Die AfD nach Thüringen "Der 'Flügel' ist so schwach wie nie" - Warum Höcke der Wahlerfolg kaum nutzen wird

Die AfD-Chefs Jörg Meuthen und Alexander Gauland beraten sich vor ihrem Auftritt vor den Hauptstadt-Journalisten mit Thüringens AfD-Spitzenkandidat Björn Höcke.
Foto: Christian Thiel / Imago ImagesDie AfD-Chefs Jörg Meuthen und Alexander Gauland beraten sich vor ihrem Auftritt vor den Hauptstadt-Journalisten mit Thüringens AfD-Spitzenkandidat Björn Höcke. Foto: Christian Thiel / Imago Images

Berlin. In Thüringen überflügelt die AfD erstmals sowohl CDU als auch SPD. Auch mit „Flügel“-Frontmann Björn Höcke setzten die Rechtspopulisten ihren Siegeszug fort. Wie kommt das? Wie stark wird Höcke? Fragen und Antworten zum Wahlergebnis in Thüringen.

Wer hat die AfD gewählt, und warum? "Die Rentner haben Ramelow gerettet", spottet Höcke gestern in Berlin über den Wahlsieg von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linkspartei). Denn in allen Altersgruppen außer bei den Über-60-Jährigen ist die AfD stärkste Kraft geworden. Ein Beben! Auch bei den bisherigen Nichtwählern holten die Rechtspopulisten die meisten Stimmen, am Ende waren es insgesamt 23,4 Prozent, Platz zwei hinter der Linkspartei.  

Die bisherige Binsenweisheit, eine hohe Beteiligung schwäche die politischen Ränder, hat sich in ihr Gegenteil verkehrt.

Laut Analyse von Infratest dimap wanderten Wähler von allen Parteien zur AfD. Bei den Männern holte sie 28 Prozent, bei den Frauen 18. Wichtiger Faktor war der Bildungsgrad. 39 Prozent der Arbeiter machten ihr Kreuz bei der Alternative für Deutschland, bei den Wählern mit hohem Bildungsgrad waren es 16 Prozent. 35 Prozent der wirtschaftlich Unzufriedenen votierten für AfD. Die Linkspartei hatte in der Gruppe neun Punkte weniger.

Erfolg trotz oder wegen Höcke? Der 47-jährige Lehrer aus NRW war unter allen Spitzenkandidaten in Thüringen der unbeliebteste. Nur ganz wenige AfD-Wähler wollten ihn als Ministerpräsidenten. In seinem Wahlkreis blieb Höcke mit 21 Prozent unter dem Landesdurchschnitt, der CDU-Kandidat erhielt dort fast 50 Prozent.

Ein Zugpferd sei Höcke nur für die extrem Rechten, sagt ein AfD-Mann aus dem gemäßigten Lager. Letztlich hätte die Thüringen-AfD auch "einen blauen Besen in die Ecke stellen können" - und wäre auf ein ähnliches Ergebnis gekommen.

Zugleich gilt: eine immer höherer Anteil der Wähler im Osten lässt sich weder vom Personenkult des völkischen "Flügels" um Höcke noch von dessen Nähe zum Rechtsextremismus davon abschrecken, für die AfD zu stimmen.

Wird die Partei jetzt extremer? Höcke selbst gab sich am Montag zahm, räumte vor der Bundespressekonferenz Fehler ein. Seine Dresdener Rede, in der er das Holocaust-Mahnmal als "Denkmal der Schande" bezeichnet hatte, sei "kolossal in die Hose gegangen".

Zwar ist der "Flügel" in Sachsen, Brandenburg und Thüringen stark. Aber dass das Netzwerk der völkischen Nationalisten seine Macht durch die Wahlerfolge in den drei Ost-Ländern bundesweit ausbauen kann, muss bezweifelt werden. Zeigen wird sich das auf dem AfD-Bundesparteitag in vier Wochen.

Mit Blick auf die Neuwahl der Bundesspitze reklamierte Höcke am Montag mehr Vorstandsposten für den Osten und er behielt sich vor, am Ende selbst zu kandieren. Der Co-Vorsitzende Jörg Meuthen bezeichnete das als "folgerichtig" - drängte Höcke also zu dem Schritt.

Dahinter steckt aber die Hoffnung der Gemäßigten, der "Fügel"-Mann werde von den Delegierten abgestraft. Höcke weiß um das Risiko. "Er wird sich nicht verbrennen lassen", sagt einer aus dem Lager von Co-Parteichef Alexander Gauland. Trotz der Wahlerfolge sei der "Flügel" "so schwach wie nie", habe im Westen klar an Einfluss verloren. Und die West-Landesverbände haben auf dem Parteitag weit mehr Delegierte als die Ost-Länder.


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