USA Wird eine US-Demokratin Trump bei der Präsidentschaftswahl Paroli bieten?

Kennt keine Berührungsängste: Senatorin Kamala Harris macht ein Selfi mit einer Gewerkschaftsvertreterin. Foto: Robyn Beck/AFPKennt keine Berührungsängste: Senatorin Kamala Harris macht ein Selfi mit einer Gewerkschaftsvertreterin. Foto: Robyn Beck/AFP

Osnabrück. Langsam lichtet sich das Feld der Bewerber bei den US-Demokraten für die Präsidentschaftskandidatur. An diesem Freitag stellen sich nur noch zehn von ihnen in Houston, Texas, der dritten TV-Debatte. Vier scheinen sich für den Endspurt herauszukristallisieren.

Man müsse wissen, wann der beste Zeitpunkt für den Rückzug sei, sagte die jüngst aus dem Rennen ausgestiegene Senatorin Kirsten Gillibrand. Nun wolle sie alles dafür tun, die Demokraten zu vereinen.

Von ursprünglich mehr als zwei Dutzend Kandidaten bei den US-Demokraten haben inzwischen sechs das Handtuch geworfen. Weitere zehn sind in den Umfragen zu weit abgeschlagen und haben nicht genügend Spendengelder einsammeln können, um die Kriterien für das Live-Aufeinandertreffen im Fernsehsender ABC zu erfüllen – sie werden das Rennen wohl bald aufgeben. 

An diesem Freitag vor laufenden ABC-Kameras mit dabei sind nun unter anderem jene vier Best-Platzierten, die seit Wochen die Umfragen anführen: Ex-US-Vizepräsident Joe Biden sowie die Senatoren Bernie Sanders, Elizabeth Warren und Kamala Harris. Damit treffen erstmals alle Schwergewichte der Demokraten mit Aussichten auf eine Präsidentschaftskandidatur bei einer Debatte aufeinander. 

Wer sind sie? Wofür stehen sie?

Haben sie das Zeug, den amtierenden Präsidenten Donald Trump bei der Wahl im November 2020 aus dem Amt zu stoßen? Muss er sich Sorgen um seine Wiederwahl machen, angesichts des demokratischen Personaltableaus?

"Umfragen verdeutlichen, dass die den Demokraten nahe stehenden Wählerinnen und Wähler weniger an den jeweiligen Themenpositionierungen der Kandidaten, sondern vielmehr daran interessiert sind, Trump loszuwerden", sagt Josef Braml, US-Experte bei der Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Dementsprechend wären die Protagonisten im Lager der Demokraten gut beraten, weniger aufeinander loszugehen. "Anstatt Trump damit weitere Munition für den Hauptwahlkampf zu liefern", so Braml, "sollten sie ihn ins Visier nehmen".

Noch aber ist der Wettbewerb der Demokraten um die Präsidentschaftskandidatur vor allem eins: ein Flügelstreit. So gilt Joe Biden als Vertreter des Establishments. Er selbst glaubt, er habe die größten Chancen aller Bewerber auf den Sieg über Trump, bislang liegt er in Umfragen mit zuletzt 29,8 Prozent vorn. Kritikern gilt er als zu alt und nicht mehr robust genug, manche sagen, er werde zunehmend tattrig. Versprecher und verbale Ausrutscher haben mehrfach für Schlagzeilen gesorgt.

Liegt in den Umfragen vorn: Joe Biden (76). Kritikern gilt er als zu tattrig. Foto:Scott Eisen/Getty Images/AFP

Der Ex-Vizepräsident setzt vor allem darauf, Wähler der weißen Arbeiterschaft für sich zu gewinnen – und damit ausgerechnet in jener Wählergruppe wildern zu können, die Trump bewundert. 

Die linksgerichteten Bewerber Sanders und Warren setzen indes auf deutlich schärfere Opposition gegen Trump. 

Besonders die 70-jährige Elizabeth Warren befand sich zuletzt im Aufwind. So legte sie in Umfragen auf inzwischen 18 Prozent zu und an zwei ihrer jüngsten Wahlkampfauftritte nahmen jeweils mehr als 10000 Menschen teil. Die ehemalige Harvard-Professorin hat Vorschläge etwa für die Besteuerung von Superreichen und den sozialen Wohnungsbau im Programm.

Vertreterin des linken Parteiflügels: Elizabeth Warren (70). Foto: Bob Daemmrich/Imago Images

Der 77-Jährige Benie Sanders kann sich weiter auf eine geradezu enthusiastische Anhängerschaft vor allem junger Leute stützen. Kernpunkte von Sanders dezidiert linker Agenda sind eine allgemeine Krankenversicherung, ein gesetzlicher Mindestlohn, höhere Spitzensteuersätze sowie mehr Engagement beim Klimaschutz. Bei den Vorwahlen der Demokraten zur Präsidentschaftswahl 2016 unterlag er nach einem lange offenen Rennen der damaligen Kontrahentin Hillary Clinton.

Gibt gern den Aggressiven: Bernie Sanders (77). Er hat eine treue Anhängerschaft unter linken, jungen Leuten. Foto: Michael Ciaglo/Getty Images/AFP

Könnte Kamala Harris also die Kandidaten sein, die zwischen den Extremen reüssiert? Als Frau und Farbige in mittlerem Alter von 54 Jahren wäre sie zweifelsohne diejenige, die sich am schärfsten vom amtierenden Mann im Weißen Haus abheben würde. Das kann ein Vorteil sein – und ein Nachteil. 

Die Tochter eines Jamaikaners und einer Inderin stünde als Kandidatin für das multikulturelle Amerika. Ihre berufliche Laufbahn startete Harris als Staatsanwältin bevor sie schließlich Generalstaatsanwältin und Justizministerin in Kalifornien wurde. Sie gilt als durchsetzungsstark und nimmt kein Blatt vor den Mund. Gegen Mitbewerber Joe Biden teilte sie heftig aus, weil er mit Politikern zusammengearbeitet habe, die dereinst für Rassentrennung eintraten.

Harris unterstützt Frauenrechte, will striktere Waffengesetze durchsetzen und tritt für Steuerentlastung der Mittelschichts ein.Sie will eine Krankenversicherung für alle Amerikaner, keine Studiengebühren für Familien mit geringem Einkommen und  einen Green New Deal für mehr Klimaschutz. „Bei dieser Wahl geht es um dich, deine Hoffnungen, deine Träume, deine Ängste und was dich um 3 Uhr morgens aufweckt", schrieb sie jüngst via Twitter ans Wahlvolk: "Das ist es, was mich interessiert und wofür ich kämpfe“. 

Verkörpert das multikulturelle Amerika, das US-Präsident Trump so gern verpönt: Kamala Harris (54). Foto: Scott Eisen/Getty Images/AFP

Ein bisschen Zeit hat die Basis noch, um sich für einen Herausforderer zu entscheiden, der Trump Paroli bietet. Die Vorwahlen zur Bestimmung der Präsidentschaftskandidaten beginnen Anfang Februar in Iowa und ziehen sich bis Juni 2020 hin. Offiziell küren die Demokraten ihren Spitzenkandidaten dann bei einem Parteitag Mitte Juli. 


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