Redakteure berichten aus den Ortsverbänden SPD-Vorsitz: So ist die Stimmung an der Basis im Norden

Von Politikredaktion

Das Rennen um den SPD-Vorsitz scheint offen, ein klarer Favorit kristallisiert sich in einer Umfrage bei den Ortsverbänden nicht heraus. Foto: Imago Images/IPONDas Rennen um den SPD-Vorsitz scheint offen, ein klarer Favorit kristallisiert sich in einer Umfrage bei den Ortsverbänden nicht heraus. Foto: Imago Images/IPON

Osnabrück. Im Marathon um den SPD-Vorsitz ist die Zielgerade in Sicht. Die Tournee der Kandidaten-Duos endet am Samstag. Ab Montag stimmt die Parteibasis ab. Wer ist Favorit, wer chancenlos? Zehn Redakteure aus dem Verbreitungsgebiet unseres Verbundes sondieren die Stimmung im Norden.

Die Gespräche an der SPD-Basis ergaben kein Favoritentandem, so viel vorab. Dennoch lassen sie klare Einschätzungen zu. Es zeigt sich ein frappierendes Bild breiter Ratlosigkeit, außerhalb Niedersachens hat niemand Boris Pistorius auf dem Radar, und auch: Die Frauen sind in den Duos offenkundig nur Dekoration. Die Ergebnisse aus zehn Redaktionen:

Aurich: Kalt gelassen 

Das Rennen um den SPD-Vorsitz lässt die bröckelnde rote Hochburg Ostfriesland weitgehend kalt. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens: Euphorie entfacht kein Kandidat. Zweitens: Ein Lokalmatador fehlt. Am ehesten wird Boris Pistorius so wahrgenommen. Er ist auch der Favorit der Funktionäre. Unterbezirkschef Johann Saathoff wirbt für ihn. Die Stimme des Bundestagsabgeordneten hat Gewicht: In Ostfriesland ist Saathoff immens populär. 2017 holte er bei der Bundestagswahl fast 50 Prozent der Erststimmen, das bundesweit mit Abstand beste Ergebnis eines SPD-Bewerbers. Die stille Hoffnung ostfriesischer Genossen auf seine Kandidatur blieb unerfüllt. So werden wohl die meisten auf Pistorius setzen – oder auf Vizekanzler Olaf Scholz. Den kennen zumindest alle aus dem Fernsehen.

Stephan Schmidt, Ostfriesische Nachrichten


Delmenhorst: Einzige Chance? 

Scholz, Stegner, Schwan, Lauterbach – Namen, die nicht gerade für eine wirkliche Aufbruchsstimmung in der SPD stehen. Natürlich wäre man geneigt, aus rein lokalpatriotischer Sicht auf Boris Pistorius zu zählen. Doch ein Neuanfang mit neuen, unverbrauchten Gesichtern, dem kann man vielleicht sogar in der Heimat des bekannten Ministers etwas abgewinnen. Christina Kampmann und Michael Roth, die beiden wären solch ein – bislang zugegebenermaßen wenig bekanntes – Duo. Eine Parteispitze ohne Vorbelastung, ohne Fettnäpfchen und ohne Abnutzungserscheinungen, könnte sie nicht die einzige Chance der Sozialdemokraten sein?

Michael Korn, Delmenhorster Kreisblatt


Flensburg: Rückenwind von links 

Im Kreisverband Flensburg musste sich mancher Genosse nach dem überraschenden Rückzug Simone Langes neu sortieren. Stattdessen hat die Oberbürgermeisterin der Fördestadt dazu aufgerufen, das Duo Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken zu unterstützen. Viele Mitglieder der Flensburger SPD dürften der Empfehlung folgen. „Ein klarer Favorit lässt sich nicht benennen“, sagt gleichwohl SPD-Kreischef Justus Klebe. Bei der Regionalkonferenz in Neumünster hätten auch die Kandidatenpaare Stegner/Schwan, Pistorius/Köpping und Scholz/Geywitz punkten können. Dass sie dem Duo Walter-Borjans/Esken in Flensburg tatsächlich gefährlich werden können, ist jedoch unwahrscheinlich.

Julian Heldt, Flensburger Tageblatt


Hamburg: Klares Heimspiel 

Auf Hamburgs SPD-Mitglieder ist Verlass. Sie werden sich mehrheitlich für Olaf Scholz und die Frau an seiner Seite entscheiden. Sie, Klara Geywitz, spielt keine Rolle. Aber „ihrem Olaf“ fühlen sich die meisten SPD-Mitglieder verbunden und verpflichtet. War er es doch, der die SPD als Erster Bürgermeister in Hamburg zu alter Stärke geführt hat. Das vergisst man nicht. Gegenwind weht zwar sanft vom linken SPD-Flügel. Er lehnt die Fortsetzung der GroKo ab. Dennoch: Hamburg bleibt Olaf-Land. Auf Bundesebene mag es knapp werden. Aber an der Elbe kann es keinen Zweifel geben, dass er vorne liegt.

Barbara Glosemeyer, Hamburg-Korrespondentin


Nordhorn: Ein Wunschkandidat  

Gute Leute lässt man ungern ziehen. Aber wenn es dem großen Ganzen dient, dann schon: Für die Sozialdemokraten in der Grafschaft Bentheim ist Boris Pistorius der Wunschkandidat für den SPD-Bundesvorsitz. Vor allem von ihm, dem Niedersachsen und profilierten Landesminister, erwarten die Genossen die Kraft zur parteiinternen Einigung und Führungsstärke für die Zukunft. Pistorius, so heißt es, hat sich nicht als Groko-Fan beschädigt und wäre gut geeignet, die SPD in mögliche Neuwahlen zu führen – und gemeinsam mit der Sächsin Petra Köpping „gesamtdeutsch“ zu positionieren.

Guntram Dörr, Grafschafter Nachrichten

Die Redakteure haben bei der Umfrage das gesamte Verbreitungsgebiet unseres Medienhauses abgedeckt. Grafik: NOZ

Osnabrück: Blindes Vertrauen 

Boris Pistorius, wer denn sonst? Und Petra Köpping passt zu ihm wie die Farbe Rot zur SPD. Unter den Genossen in Pistorius‘ Heimatstadt Osnabrück gibt es keine zwei Meinungen, wer die SPD aus dem Schlamassel führen kann. Pistorius ist hier verwurzelt, hat als führungsstarker Oberbürgermeister (2006-2013) tiefe Spuren in der Stadt hinterlassen und erwarb sich auch außerhalb seiner Partei hohen Respekt. Seine Partnerin ist in der Friedensstadt zwar gänzlich unbekannt, aber die Genossen hier vertrauen ihrem Boris in dieser Personalie blind: Wenn er sie gut findet, dann passt das.

Wilfried Hinrichs, Neue Osnabrücker Zeitung


Prignitz: Gestalten, nicht verwalten 

Bei der brandenburgischen Vorstellungsrunde der SPD-Kandidaten erhielt das Duo aus Christina Kampmann und Michael Roth den stärksten Applaus. Aber sind sie die Favoriten im ganzen Land? Zumindest nicht unangefochten. Außer für sie sieht man auch Chancen für Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken. Klar ist: Das in Potsdam lebende Duo Olaf Scholz und Klara Geywitz hat keinen Heimvorteil. „Gerade die jüngeren Mitglieder suchen Menschen, die gestalten und nicht nur verwalten wollen“, heißt es in der Landes-SPD. Und gerade Geywitz habe sich in ihrer Zeit als Generalsekretärin der Brandenburger SPD auch Feinde gemacht.

Hanno Taufenbach, Der Prignitzer


Rostock: Zu wenig Profil? 

Es sei ein Novum, dass sich die Kandidaten regional vorgestellt haben, lobt der Rostocker SPD-Chef Julian Barlen. Die Diskussionen seien positiv und energiegeladen gewesen, aber: „Ich habe nicht das Gefühl, dass es klare Spitzenreiter gibt.“ Er rechnet mit einer Stichwahl. Stellvertreter Christian Reinke hätte sich „etwas profiliertere Kandidaten gewünscht“. Er wolle diejenigen wählen, die die „erzählbarste Story für das Wiederaufleben der SPD anbieten“ und beispielsweise „Steuersündern das Handwerk legen“. So stehe das Duo Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken hoch in seiner Gunst.

Katrin Zimmer, Norddeutsche Neueste Nachrichten


Schwerin: Richtiger Weg 

In Schwerin und Umgebung tun sich die SPD-Mitglieder mit einer Prognose schwer. Aber Stefan Sternberg, frisch gewählter Landrat in Ludwigslust-Parchim, sagt: „Viele Genossen finden wie ich, dass wir jetzt eine verlässliche, solide Führung brauchen, die nicht gleich beim ersten Gegenwind ausgehebelt wird.“ Wer dafür am besten geeignet ist, sei noch nicht absehbar. „Auf jeden Fall ist das Verfahren der Kandidatenvorstellung an der Basis gut und richtig.“ Ähnlich sagt es Christian Masch als Chef der SPD-Fraktion im Schweriner Stadtrat. „Dass unsere Partei hier neue Wege geht, kann nur gut sein.“ Wichtig ist ihm, „dass der neue Parteivorsitzende Strahlkraft nach außen und Führungsqualitäten innerhalb der Partei hat“.

Bert Schüttpelz, Schweriner Volkszeitung


Sylt: Kühles Nordlicht 

Bei den Sylter Genossen gibt es keine klaren Favoriten für den Parteivorsitz. Ralf Stegner genießt durchaus Sympathien, die Insulaner haben ihn als fähigen Landesvorsitzenden in Erinnerung. Aber die zweite Schleswig-Holsteinerin unter den Bewerbern, Nina Scheer, dürfte es mangels Bekanntheit schwer haben. Am Ende könnte ein Bewerber aus der ersten Berliner Riege vorne liegen – der „Scholzomat“. An der rauen Westküste zählt kühle Geradlinigkeit womöglich mehr als Charme. Ein Name fällt hier übrigens nie: Boris Pistorius.

Ralf Henningsen, Sylter Rundschau


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