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09.10.2019, 18:33 Uhr KOMMENTAR

Anschlag in Halle: Wie traurig, wie dumm - und wie gefährlich

Ein Kommentar von Burkhard Ewert


Halle, Sachsen-Anhalt: Dieser Stern schmückt das Dach der dortigen Synagoge. Foto: Jan Woitas/dpaHalle, Sachsen-Anhalt: Dieser Stern schmückt das Dach der dortigen Synagoge. Foto: Jan Woitas/dpa

Osnabrück. Nach dem Anschlag von Halle bleibt neben Trauer auch Ratlosigkeit. Was läuft falsch im Kampf gegen Antisemitismus? Warum verfängt er nicht?

Als der Zentralratsvorsitzende Josef Schuster vor einigen Jahren warnte, er könne jeden Juden verstehen, der überlege, Deutschland zu verlassen, mochte man das für übertrieben halten. Der NSU, das waren doch kranke Spinner, eine Ausnahme. Und das mit antisemitischen Flüchtlingen werde so schlimm schon nicht werden.

Spätestens seit der Tat von Halle an der Saale muss man das anders sehen. Ein schwer bewaffneter Täter suchte sich Ort und Zeitpunkt für seinen Anschlag sorgfältig aus: Die Synagoge war zur Jom-Kippur-Feier voll besetzt. Die Warnungen vor wachsendem Antisemitismus waren augenscheinlich berechtigt. Schlimmeres verhütete offenbar nur das Sicherheitskonzept der Gemeinde selbst.

Man muss sich schämen, dass jüdisches (wie auch muslimisches) Leben in Deutschland nicht mehr sicher ist – wenn es das jemals war.

Warum? Wieso? Wie kann das sein? Wie traurig, wie brutal ist das, wie dumm.

Ob islamistisch oder rechtsextrem: Gemeinsam ist beiden Seiten, dass Frustrierte ihre kranken Gedanken ausleben und ihre Wut bei einer Gruppe von Menschen abladen, die dafür nichts kann. Wer sich Minderheiten sucht, um sich selbst zu erhöhen, ist erbärmlich. Dafür muss übrigens nicht geschossen werden. Worte können genügen.

Fragen richten sich nach solchen Taten an die Sicherheitskräfte. Nachlässigkeiten der vergangenen Jahre haben den Verdacht erweckt, dass bei ihnen manches besser laufen könnte, womöglich gerade in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Zugleich ist festzuhalten, dass die Bilanz wohlmeinender Präventions- und Integrationsprojekte ebenfalls nicht makellos ist. An engagierten Appellen, an Aufklärungsangeboten und auch demonstrativer Verachtung rechten Denkens mangelt es nicht. Wohl aber an der Wirkung. Woran liegt das?

Täter streamte Anfahrt und Schüsse 

Noch eine Frage richtet sich nicht nur an den Täter, sondern auch an die Gesellschaft. Der Neonazi übertrug seine Taten live im Internet, in allen Details. Es ging ihm also nicht nur um möglichst spektakuläre Morde, sondern wie bereits in vergleichbaren Fällen der jüngsten Vergangenheit auch um die Selbstdarstellung in digitalen Medien. Ein Trend, der ebenfalls Gefahren birgt.

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