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07.10.2019, 14:47 Uhr KOMMENTAR

USA räumen Nordsyrien: Abzug durch die Hintertür

Ein Kommentar von Maik Nolte


Nur noch eine Frage der Zeit bis zur Invasion: Türkische Artillerie nahe der Grenze zu Syrien. Foto: dpaNur noch eine Frage der Zeit bis zur Invasion: Türkische Artillerie nahe der Grenze zu Syrien. Foto: dpa

Osnabrück. Freie Bahn für Erdogan: Die USA geben der Türkei grünes Licht für eine Intervention im Norden Syriens. Dort werden Ankaras Truppen militärisch gegen die Kurden vorgehen, die bislang Verbündete der USA waren - und die von Trump nun einfach fallengelassen werden. Ein Kommentar.

Die Kurden haben ihre Schuldigkeit getan – die Kurden können nun sehen, wo sie bleiben: US-Präsident Donald Trump überlässt seine engsten Verbündeten im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ dem türkischen Militär. Sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan wartet schon lange auf die Gelegenheit, gegen die von Ankara als Sicherheitsrisiko betrachteten Kurdenmilizen vorzugehen – und sich bei dieser Gelegenheit auch gleich einer großen Zahl syrischer Flüchtlinge zu entledigen, die er jenseits der Grenze ansiedeln will. Erdogan mag für dieses Vorhaben sogar auf EU-Gelder hoffen – so zumindest lassen sich die jüngsten Äußerungen von Bundesinnenminister Horst Seehofer nach dessen Türkeibesuch lesen. 

Was folgt nun daraus? Trump will die US-Truppen ohnehin seit langem aus dem kriegszerrissenen Land abziehen – zu gewinnen gibt es in Syrien für ihn nichts. Mit dem Argument, dass nun immerhin ein Nato-Partner den Stab übernimmt, kann er diesen Plan wieder aufgreifen, sich langsam, aber sicher durch die Hintertür verabschieden und im kommenden Wahlkampf damit punkten. Erdogan wiederum wird sich mittelfristig eine Machtbasis im Nachbarland schaffen, die sich wohl nur auf dem Papier von einer Besatzung unterscheiden wird. Russland, an guten Beziehungen zur Türkei interessiert, wird es hinnehmen; die syrische Regierung hat im Norden ohnehin wenig zu melden. 

Und die Kurden? Stehen nun plötzlich wieder zwischen allen Fronten - zumal es fraglich ist, inwieweit die Dschihadisten tatsächlich besiegt sind. Die Kurden stehen vor der Wahl, sich gegen die türkische Armee zur Wehr zu setzen und zu bluten - oder zu fliehen. Vermutlich nach Europa, das sich seinerseits, wenn die Flüchtlingszahlen steigen, hilfesuchend an Erdogan wenden wird. 

Sicher ist nur eines: Ruhe wird in Syrien noch lange, sehr lange nicht einkehren.


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