Deutsche Weltpremiere Der Doktor in der Hosentasche: Was taugen Gesundheits-Apps?

Das Smartphone als "Arzt in der Hosentasche"? In Stuttgart wird in einem Pilotprojekt schon mal das "digitale Rezept" getestet. 
Foto: Bernd Weißbrod / dpaDas Smartphone als "Arzt in der Hosentasche"? In Stuttgart wird in einem Pilotprojekt schon mal das "digitale Rezept" getestet. Foto: Bernd Weißbrod / dpa 

Berlin. Ärzte können künftig Gesundheits-Apps verschreiben. Der Bundestag hat am Donnerstag den Weg freigemacht für digitale Anwendungen am Computer, auf Smartphones oder Tablets – als Kassenleistung.

Deutschland ist das erste Land, in denen es Gesundheits-Apps bald auf Rezept gibt. Der Bundestag stellte am Donnerstag noch weitere Weichen in Richtung Digitalisierung der Medizin. Werden wir bald alle von "Dr. Algorithmus" behandelt? Ist der Weg zum "gläsernen Patienten" eingeschlagen? Eine Analyse.

Was leisten Gesundheits-Apps? 

Mit "Kaia" gegen Rückenschmerzen: Die Smartphone-Anwendung bietet individuelle Pläne mit den besten Übungen, ein "Bewegungscoach" kontrolliert das Training, Mediziner geben Tipps. Die Pro-Version kostet 34,99 Euro für drei Monate. "Keleya" ist ein populärer Schwangerschafts-Assistent. "Mika" hilft in der Krebs-Therapie, indem Symptome dokumentiert und eingeordnet, Arztgespräche vorbereitet werden können. Hier ist die Berliner Charité mit an Bord.

Drei von mehr als 100.000 Gesundheits- und Lifestyle-Apps, die alleine Apple inzwischen in seinem App-Store anbietet. Durch das Smartphone ist ein gewaltiger Markt entstanden. Und die Bundestagsentscheidung, Bezahl-Anwendungen von den Kassen erstatten zu lassen, wird zusätzlichen Schub liefern. Die meisten Apps sind - noch - kostenlos, darunter etwa "Mediteo", die "wie ein guter Freund" (Eigenbeschreibung) die Medikamenteneinnahme kontrolliert und ans rechtzeitige Nachbestellen erinnert.

Die App "Vivy" ist eine digitale Gesundheitsakte. Foto: dpa/Michael Kappeler

"Es gibt digitale Gesundheitsanwendungen, die sehr sinnvoll und hilfreich sind", sagt Ärztepräsident Klaus Reinhardt. "Es gibt aber auch viel Schnickschnack, der keinen Mehrwert für Patienten und Ärzte bringt." 

Eine fundierte wissenschaftliche Analyse, die einen echten medizinischen Nutzen von Apps nachweist, gibt es nicht. Ob bestimmte Anwendungen künftig dauerhaft von den Kassen erstattet werden müssen, muss das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte entscheiden. Die "harten Kriterien", die Ärzte dafür fordern, müssen rasch entwickelt werden.

Wo hilft Digitalisierung dem Patienten? 

Das Digitale-Versorgungs-Gesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) soll auch dafür sorgen, dass Ärzte mehr Online-Sprechstunden anbieten. Das kann es gerade immobilen Patienten erleichtern, Rat einzuholen.

Der elektronische Krankenschein ist auf den Weg gebracht. Für das digitale Rezept, das aufs Handy geschickt wird, laufen Pilotprojekte. Und mit Hochdruck wird an der elektronischen Patientenakte gearbeitet, sie soll 2021 kommen. 

Im Kern geht es darum, dass Ärzte, Krankenhäuser und Apotheken sofort auf alle Informationen über einen Patienten zugreifen können, um die Behandlung zu optimieren oder Medikamente auszugeben und deren richtige Einnahme zu überprüfen. Im Notfall kann das Leben retten.

In Vorbereitung ist auch ein elektronischer Impfpass. Der könnte Eltern zum Beispiel automatisch ermahnen, wenn sie ihre Kinder nicht rechtzeitig gegen Masern geimpft haben.

Video: Ein Jahr Projekt "Telemedizin" in Delmenhorst


Welche Risiken gibt es? 

So praktisch der Datenaustausch ist, so bedrohlich ist das Szenario, dass etwa Arbeitgeber oder Versicherungen Zugriff auf vertrauliche Informationen ihrer Angestellten oder Kunden bekommen können. Immer wieder gibt es Meldungen über gravierende Datenlecks, die die Sorgen befeuern. "Wenn die Daten zentral gespeichert sind, wird es natürlich Versuche geben, diese abzugreifen", sagt etwa Kassenarztpräsident Andreas Gassen.

Für scharfe Kritik sorgte, dass Spahns Gesetz Patienten keine Möglichkeit einräumt, die Weiterleitung ihrer Abrechnungsdaten an den Spitzenverband der Krankenkassen (GKV) zu verhindern. Das ist besonders heikel, weil der GKV die Daten theoretisch den einzelnen Patienten zuordnen könnte - und damit auch jeder, der den GKV-Server knackt. Erst bei der Weitergabe für die Forschung werden die Daten anonymisiert. Spahn rechtfertigt das Vorgehen mit dem Nutzen, den die Forschung zur Heilung kranker Menschen bringe. 

Neben der Angst um die Daten wächst die Sorge, dass die Digitalisierung das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten belastet. In einer neuen Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gaben mehr als die Hälfte der Arztpraxen an, dass sie die Befürchtung umtreibe. 

Übernimmt "Dr. Algorithmus" bald den direkten Kontakt mit Kranken? "Das ist eine absurde Vorstellung", sagt Kassenarztpräsident Gassen. Es werde niemals dazu kommen, dass Menschen von Maschinen untersucht und behandelt würden.


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