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11.10.2019, 21:48 Uhr KOMMENTAR

Attentat von Halle: Niemand ist eine Insel

Ein Kommentar von Melanie Heike Schmidt


Die Betroffenheit nach dem Attentat von Halle ist groß, viele Menschen legen Blumen und Kerzen an der Synagoge ab, vielerorts gibt es Gedenkveranstaltungen. Viele fragen sich auch: Wie können solche Taten, wie kann Radikalisierung verhindert werden? Foto: Steffen Schellhorn/imago images/epdDie Betroffenheit nach dem Attentat von Halle ist groß, viele Menschen legen Blumen und Kerzen an der Synagoge ab, vielerorts gibt es Gedenkveranstaltungen. Viele fragen sich auch: Wie können solche Taten, wie kann Radikalisierung verhindert werden? Foto: Steffen Schellhorn/imago images/epd

Osnabrück. Die Trauer nach der Tat von Halle ist groß, aber auch die Welle der Solidarität. Das ist gut, das ist tröstlich. Zugleich schälen sich immer mehr Erkenntnisse zum mutmaßlichen Täter heraus, der sich – offenbar unbemerkt – radikalisieren konnte. Stellt sich die Frage: Wie kann so etwas verhindert werden?

Die Betroffenheit nach dem Attentat von Halle ist groß, es werden Reden und Schweigeminuten gehalten, Kerzen angezündet, Gebete gesprochen. All das ist gut und notwendig, in Gemeinschaft lassen sich Trauer und Bestürzung besser ertragen. Und nach dem Geständnis des mutmaßlichen Täters, aus rechtsextremistischen Motiven gehandelt zu haben, ist die Botschaft an Juden und Muslime umso wichtiger: Ihr seid nicht allein, gemeinsam stellen wir uns gegen Hass.

Dennoch taucht nun auch eine beunruhigende Frage auf: Warum hat niemand bemerkt, dass sich der Täter radikalisierte? Eine eindeutige Antwort darauf wird es vielleicht nie geben. Klar ist aber: Jeder spätere Täter hat ein Umfeld, Freunde, Eltern, Kollegen, Lehrer, Nachbarn. Wie steht es um deren Aufmerksamkeit? Fällt ihnen gar ein Stück Verantwortung zu? Und wenn ja, wie gehen wir damit um?

Niemand ist eine Insel, formulierte es der großartige Dichter John Donne, der zu Shakespeares Zeiten in London lebte. Darin steckt tiefe Weisheit. Denn wer sich selbst als Teil einer Gemeinschaft sieht, übernimmt damit automatisch Verantwortung – für sich, aber auch für andere. Dazu gehört, Vorbild zu sein, Haltung zu zeigen, hinzuschauen, sich Hass und Hetze entgegenzustellen. Zivilcourage kann niemanden wieder lebendig machen. Aber wir brauchen sie notwendiger denn je.


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