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Sechsstündige Verhandlungen Putin stoppt türkischen Vormarsch in Syrien – Erdogan erringt "Pufferzone"

Von Susanne Güsten

Putin (links) und Erdogan beraten in Sotschi über eine gemeinsame Strategie im Syrienkonflikt. Foto: AFP/Alexei Druzhinin / SPUTNIKPutin (links) und Erdogan beraten in Sotschi über eine gemeinsame Strategie im Syrienkonflikt. Foto: AFP/Alexei Druzhinin / SPUTNIK

Sotschi. Knapp zwei Wochen nach dem Einmarsch türkischer Truppen in den Norden Syriens trifft Kremlchef Putin seinen türkischen Amtskollegen Erdogan zu Krisengesprächen. Erdogan spricht hinterher von einer "historischen Vereinbarung".

Wladimir Putin begrüßte seinen Gast mit einem freundlichen Lächeln. "Kaum sind Sie hier, wird das Wetter schön", sagte der russische Staatschef dem türkischen Staatsschef Recep Tayyip Erdogan, als dieser kurz nach Mittag am Dienstag die Treppe zu Putins Residenz im Schwarzmeer-Badeort Sotschi heraufstieg. Vom Sonnenschein bekamen die beiden Politiker dann aber anschließend nicht mehr viel mit. 

Sechs Stunden lang saßen Putin und Erdogan zusammen und berieten über die Lage in Nordsyrien nach dem türkischen Einmarsch. Als sie am Abend ihre Vereinbarung verkündeten, war die türkische Offensive gestoppt – doch Erdogan erhält trotzdem seine "Sicherheitszone". Die USA spielen in Nordsyrien endgültig keine Rolle mehr: Die Russen übernehmen die Kontrolle.

USA droht Türkei Sanktionen an

Putin wollte seinen Gast Erdogan unter Druck setzen. Russland hatte schon zu Beginn des Treffens am Schwarzen Meer warnende Signale an die türkischen Gäste geschickt. Während Putin den türkischen Staatschef begrüßte, ließ das Außenministerium in Moskau verlauten, der türkische Einmarsch in Syrien verletze die territoriale Integrität des Bürgerkriegslandes.

Auch aus Washington gab es Druck auf die Türkei. Noch während Putin und Erdogan konferierten, gab die mit den USA verbündete syrische Kurdenmiliz YPG – der Gegner der Türkei in Nordsyrien – ihren vollständigen Abzug aus einem rund 100 Kilometer langen Streifen entlang der türkischen Grenze zwischen den Städten Tel Abyad und Ras al Ain bekannt. Die USA ließen verlauten, jeder weitere türkische Vorstoß werde amerikanische Sanktionen gegen Ankara zur Folge haben.

Mit USA ausgehandelte Waffenruhe läuft ab

Dabei hatte Erdogan vor seiner Reise nach Russland mit einer Fortsetzung des Vorstoßes gegen die YPG gedroht. Mit US-Vizepräsident Mike Pence hatte Erdogan vorige Woche eine fünftägige Kampfpause ausgehandelt, um den Rückzug der YPG zu ermöglichen. Die Frist sollte am Dienstagabend um 21 Uhr MESZ ablaufen – doch sie wurde von den Ereignissen in Sotschi überholt.

Für Putin ging es vor allem darum, die türkische Offensive in Syrien zu bremsen und die syrische Regierung – den Partner Moskaus – zu stärken. Dagegen wollte Erdogan grünes Licht aus Moskau, um die geplante "Sicherheitszone" auf mehr als 400 Kilometer zu erweitern. Am Ende der zähen Verhandlungen konnten beide Präsidenten einen Erfolg für die jeweils eigene Sache melden. Erdogan sprach von einer "historischen Vereinbarung" und von der Rücksiedlung von einer Million syrischer Flüchtlinge, die jetzt bald beginnen solle – doch er musste auch Federn lassen.

Erdogan bekommt kleinere Schutzzone als gewünscht

Laut der Einigung von Sotschi behält die Türkei die Kontrolle über den Gebietsstreifen zwischen Tel Abyad und Ras al-Ain, aus dem die YPG bereits abgerückt ist. Westlich und östlich dieser Zone sollen ab diesem Mittwoch russische Militärpolizisten und syrische Grenzsoldaten sicherstellen, dass sich die YPG auch dort zurückzieht.

Für Moskau und Damaskus ist das ein Erfolg, während die Türkei eine Rolle der syrischen Regierung bei der Grenzsicherung hinnehmen muss. Ursprünglich hatte Erdogan die alleinige türkische Kontrolle über die gesamte 400-Kilometer-Zone angestrebt. Die bekommt er nun nicht. Zudem wird sich die von der Türkei angestrebte "Schutzzone" in den Gebieten westlich und östlich der bisher besetzten Region nur zehn Kilometer tief auf syrisches Gebiet erstrecken – und nicht 30 Kilometer, wie die Türkei das wollte.

Putin will Dialog der verfeindeten türkischen und syrischen Regime

Sobald die YPG bis kommende Woche aus den beiden Gebieten abgezogen ist, sollen russische und türkische Truppen die Patrouillen übernehmen. Gleichzeitig will sich Putins Regierung darum bemühen, eine Kooperation zwischen der Türkei und der syrischen Regierung von Präsident Baschar al-Assad bei der Grenzsicherung zu organisieren. Grundlage dafür ist ein 20 Jahre alter Vertrag zwischen Ankara und Damaskus, der bisher nie angewendet wurde. Erdogan lehnt bisher jede Zusammenarbeit mit der Regierung seines Erzfeindes Assad ab – doch in Sotschi musste er unter dem Druck von Putin zumindest die Möglichkeit einer solchen Kooperation zulassen.

Die zwei großen Verlierer vom Dienstag saßen in Sotschi nicht am Tisch. Die YPG hatte sich erst vor wenigen Tagen mit Assads Regierung gegen die Türken verbündet und ist zu schwach, um sich gegen den verordneten Rückzug aus weiteren Gebieten zu wehren. Und die USA sind in Nordsyrien seit Dienstag wohl endgültig aus dem Spiel. Russland startet gemeinsame Patrouillen mit dem NATO-Mitglied Türkei, während die US-Soldaten aus Syrien abziehen.

Weiterlesen: Strippenzieher im Syrien-Krieg: Putin empfängt Verbündeten Erdogan


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