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Eklat im Friedenssaal Die „rote Alwine“ trug zum Profil der Partei bei und kämpfte für Frauenrechte

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Osnabrück. Später wird man ihr nachsagen, dass sie eine Frau ist, die mit Leichtigkeit den richtigen Ton trifft. Als Alwine Wellmannein Gesangstudium in Osnabrück aufnimmt, ahnt sie davon wohl noch nichts. Sehr wahrscheinlich aber lernt sie in ihren Übungen, wie sie ihre Stimme gut und richtig einsetzen kann.

Alwine Wellmann, genannt die „rote Alwine“, hat zu ihren Lebzeiten der Osnabrücker SPD ein selbstbewusstes und streitbares Profil verliehen. Nicht ohne Grund wird sie in einem Jubiläumsband zum 125-jährigen Bestehen der SPD, der zum Jahrestag in Osnabrück erschien, großzügig porträtiert. Von 1924 bis 1933 gehörte sie dem Preußischen Landtag für den Wahlbereich Osnabrück-Aurich an. Mehrere Jahre vertrat sie die Osnabrücker SPD im Stadtrat. Lang ist das her.

Alwine Wellmann, Buchhalterin, Sängerin und glühende Genossin, engagierte sich schon früh in der Frauenbewegung, stellte 1925 im Preußischen Landtag etwa den Antrag, den Internationalen Frauentag wieder zu begehen. Nach dem Ersten Weltkrieg und vor allem wegen der Einführung des Frauenwahlrechts musste sich der Frauentag in der Weimarer Republik neu formieren. Wellmann setzte sich dafür ein, weil sie überzeugt war, dass der Tag Frauen zu mehr Rechten verhilft. Für Gerechtigkeit stritt sie ihr Leben lang. Und für ihre sozialdemokratische Überzeugung scheute sie keine Gefahr.

Wir schreiben das Jahr 1933. Alwine Wellmann, 42 Jahre alt, sitzt mit ihren – ausschließlich männlichen – Genossen im Osnabrücker Stadtrat und wagt das Unerhörte: Sie weigert sich, den Hitlergruß zu sprechen. Die Nationalsozialisten wollen die Mitglieder der Ratsfraktionen dazu zwingen, „Sieg Heil“ zu rufen. Fast alle Parteien willigen ein.

Doch die „rote Alwine“ meldet sich für ihre elfköpfige Fraktion zu Wort. Für die Sozialdemokraten hat sie bereits einige Monate zuvor ihre Stimme erhoben: Am 4. September 1932 tritt sie in Enschede bei einer antifaschistischen Demonstration deutscher und niederländischer Sozialdemokraten vor 13000 Teilnehmern auf.

Auch im Stadtrat findet sie nun klare Worte: „Die SPD-Fraktion kann sich nicht an einem ‚Sieg Heil‘ auf die Stadt Osnabrück, sehr wohl aber an einem ‚Hoch‘ auf Osnabrück beteiligen“, sagt sie. Niemand könne von der Sozialdemokratie verlangen, ihre Ehre aufzugeben. „Das sollte auch die NSDAP verstehen, die Ehre und Sauberkeit angeblich so hoch schätzt.“

Vielleicht sind am 12. April 1933, als Wellmann den Nationalsozialisten in aller Öffentlichkeit die Stirn bietet, zu viele SA-Männer im Osnabrücker Friedenssaal anwesend. Grimmig werden sie an den hakenkreuzbeflaggten Wänden gelehnt haben. Es ist jedenfalls Wellmanns letzte Wortmeldung im Stadtrat. Die Politikerin muss fliehen. Im Mai 1933 erreicht sie Bulgarien, wo sie eine Scheinehe eingeht, damit sie im Land bleiben kann. In Deutschland lauert Gefährliches.

„Alwine Wellmann ist in doppelter Hinsicht ein zeitloses Beispiel für Zivilcourage“, sagt der Osnabrücker SPD-Fraktionsgeschäftsführer Heiko Schulze unserer Zeitung. Der Sozialdemokrat hat die Geschichte seiner Partei in Osnabrück erforscht. Als Frau habe Wellmann sich mutig in einer fast reinen Männerwelt behauptet und sei die erste überregionale Mandatsträgerin der Osnabrücker SPD gewesen, so Schulze. „Zudem gehörte sie zu den ersten hier lebenden Menschen, die die tiefe Menschenverachtung des Nationalsozialismus durchschauten und dies auch mutig und öffentlich erklärten.“

Drei Jahre nach Kriegsende kehrt die „Rote Alwine“ in ihre Heimat zurück. Sie beteiligt sich am Wiederaufbau der Osnabrücker SPD und Arbeiterwohlfahrt. Von 1950 bis 1956 ist sie Dezernentin für politisch Verfolgte im Wiedergutmachungsdezernat der Osnabrücker Regierung. Sie macht damit ihre eigene Vergangenheit zum beruflichen Thema.

1966, mit 75 Jahren, stirbt Alwine Wellmann, auch genannt die „rote Alwine“.


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