Kein Handy vor elf Jahren? Staatsministerin wiederspricht Kinderarzt: "Früher Kontakt wichtig"

"Kein Handy vor elf Jahren!" - Interview mit Ärztepräsident Fischbach löst Debatte aus.
Foto: Tobias Hase/dpa"Kein Handy vor elf Jahren!" - Interview mit Ärztepräsident Fischbach löst Debatte aus. Foto: Tobias Hase/dpa
Tobias Hase

Berlin. Kinder- und Jugendarztpräsident Thomas Fischach hatte im Interview mit unserer Redaktion gefordert, Kinder so lange wie möglich von Smartphones fernzuhalten. "Kein Handy vor elf Jahren!", sagte er. Sein Vorstoß hat eine intensive Debatte ausgelöst.

So widersprach Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) Fischbachs Forderung. "Generell finde ich es wichtig, dass Kinder schon früh mit diesen Medien Kontakt haben", sagte sie dem "Tagesspiegel" vom Donnerstag. Junge Menschen müssten ermutigt werden, Teil der digitalen Revolution zu werden. "Das werden sie aber nur, wenn man sie auch mitmachen lässt." Bär befürwortete es "ausdrücklich", dass Kinder "bereits in der ersten Klasse" mit der Technik in Berührung kommen.

Hält nichts von Handy-"Bashing": Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU). Foto: Britta Pedersen / dpa

Also doch schon Handys vor elf Jahren? Medienpädagoge Marc Urlen vom Deutschen Jugendinstitut warnt davor, Grundschulkindern ein eigenes Smartphone zu überlassen. "Zu früh sollte man damit nicht beginnen." Er rät im "Tagesspiegel" zu einem "Familien-Tablet", das Kinder nur unter Aufsicht ihrer Eltern nutzen und empfiehlt eine Obergrenze von einer halben Stunde Bildschirmmedien pro Tag für alle Kinder bis zehn Jahren.

Uwe Büsching, Bundesvorstand des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), nennt Übergewicht und Kurzsichtigkeit als "belegbare Folgen" intensiver Smartphone- und Tablet-Nutzung schon im Kindesalter, und ergänzt in der "Bild"-Zeitung: "Wir sehen ein enormes Nachlassen aller motorischen Fähigkeiten. Viele Kinder können keinen Ball fangen oder auf einem Bein stehen." Auch machten Kinder zu 50 Prozent häufiger Sprachfehler, wenn sie mehr als 30 Minuten täglich daddeln und gamen.

Zum Interview mit Kinder- und Jugendärztepräsident Thomas Fischbach:

Der Sender RTL sprach mit dem Psychologen Christian Montag von der Universität Ulm. "Kinder unter zwölf Jahren sollten keine eigenen Geräte haben", sagte der Experte. Kinder seien in der Selbstregulation noch nicht so gut wie Erwachsene und verstünden daher nicht, wann es an der Zeit sei, aufzuhören. Insbesondere weil viele Apps so konzipiert sind, Nutzer möglichst lange zu halten.


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