75 Jahre nach Auschwitz-Befreiung Umfrage: Holocaust-Gedenken geht jedem Fünften zu weit

Günther Pappenheim (sitzend) überlebte die Massenvernichtung und erzählt Jugendlichen vor dem Ex-KZ Buchenwald bei Weimar seine Geschichte. Foto: AFP/JENS SCHLUETERGünther Pappenheim (sitzend) überlebte die Massenvernichtung und erzählt Jugendlichen vor dem Ex-KZ Buchenwald bei Weimar seine Geschichte. Foto: AFP/JENS SCHLUETER
AFP/JENS SCHLUETER

Berlin. Zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz zeigen Umfragen das Meinungsbild der Deutschen zum Umgang mit dem Holocaust-Gedenken: Mehr als jeder Fünfte findet, der Holocaust spiele in der deutschen Erinnerungskultur eine zu große Rolle. Jeder Zweite will, dass das Thema Jugendlichen noch näher gebracht wird.

Wird die Erinnerung an den Holocaust verblassen, wenn die letzten Zeitzeugen verstorben sind? 75 Jahre nach der Befreiung des KZs Auschwitz mehren sich die Forderungen gegenzusteuern – gerade vor dem Hintergrund eines wachsenden Antisemitismus. Umfragen zeigen, viele Deutsche wünschen sich, dass Schüler stärker in die deutsche Erinnerungskultur eingebunden werden. Dagegen meint etwa jeder Fünfte, das Holocaust-Gedenken gehe heute schon zu weit. 

 

Eine deutliche Mehrheit der Deutschen ist dafür, alle Schüler zum Besuch eines ehemaligen Konzentrationslagers zu verpflichten. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur sprachen sich 56 Prozent für solche Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten mindestens einmal während der Schulzeit aus. Nur 34 Prozent sind dagegen. 10 Prozent machten keine Angaben. 

Zwar finden 24 Prozent der Deutschen, das Gedenken an den Holocaust müsse generell verstärkt werden. Mindestens jeder Fünfte (22 Prozent) meint allerdings, der Holocaust spiele in der deutschen Erinnerungskultur eine zu große Rolle. 45 Prozent finden es so, wie es jetzt ist, genau richtig. Unter den AfD-Wählern sind diejenigen, denen das Gedenken zu viel ist, mit 56 Prozent sogar in der Mehrheit.

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Auschwitz-Überlebende im Mittelpunkt des Gedenkens

In Anwesenheit von Holocaust-Überlebenden und Polens Präsident Andrzej Duda haben am Montag die Gedenkfeierlichkeiten zur Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz vor 75 Jahren begonnen. Mehr als 200 Überlebende nahmen am Vormittag an einer ersten Zeremonie auf dem ehemaligen Lagergelände teil. Begleitet von Duda legten sie an der Schwarzen Wand im ehemaligen Stammlager Auschwitz, an der tausende Gefangene von deutschen SS-Offizieren erschossen wurden, Blumenkränze nieder.

Eingehakt laufen Holocaust-Überlebende durch das "Arbeit-macht-frei"-Tor in Auschwitz. Foto: imago images/ZUMA Press/Damian Klamka

Viele der Überlebenden trugen als Zeichen der Erinnerung an die Häftlingskleidung in den deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern blau-weiß gestreifte Hüte und Schals. "Wir wollen, dass die nächste Generation weiß, was wir durchgemacht haben, und dass es niemals wieder geschehen darf", sagte der Auschwitz-Überlebende David Marks während eines Rundgangs durch das ehemalige Lager. Der 93-Jährige hatte im Holocaust 35 Mitglieder seiner rumänisch-jüdischen Familie verloren.

Anders als beim Welt-Holocaust-Forum in Jerusalem vergangene Woche sollen bei der Gedenkfeier in Auschwitz nicht die Staats- und Regierungschefs im Mittelpunkt stehen, sondern die Überlebenden.

Video: Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz

"Es geht hier um Überlebende, nicht um Politik", sagte der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, der Nachrichtenagentur AFP. "Wir beobachten einen Anstieg des Antisemitismus und wollen nicht, dass die Vergangenheit der Überlebenden die Zukunft ihrer Kinder oder Enkel sein wird", fügte er hinzu.

Merkel: Zur Verantwortung gehört das Gedenken

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz die deutsche Verantwortung für den Holocaust betont. "Wir alle tragen Verantwortung. Und zu dieser Verantwortung gehört auch das Gedenken", zitierte sie am Montag über ihren Instagram-Account die Worte, die sie bei ihrem Besuch im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau am 6. Dezember geäußert hatte: "Wir dürfen niemals vergessen. Einen Schlussstrich kann es nicht geben – und auch keine Relativierung."

An diesem Montag jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 75. Mal. Allein in diesem größten Vernichtungslager der Nationalsozialisten wurden mehr als eine Million Menschen umgebracht. Der Holocaust kostete insgesamt rund sechs Millionen Juden das Leben. Sie wurden von den Deutschen erschossen und in Gaskammern ermordet oder starben an den Folgen von Hunger, Krankheit und Erschöpfung. 

Weiterlesen: Bilder – Vor 75 Jahren wurde das NS-Konzentrationslager Auschwitz befreit 


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