Aufnahmeprüfungen an Unis? DIW-Bildungsexperte warnt vor Folgen der "Noteninflation"

Ein Schild mahnt zur Ruhe während einer Abiturprüfung in Hannover.  Foto: Julian Stratenschulte/dpaEin Schild mahnt zur Ruhe während einer Abiturprüfung in Hannover. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Osnabrück. Bildungsexperten warnen angesichts des immer größer werdenden Anteils von Einser-Abiturienten vor neuen Aufnahmeprüfungen an Hochschulen. Zugleich fordern sie Qualität statt Quantität in der schulischen Bildung.

Bildungsökonom Jan Marcus vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) sagte unserer Redaktion: „Die Abiturnote ist ein wichtiges Kriterium bei der Vergabe von Studienplätzen. Durch die Noteninflation wird hier die Aussagekraft der Abiturnote verwässert. Wenn die Abiturnote weiter an Aussagekraft verliert, wird es bald zusätzliche Hochschulaufnahme-Prüfungen geben, wie es sie schon in anderen Ländern gibt.“ Das werde für viel Stress bei den Schülerinnen und Schülern sorgen, da dann die Leistung an einem einzigen Tag über ihre Hochschulkarriere entscheide. 

Marcus bezeichnete die Entwicklung als „umso verwunderlicher, da immer mehr Mädchen und Jungen eines Geburtsjahrgangs Abitur machen – und nicht mehr nur die leistungsstärksten 10 oder 20 Prozent“. Trotzdem schließen immer mehr Schüler in Deutschland ihr Abitur mit einer Eins vor dem Komma ab. Hatte 2008 noch jeder fünfte Schulabsolvent (20,2 Prozent) einen Notenschnitt von mindestens 1,9, war es 2018 bereits mehr als jeder vierte (25,8 Prozent), wie eine Umfrage in allen 16 Bundesländern ergab.

Auch der Deutsche Hochschulverband (DHV) kritisierte die Entwicklung. "Wir sehen es mit Sorge, dass die Abiturnoten besser werden", sagte DHV-Sprecher Matthias Jaroch der "Rheinischen Post". Der "Noteninflation" müsse Einhalt geboten werden: "Qualität muss Vorrang vor Quantität haben." Schon heute fehlten den Studienanfängern häufig wichtige Grundkenntnisse, etwa in der Mathematik.

Die Daten der Länder zeigen nicht nur, dass die Zahl der Einser-Abiturienten zugenommen hat. Sie belegen auch, wie groß nach wie vor die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind. In Thüringen hatten vergangenes Jahr 37,9 Prozent der Abiturienten eine Eins vor dem Komma stehen. Bei Schlusslicht Schleswig-Holstein waren es zuletzt nur 17,3 Prozent.

Nach Thüringen auf Platz zwei des Rankings lag Sachsen mit 34,6 Prozent, gefolgt von Bayern (31,5 Prozent), Brandenburg (30,2 Prozent), Sachsen-Anhalt (29,9 Prozent), Mecklenburg-Vorpommern (28,9 Prozent), Bremen (27,4 Prozent), Berlin (26,4 Prozent), Hessen (27,2 Prozent), Hamburg (26,0 Prozent), Saarland (25,8 Prozent), NRW (24,3 Prozent), Baden-Württemberg (24,0 Prozent), Rheinland-Pfalz (22,5 Prozent) und  Niedersachsen (21,7 Prozent) und Schleswig-Holstein.   mit AFP 


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