Analyse: Südwest-Ministerpräsident will es nochmal wissen Kretschmann lässt seine Grünen aufatmen

Deutschlands einziger grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann will 2021 noch einmal antreten. Foto: Marijan Murat/dpaDeutschlands einziger grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann will 2021 noch einmal antreten. Foto: Marijan Murat/dpa

Stuttgart. Er macht es nochmal: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) will bei der Landtagswahl 2021 zum dritten Mal antreten. Die Grünen sind erleichtert – denn eine Alternative haben sie derzeit nicht.

Der erste grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann will 2021 zur dritten Amtszeit antreten. Was bedeutet das für die Grünen?

Zunächst einmal ein Durchatmen, zumal ein Nachfolger derzeit nicht in Sicht ist. Die Partei kann nun weiter auf das bewährte Zugpferd setzen, nachdem sich Kretschmann nach „inneren Kämpfen“ zum Weitermachen entschlossen hat. Der seit 2011 amtierende Regierungschef Baden-Württembergs ist nach wie vor sehr populär, gilt als beliebtester Ministerpräsident Deutschlands. Damit hat Kretschmann durchaus Chancen auf einen erneuten Wahlsieg 2021, zumal seine Herausforderin, CDU-Kultusministerin Susanne Eisenmann, aus dem eigenen Kabinett kommt.  

Was ist das Geheimnis seines Erfolgs?

Kretschmann hat es verstanden, die Grünen im Südwesten mit einem strikten Realokurs zur stärksten Kraft des Landes zu machen. 

Der konservative Schwabe spricht neben der Kernklientel der Grünen vor allem auch die bürgerliche Mitte im Land an. 

War die Erfolgsgeschichte absehbar?

Nein. Als Kretschmann 2011 unter dem Eindruck von Fukushima und des Streits um den Bahnhof Stuttgart 21 mit Grün-Rot überraschend an die Macht kam, glaubte vor allem die bis dahin dominierende CDU an einen Ausrutscher. Diese Zeiten sind vorbei: Seit der Wiederwahl Kretschmanns 2016 sind die Grünen stärkste Kraft im Südwesten, und die CDU ist Juniorpartner in einer grün-schwarzen Koalition.

Wird Kretschmann bei einem Wahlsieg bis 2026 regieren?

Wohl nicht. Die acht Jahre an der Regierung haben an ihm gezehrt. Der heute 71-Jährige könnte Beobachtern zufolge nach einiger Zeit an der Spitze an einen Nachfolger übergeben, der sich dann im Amt profilieren könnte. Dieser Nachfolger müsste aber erst einmal aufgebaut werden. 

Wer könnte Kretschmann beerben?

Cem Özdemir gilt vielen als idealer Kandidat. Sein Griff nach dem Grünen-Fraktionsvorsitz im Bundestag als Versuch, sich als Nachfolger zu profilieren. Der 53-jährige Gastarbeitersohn aus Bad Urach ist ebenso wie das Flüchtlingskind Kretschmann sowohl bekennender Schwabe als auch Realo. „Wir werden ihn noch brauchen“, sagte Kretschmann 2018 bei einem Grünen-Parteitag in Hannover in einer Laudatio über den damals scheidenden Parteichef Özdemir. 

Gibt es andere Bewerber?

Ein echter Kronprinz ist in Stuttgart nicht zu sehen. Auch einstige Aufsteiger sind wohl aus dem Rennen: Der selbstbewusste und streitbare Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer gilt parteiintern als nicht vermittelbar. Alexander Bonde, einst unglücklich aus der Regierung gerutschter Ex-Agrarminister und heutige Chef der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück, scheint im neuen Job zufrieden zu sein. In der Landespolitik werden noch Finanzministerin Edith Sitzmann und Fraktionschef Andreas Schwarz genannt – beide dürften aber wenig Chancen haben.

Was bedeutet der Antritt für die Bundespartei?

Wenig. Als Kretschmann 2011 an die Macht kam, war das eine Sensation und der knorrige Schwabe auch bundesweit das Gesicht grünen Erfolgs. Derzeit verkörpert aber das Spitzenduo Robert Habeck und Annalena Baerbock den aktuellen Höhenflug auf Bundesebene. Bundespolitische Ambitionen hat Kretschmann, der 2016 auch als möglicher Bundespräsident gehandelt wurde, nicht. 


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