Homepage des Vereins, landen jährlich in Deutschland auf dem Müll. Peta sieht in der seit Jahrzehnten gängigen Praxis einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz.

Für die Brütereien sind schlicht wirtschaftliche Aspekte für das Schicksal der männlichen Küken ausschlaggebend: Die Brüder der Legehennen lassen sich nicht vermarkten. Sie können keine 280 Eier im Jahr legen wie ihre Schwestern. Und in der Hähnchenmast, wo beide Geschlechter verwendet werden, sind sie auch nicht zu gebrauchen: Sie setzen im Gegensatz zu den Spezialzüchtungen zu langsam und zu wenig Fleisch an. Es lohnt sich nicht, die Tiere durchzufüttern. Das gilt für sämtliche Bereiche der Legehennenhaltung. Auch im Biosektor.

Doch rechtliche wie ethische Bedenken prallen an der Eier-Wirtschaft nicht einfach so ab. Seit Jahren laufen in Cuxhaven und Leipzig Experimente. Zunächst an die Universität Leipzig . Hier arbeitet Professorin Maria-Elisabeth Krautwald-Junghanns.

Bereits seit 2005 forscht die Vogel-Expertin zur Geschlechterfrage, anfangs finanziert aus Hessen, mittlerweile von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Mit am Tisch auch Vertreter der Geflügelwirtschaft. Das Ziel der Wissenschaftlerin: noch im Ei erkennen, ob eine Henne oder ein Hahn schlüpfen wird. Für Krautwald-Junghanns steht fest: „Entweder legt ein Huhn viele Eier, oder es setzt Fleisch an.“ Wer das Problem mit den Eintagsküken lösen will, muss ihrer Auffassung nach also ganz am Anfang beginnen, „am Tag null“, wie es die Professorin beschreibt.

Der Tag null

Damit meint sie den Zustand des Eis, in dem es befruchtet, aber noch nicht bebrütet ist. Bereits in diesem frühen Stadium befänden sich im Ei geschlechterspezifische Zellen, erklärt die Forscherin. Gelänge es, diese zu extrahieren und zu untersuchen, könnte noch vor dem Schlüpfen bestimmt werden, was für ein Geschlecht das Küken habe. Im Falle eines Weibchens dürfte dann weiter gebrütet, im Falle eines Männchens könnte das Ei anderweitig genutzt werden. Beispielsweise für die Nudelproduktion. Kein Lebewesen müsste sterben.

Das ist der eine Ansatz, den die Professorin verfolgt. Der zweite gleicht einem Schwangerschaftstest. „Durch Hormone und Enzyme im Ei lässt sich bereits zwischen dem achten und neunten Tag nach der Befruchtung das Geschlecht bestimmen.“ Zu diesem Zeitpunkt sei das Nervensystem des Tieres noch nicht ausgebildet.

Doch beide Lösungsversuche eint ein Problem: „Wir kommen nicht umhin, die Kalkschale zu öffnen. Da hat der liebe Gott einen schönen Schutz geschaffen.“ Unter Laborbedingungen sei das bereits gelungen, erklärt Krautwald-Junghanns. Mit Lasern sei die Schale eingestanzt und dann mit Druck abgezogen worden. „Wir haben die Schlupfrate untersucht: Dieser minimale Schaden an der Schale hat keinen Einfluss.“

Doch für die industrielle Eierproduktion sei die Methode noch nicht ausgereift genug. „Mindestens fünf Jahre. Wenn alles klappt, werden wir wohl noch so lange brauchen, bis wir Geräte entwickelt haben, die das Geschlecht bestimmen“, schätzt die Professorin.

Und dann bliebe da immer noch das Problem der Wirtschaftlichkeit. Die Sexer, meist aus Asien eingeflogene Fachkräfte, überprüfen 2000 bis 3000 Küken in der Stunde. Das macht pro Huhn wenige Cent an Untersuchungskosten. Soll eine Maschine die Sexer ersetzen, muss sie wirtschaftlicher sein. Das ist die große Herausforderung in Leipzig.

Weiter im Norden wird ein ganz anderer Ansatz verfolgt, der am Ende aber vor genau den gleichen Problemen steht. In Cuxhaven sitzt das Unternehmen Lohmann , einer der führenden Geflügelzüchter in Deutschland. In den meisten deutschen Hähnchenställen finden sich Hühnerrassen, die ihren Ursprung in den Lohmann-Laboren haben. Nach eigenen Angaben exportiert das Unternehmen seine Elterntiere in 120 Länder.

Das Zweinutzungshuhn

In den Laboratorien des Unternehmens arbeiten die Wissenschaftler an dem neusten Produkt: der Linie „Lohmann Dual“, auch Zweinutzungshuhn genannt. Es soll nicht nur Eier legen, sondern auch schnell Fleisch ansetzen. Ein neues Super-Huhn. Das Töten der männlichen Küken könnte damit ein Ende haben – wenn die Forscher erfolgreich sind. „Die ersten, positiven, Ergebnisse sprechen für sich“, heißt es auf Nachfrage aus Cuxhaven.

Doch auch hier spielt die Wirtschaftlichkeit eine wichtige Rolle. Erste Versuche in Ställen haben gezeigt: Die Hybridhühner der neuen Linie legen 17 Prozent weniger Eier als die üblicherweise verwendeten Legerassen. Dafür müssen sie aber mehr gefüttert werden. Die Hybrid-Hähne setzen zudem im Vergleich mit den Mastbroilern weniger Fleisch an. Zwei Kilo gegenüber 3,2 nach acht Wochen im Stall.

Diese Zahlen zeigen: Mit dem Zweinutzungshuhn lässt sich nach bisherigem Stand weniger Geld verdienen. Ob es damit für Züchter und Mäster in Deutschland attraktiv ist, bleibt fraglich. Bei Lohmann heißt es: Für das Dual-Huhn werde es auch in Zukunft keinen großen Markt geben, „wir rechnen aber mit einem Nischenmarkt, sehr wahrscheinlich im Bereich der Bio-Haltung, die wir ja auch heute schon mit Hühnern beliefern.“

Am Ende spielt das Unternehmen aus Cuxhaven den Ball zurück zum Kunden: Da der Futterverbrauch 50 Prozent höher liege als bei den bisherigen Rassen, könnten Eier und Fleisch „nur mit einem deutlichen Preisaufschlag vermarktet werden.“ Die Schlussfolgerung: „Endgültig liegt es auch in der Verantwortung des Verbrauchers, ob er dem Zweinutzungshuhn über den Bereich der Bio-Haltung hinaus eine Chance gibt.“

Was unausgesprochen bleibt: Solange das nicht der Fall ist, bleiben die männlichen Küken ein Systemfehler in der Lebensmittelproduktion. Und das Töten geht weiter. Viele Millionen. Jedes Jahr.


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