Interview "Beim Kampf gegen die globale Corona-Pandemie sollten wir kein Land zurücklassen"

Von Thomas Ludwig, 22.03.2020, 22:00 Uhr
Nyovani Janet Madise ist Direktorin für Forschungs- und Entwicklungspolitik und Leiterin des Afrikanischen Instituts für Entwicklungspolitik in Malawi. Foto: Black Female Professors Forum (BFPF)

Osnabrück. Nyovani Janet Madise sieht den afrikanischen Kontinent für den Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus schlecht gewappnet. Zugleich hegt die Direktorin des Afrikanischen Instituts für Entwicklungspolitik in Malawi aber auch Hoffnung - wegen der jungen Bevölkerung Afrikas.

Frau Madise, ist der afrikanische Kontinent für den Kampf gegen das Coronavirus gewappnet? 
Die Gesundheitssysteme in Afrika sind für den Umgang mit Pandemien wie Covid 19 schlecht gerüstet. Viele afrikanische Regierungen geben deutlich weniger als die 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, die sie auf der Konferenz von Abuja 2001 versprochen haben; niedrige Investitionen bei schnell wachsender Bevölkerung  bedeuten aber, dass die Pro-Kopf-Ausgaben für die Gesundheit jährlich sinken. 

Mit welcher Konsequenz?
Da die Gesundheitsausgaben nun für Covid-19-Tests und andere Eindämmungsstrategien umgelenkt werden, werden weniger Mittel zur Verfügung stehen, um viele der gesundheitlichen Herausforderungen zu bewältigen, die den Kontinent noch immer heimsuchen, wie Malaria, Tuberkulose, HIV/AIDS und Unterernährung bei Kindern. Wie bereits bei der Ebola-Krise in Westafrika im Jahr 2014 könnte es als indirekte Folge der Covid-19-Situation viel mehr Todesfälle durch diese anderen Krankheiten geben. Auch andere Finanzierungsmöglichkeiten wie die Familienplanung zur Senkung der Fruchtbarkeit könnten betroffen sein.

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Ist es noch möglich, eine verheerende Ausbreitung der Lungenkrankheit zu verhindern? 
Die meisten afrikanischen Länder haben inzwischen Covid-19-Fälle registriert. Eine Verhinderung der Ausbreitung der Krankheit ist möglich. In erster Linie müssen die Regierungen die wirksamen, kostengünstigen Kontrollen zur Verhinderung der Infektion betonen, wie zum Beispiel richtiges Händewaschen mit Seife, Abdecken des Mundes beim Husten, Abstand zu Personen mit Anzeichen einer Atemwegsinfektion halten und nicht das Gesicht und die Nasenlöcher berühren. Zweitens müssen die Regierungen Verdachtsfälle testen und Kontaktverfolgung einsetzen, solange die Epidemie auf dem Kontinent noch gering ist. Drittens müssen die Regierungen mit den Bürgern über die lokale Epidemie kommunizieren und sich über die Maßnahmen klar werden, die sie zur Bewältigung der Situation ergreifen, um Unsicherheit zu vermeiden, die zu Panik führt. Kommunikation ist auch wichtig, damit sich die Menschen nicht auf Mythen und Fehlinformationen verlassen.

Reicht das?
Die Regierungen müssen auch andere Maßnahmen sorgfältig abwägen, die zwar eine gewisse Wirkung auf die Senkung der Infektionen haben können, aber mit enormen sozialen und wirtschaftlichen Kosten verbunden sind, zum Beispiel die Schließung von Grenzen, die Schließung von Büros und Schulen für lange Zeiträume.  

Wie groß ist die Gefahr eines Massensterbens infolge der Corona-Pandemie?
Die Möglichkeit eines Anstiegs der Todesfälle ist real. Die Altersstruktur der Bevölkerung des afrikanischen Kontinents ist jedoch sehr jung, und das kann bedeuten, dass es weniger ältere Menschen gibt, die ein erhöhtes Risiko haben, schwere Komplikationen zu entwickeln. Andererseits kann es schwierig sein, in dicht besiedelten und überfüllten Wohnräumen mit schlechter Belüftung wie in den Slums präventive Maßnahmen wie Isolation durchzusetzen. In ländlichen Gegenden sind traditionelle afrikanische Hütten oft schlecht belüftet und nachts überfüllt, so dass bei der Infektion eines Familienmitglieds die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass diese Person von den anderen Familienmitgliedern isoliert wird.   

Und wie sieht es in den städtischen Metropolen aus?
In einigen Gegenden wie den städtischen Elendsvierteln kann sich die Situation durch eine unzureichende Wasserversorgung und schlechte sanitäre Einrichtungen noch verschärfen. Da sich Covid 19 in Afrika noch in einem frühen Stadium befindet, ist es aber schwierig, vorherzusagen, was in Bezug auf die Massensterblichkeit geschehen wird.

Muss Afrika nicht befürchten, vom Westen im Stich gelassen zu werden, weil die Industrieländer ihre eigenen Kapazitäten im Kampf gegen das Virus selbst brauchen?
Die Pandemie betrifft jedes Land in einem Ausmaß und einer Geschwindigkeit, die selbst die besten Gesundheitssysteme unvorbereitet getroffen hat. So ist es nicht verwunderlich, dass die westlichen Länder ihren heimischen Epidemien Vorrang einräumen. Gelder, die zur Unterstützung der Entwicklungshilfe und zur Stärkung der Gesundheitssysteme in Afrika verwendet worden wären, werden zweifellos für inländische Eindämmungsstrategien für Covid 19 verwendet werden. Afrika lässt sich bei seiner Reaktion von der Weltgesundheitsorganisation leiten und hat in gewisser Hinsicht von der Verzögerung des Ausbruchs der Epidemie in dieser Region profitiert. Es kann sich auf die Lehren stützen, die es aus China, Asien und Europa gezogen hat.   

Und welche Unterstützung sollte von den großen Industrienationen kommen?
Da es sich um eine globale Pandemie handelt, sollten sich die Anstrengungen darauf konzentrieren, dass wir kein Land zurücklassen, da wir sonst Reservoirs für das Virus haben, was bedeutet, dass die sekundäre Epidemie wieder aufflammen wird. Dies ist der Zeitpunkt, um die Forschung über kostengünstige Test- und Überwachungssysteme in armen Ländern zu verstärken, damit sie in Zukunft ähnliche Infektionen besser überwachen und verfolgen können. Als Länder müssen wir alle an einem Strang ziehen und diesen gemeinsamen Feind besiegen. Deshalb ist es herzerwärmend, dass China ein medizinisches Team und Nachschub nach Italien schickt.

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