Hongkong-Aktivist Wong in Berlin "Ich atme hier den Duft der Freiheit"

Hongkong-Aktivist Joshua Wong im Blitzlichtgewitter der Hauptstadt-Presse 
Foto: Janine Schmitz/Imago ImagesHongkong-Aktivist Joshua Wong im Blitzlichtgewitter der Hauptstadt-Presse Foto: Janine Schmitz/Imago Images

Berlin. Dutzende Kamerateams, heftiges Blitzlichtgewitter: Auf dem Podium der Bundespressekonferenz hat Joshua Wong Platz genommen, das Gesicht der Hongkonger Protestbewegung. "Hongkong ist das neue Berlin, das Schlachtfeld an der Front des neuen Kalten Krieges", sagt der 22-Jährige.

Weißes Hemd, ein graues Jacket um die schmalen Schultern, kühle Mimik, scharfe Analyse: Wong nutzt die Bühne für eindringliche Appelle an die Bundesregierung und ganz Europa. "Wenn China Panzer schickt und in Hongkong mit Notstandsgesetzen regiert wird, wird Hongkong zum Polizeistaat." Dann stehe auch der Status als autonom regiertes globales Finanzzentrum auf der Kippe. 

Berlin und Brüssel dürften "nicht die Augen vor den Menschenrechtsverletzungen verschließen", verlangt er. "Es ist Zeit, dem freien Hongkong beizustehen und die Polizeigewalt zu verurteilen!" Konkret fordert er, dass Europäer und USA keine Gummigeschosse und Wasserwerfer mehr an Hongkongs Bereitschaftspolizei lieferten, der er "exzessive Gewalt" vorwirft.

Schon als 17-Jähriger legte sich Wong mit Peking an, 2014 gehörte er zu den Mitorganisatoren der "Regenschirm"-Proteste für mehr Demokratie in der chinesischen Sonderverwaltungszone. Vor zwei Jahren wurde er zu einer mehrmonatigen Gefängnisstrafe verurteilte. Für Chinas Machthaber ist Wong ein Staatsfeind und Verräter. 

Hongkongs Demokratie-Aktivist Joshua Wong (rechts) und seine Mitstreiterin Glacier Kwong am Mittwoch vor der Hauptstadtpresse. Foto: Michele Tantussi / AFP

Dass Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) den Aktivisten am Montagabend direkt nach der Landung in Berlin traf, sorgte für wütende Reaktionen. Am Mittwoch machte die chinesische Botschaft in Berlin ihrem Ärger auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz abermals Luft.

Mit seinem Einsatz für freie Wahlen und Demokratie bringt Wong sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in die Bredouille. Anders als Außenminister Maas war die Regierungschefin nicht zu einer Begegnung mit dem jungen Aktivisten bereit, was ihr FDP-Chef Christian Lindner am Mittwoch im Bundestag heftig unter die Nase rieb. "Ich bedauere, dass Sie bisher die Chance versäumt haben, den Oppositionellen zu treffen."

Verärgerte mit seinem Treffen mit Wong in Berlin die chinesische Regierung: Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) Foto: Xander Heinl / Imago Images

Wong selbst sagte: "Ich hoffe, das nächste Mal, wenn ich nach Deutschland komme, werde ich die Möglichkeit haben, mit Angela Merkel oder einem Verantwortlichen aus dem Kanzleramt zu sprechen." So blieb es bei Maas und mehreren Bundestagsabgeordneten. Am Freitag geht es weiter in die USA, wo Wong unter anderem mit Kongressabgeordneten sprechen will.

Schier aussichtsloser Kampf gegen Pekings Machthaber

An Selbstbewusstsein mangelt es dem jungen Mann nicht - trotz des schier aussichtslosen Kampfes. Zwar hat die Verwaltungschefin von Hongkong ein umstrittenes Auslieferungsgesetz zurückgezogen. Aber dass Peking in seiner Sonderverwaltungszone wirklich freie Wahlen zulassen und sich von den Demokratie-Demonstranten in die Knie zwingen lassen würde, erscheint abwegig. Auch die Forderung Wongs, die EU möge ihre Handelsbeziehungen zum Reich der Mitte davon abhängig machen, dass Peking seine Bürger nicht länger unterdrücke, dürfte ein frommer Wunsch bleiben.

Aber Wong kämpft: Vor 30 Jahren sei die Berliner Mauer gefallen, auch damit habe niemand gerechnet, sagte er. "Jetzt hoffen wir, dass die große Firewall in China fällt." Und Berlin sei für ihn ein besonderer Ort. "Ich atme hier den Duft der Freiheit, statt das aggressive Tränengas in Hongkong."


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