Tausende Gegner zur 500. Demo erwartet Zehn Jahre nach Baubeginn: Stuttgart 21 polarisiert noch immer

Von afp

Auch zehn Jahre nach Baubeginn gehen die Demonstranten gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 noch auf die Straße. Foto: dpa/Tom Weller/dpaAuch zehn Jahre nach Baubeginn gehen die Demonstranten gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 noch auf die Straße. Foto: dpa/Tom Weller/dpa

Stuttgart. Zehn Jahre Bauarbeiten, zehn Jahre Bürgerprotest: Als am 2. Februar 2010 der offizielle Baustart des milliardenteuren Bahnhofsprojekts Stuttgart 21 erfolgt, begehrt die Bevölkerung auf. In den Folgemonaten eskaliert der Protest gegen das Projekt. Am Montag, also fast genau ein Jahrzehnt nach dem Baustart, findet die 500. Demonstration statt.

Bei der "Jubiläumsdemo" gegen das Stuttgarter Bahnhofsprojekt erwartet das Aktionsbündnis bis zu 3000 Demonstranten. Auch wenn Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) vor wenigen Tagen sagte, er halte den Konflikt um Stuttgart 21 für befriedet, kommen immer noch Woche für Woche Demonstranten zu Protesten in der Stuttgarter Innenstadt zusammen. Wie steht es um das so umstrittene Projekt?

Wie Baufortschritt:

Inzwischen sind nach Angaben der Bahn von den rund 59 Kilometer langen Tunnelröhren knapp 50 Kilometer vorgetrieben. Etwa 70 Prozent der Bahnsteigflächen für den künftigen Hauptbahnhof sind bereits in zehn Metern Tiefe betoniert. Nach den Plänen soll der Bahnhof 2025 in Dienst gestellt werden, bis dahin sind aber noch nicht alle Strecken und umliegenden Bahnhöfe bereit, so dass die Bahn davon ausgeht, dass Stuttgart 21 nur schrittweise ans Netz geht.

Die Kosten:

Die Planungen für den Tiefbahnhof sind inzwischen über 25 Jahre alt – und die Kosten seitdem massiv gestiegen. 1995 hatten Bahn, Bund, Stadt und Land einen Rahmenvertrag geschlossen, der Kosten von 2,6 Milliarden Euro vorsah. Zum offiziellen Baubeginn ging die Bahn von 4,5 Milliarden Baukosten aus. Aktuell ist von 8,2 Milliarden Euro Gesamtkosten die Rede, der Bundesrechnungshof ging schon 2016 in einem Gutachten sogar von bis zu elf Milliarden Euro aus.


Der Protest:

Seit einem gescheiterten Bürgerbegehren gegen den Bahnhofsneubau wir das Projekt von massivem Protest begleitet. Seit 2009 versammeln sich die Kritiker zur wöchentlichen Montagsdemonstration, ein Informationszelt der Protestierenden ist seit 3485 Tagen mit ehrenamtlichen Mitarbeitern besetzt. Am 30. September 2010 kam es bei der Räumung des Stuttgarter Schlossgartens durch die Polizei zu schweren Verletzungen unter den Demonstranten. Ein Mann verlor dabei weitgehend sein Augenlicht. Der Polizeieinsatz wurde fünf Jahre später vom Verwaltungsgericht Stuttgart für rechtswidrig erklärt.

Volksabstimmung und runder Tisch:

2010 fanden zwischen Bahn, Stadt, Land und Protestlern so genannte Schlichtungsgespräche statt, die vom früheren CDU-Politiker Heiner Geißler moderiert wurden. Geißler kam zu dem Schluss, dass der Bahnhof in abgewandelter Form gebaut werden könne. Im November 2011 sprachen sich in einer Volksabstimmung fast 59 Prozent der Baden-Württemberger gegen einen Ausstieg des Landes aus dem Projekt aus. Auch in Stuttgart hatten die Gegner keine Mehrheit.

Kapazitäts-Engpässe und Kombi-Lösung:

Schon bei den Diskussionen am runden Tisch 2011 warnten Kritiker, dass ein auf acht Gleise verringerter Bahnhof das Zugaufkommen nicht bewältigen könne. Auch Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hatte im Juni gesagt, es gebe sicherlich Engpässe. Deshalb brachte die Umweltgruppe BUND schon vor einiger Zeit wieder die so genannte Kombi-Lösung auf den Tisch, bei der mindestens vier Gleise zusätzlich gebaut werden. Für diese Gleise würde der Kopfbahnhof überirdisch erhalten bleiben. Als Vorbild wird New York Central Station genannt, wo die Gleise überbaut sind.


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