Digitalexpertin warnt vor weltweitem Terrornetz Weisband: Politische Reaktionen auf Halle „unfassbar ignorant“

"Der Attentäter von Halle ist kein Einzeltäter. Er ist Teil einer neuen Art von Terrornetzwerk": Marina Weisband wurde als Geschäftsführerin der Piratenpartei bekannt. Heute arbeitet die Diplom-Psychologin als Expertin für Partizipation, Digitalisierung und politische Bildung. Foto: David Ebener"Der Attentäter von Halle ist kein Einzeltäter. Er ist Teil einer neuen Art von Terrornetzwerk": Marina Weisband wurde als Geschäftsführerin der Piratenpartei bekannt. Heute arbeitet die Diplom-Psychologin als Expertin für Partizipation, Digitalisierung und politische Bildung. Foto: David Ebener

Osnabrück. Ein Einzeltäter, der aus dem Nichts kam? Ein Bundespräsident, für den der Anschlag in Halle vorher "undenkbar" war? Marina Weisband machen solche Aussagen wütend. Wir sprachen mit ihr als Psychologin, Jüdin und Digitalexpertin über den Anschlag auf eine Synagoge und die Rolle des Internets sowie die Präsentation im Stream.

Frau Weisband, Sie sind Jüdin und selbst regelmäßig in der Synagoge. Bestanden vor dem jetzigen Anschlag in Halle Sorgen vor Gewalttaten in Ihrer Familie, in Ihrer Gemeinde?

Ja, natürlich. Zum einen allgemein: Immer an hohen Feiertagen, wenn vor der Synagoge die Polizei steht, frage ich mich, will ich da wirklich mit meiner Tochter rein? Und jeder neue Vorfall bestätigt die Angst. Zum anderen gab es 2014 einen Anschlag konkret auf die Synagoge, wo meine Familie lebt. Es wurde ein Brandsatz geworfen. Das Gericht hat dies damals nicht als judenfeindliche Tat bewertet. 

In ihren Reaktionen haben Politiker bis hin zu Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärt, in Halle sei etwas geschehen, das unvorstellbar schien. Wie bewerten Sie solche Aussagen?

Sie zeigen eine unfassbare Ignoranz für das, was in diesem Land passiert. Natürlich konnte man mit einer solchen Tat rechnen. Sie bahnte sich an. Wir haben immer wieder davor gewarnt. Da braute sich eine Wolke zusammen. Dass sie sich entlädt, war nicht überraschend. Wer Halle jetzt anders darstellt, redet den deutschen Antisemitismus klein.

Zur Person

Marina Weisband ist Diplom-Psychologin und arbeitet als Autorin, Aktivistin und Beraterin für politische Partizipation und Digitalisierung. Bekannt wurde sie als Politische Geschäftsführerin der Piratenpartei in den Jahren 2011/12. Weisband wurde 1987 in Kiew geboren, wurde in Wuppertal groß und lebt heute mit ihrer Familie in Münster. 

Sie sind auch Digital-Expertin – welche Rolle spielt das Internet für die Radikalisierung potenzieller Täter?

Die Radikalisierung über die sozialen Medien und das Internet nimmt massiv zu. Wir haben es mit einer rechtsextremen, globalen Bewegung zu tun, die digital stark vernetzt ist und Konventionen und Sprache teilt. Es ist schon auf normalen Plattformen völlig gang und gäbe, sich antisemitisch, rassistisch und antifeministisch zu äußern. Das darf nicht sein. Jeder Mensch hat irgendwo tief in sich drin rassistische Überzeugungen, auch ich. Der erste Schritt, sie rauszulassen, ist die humorvolle Form: Witze über andere, Witze über Ausländer. Der nächste Schritt sind abwertende Sachaussagen, der nächste verbale Gewalt, der nächste körperliche Gewalt, der nächste Terror. Terror ohne diesen Unterbau ist nicht denkbar. Und der Unterbau breitet sich online in ungeahnter Form aus.

Welche Rolle spielt es, dass sich ein Attentäter mit Helmkamera und Stream nicht zum ersten Mal online in Echtzeit präsentiert hat? Und gibt es Bezüge zu dem allgemeinen Trend, sich in sozialen Netzen fortlaufend in Szene zu setzen?  

Der Attentäter von Halle ist kein Einzeltäter. Er ist Teil einer neuen Art von Terrornetzwerk. Diesem wollte er zeigen, seht her, ich mache das, worüber andere nur reden. Es ist kein Zufall, dass er in seinem Video Englisch sprach. Er wollte sich weltweit profilieren. Unzulässig wäre aber, seine Form der Inszenierung in Verbindung zu bringen mit anderen Formen der digitalen Selbstdarstellung. Das hieße ja, Leute, die Dinge aus ihrem Leben bei Instagram oder Facebook posten, mit einem Mörder in Bezug zu setzen. Es folgt auch nicht den gleichen psychologischen Prinzipien.

Was den Täter von einem Massaker abgehalten hat, war eine Tür, nicht mehr. Keine Polizei, keine Gesellschaft, niemand vorher.Marina Weisband

Was wäre zu tun?

Erstens: Wir müssen die Warnungen marginalisierter Gruppen ernster nehmen. Anhand des aktuellen Falles gilt das für Juden, allgemein aber auch für Muslime, die ebenfalls seit Jahren sagen, dass sie sich hier nicht mehr sicher fühlen. Was den Täter von einem Massaker abgehalten hat, war eine Tür, nicht mehr: Keine Polizei, keine Gesellschaft, niemand vorher. Zweitens: Die Polizei muss besser ausgebildet werden in diesen Online-Netzen. Wer Prävention betreibt, muss wissen, was ein Meme ist, also ein geteilter Witz auf Bildbasis, den nur Einweihte verstehen, und Twitch, also die Streamingplattform, die der Attentäter verwendet hat. Polizei und Gesellschaft müssen auch den Zusammenhang zwischen Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus erkennen. Das ist ein Dreiklang. Deshalb kann man sich auch als AfD nicht als Beschützer der Juden aufspielen, denn sie bedient selbst Hass. Das muss langsam Konsequenzen haben, auch in den Medien, wo die AfD sich immer wieder präsentieren darf. Zuletzt: Wir müssen mehr Prävention betreiben und Programme gegen Radikalisierung fördern. Wir brauchen ein Demokratiefördergesetz, das entsprechende Gelder bereitstellt und Demokratieprojekte verstetigt. Zu viele gute Initiativen versanden, wenn sie den Status als Modellprojekt verlassen.

Mit Kamera am Helm unterwegs: Der Schütze von Halle war nicht der erste Attentäter der letzten Zeit, der seine Tat live ins Internet übertrug. Foto:Foto: ATV-Studio/AP/dpa


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