Comeback in der Fraktion? Özdemirs Coup macht die Grünen nervös

Sprint an die Spitze? Cem Özdemir, Abgeordneter im Bundestag und dort Vorsitzender im Verkehrsausschuss,  kandidiert für die Fraktionsführung. Foto:dpaSprint an die Spitze? Cem Özdemir, Abgeordneter im Bundestag und dort Vorsitzender im Verkehrsausschuss, kandidiert für die Fraktionsführung. Foto:dpa

Berlin. Cem Özdemirs Ankündigung, für den Fraktionsvorsitz zu kandidieren, versetzt die Grünen in Aufruhr. Der populäre Schwabe – er war 1994 der erste Grünen-Bundestagsabgeordnete mit türkischen Wurzeln – holt sich die Bremerin Kirsten Kappert-Gonther an die Seite. So will er den linken Parteiflügel einbinden. Ob das klappt?

Den Partei-Linken passt dieser Schachzug gar nicht. Aber sie schweigen. Dabei hat der Alt-Linke Jürgen Trittin aus seiner Abneigung gegen den Realo Özdemir nie einen Hehl gemacht. Jetzt will Trittin einer Zusammenkunft des linken Flügels nicht vorgreifen. Der ist auch sauer, weil die einem breiten Publikum wenig bekannte Kirsten Kappert-Gonther die eigenen Leute mit ihrer Blitz-Kandidatur überrascht haben soll.  

Die Ärztin, am 3. November 1966 in Marburg geboren, ist seit zwei Jahren im Bundestag, vorher war sie stellvertretende Fraktionsvorsitzende in der Bremischen Bürgerschaft. Sie hat die Bildung einer rot-rot-grünen Koalition im Stadtstaat Bremen mit ausgehandelt, sieht dieses Bündnis dem Vernehmen nach aber nicht zwangsläufig als Blaupause für den Bund.

Bundespolitisch ist Kappert-Gonther bislang weitgehend unbekannt. Sie ist Sprecherin für Drogenpolitik und Gesundheitsförderung, gilt als fachpolitisch kompetent und durchaus ambitioniert. Dass sie sich zu diesem frühen Zeitpunkt ihrer Bundestagskarriere bereits den Sprung an die Fraktionsspitze zutraut, wird aber von den einen mit Bedenken gesehen, von anderen für naiv gehalten.

Nur Formsache?

Fakt ist: Özdemirs angekündigter Machtkampf könnte den schönen Schwung und die Harmonie bei den Ökos stören. Die Grünen schienen sehr mit sich im Reinen zu sein, die guten Umfragewerte und die weitgehend konfliktfreie Zusammenarbeit vor der Sommerpause bestärkte die 67 Abgeordneten in einer wohligen Zufriedenheit, die jetzt schwinden könnte.

Eigentlich, so glaubten viele, sei die am 26. September anstehende Wahl des Fraktionsvorstands beinah eine Formalie: Die bisherigen Fraktionschefs Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter galten als gesetzt. Gegenkandidaten seien nicht in Sicht, hieß es noch vor wenigen Wochen aus der Fraktion.

Doch Begeisterung für das Duo war eben auch nicht zu spüren. Im Gegenteil: Die beiden erhielten schon bei der letzten Vorstandswahl einen Dämpfer. Göring-Eckardt bekam 42 von 63 abgegebenen Stimmen und damit 67,7 Prozent, Hofreiter 41 Stimmen, die 66,1 Prozent entsprechen. Gegenkandidaten gab es damals nicht.

Bekannt und beliebt

Genau hier stößt Özdemir hinein. Er will offenbar den Wettbewerb, die Auswahl – und nicht wie andere in der Fraktion mauern. Tatsache ist: Özdemir hat Qualitäten, die Göring-Eckardt und Hofreiter gefährlich werden könnten: Er ist rhetorisch begabt, bekannt und beliebt. Er war zehn Jahre Parteivorsitzender, diesen Posten hat er nach den gescheiterten Jamaika-Sondierungen im Januar 2018 freiwillig geräumt. Dabei war er schon – unwidersprochen – als Außenminister gehandelt worden. „Er hat sich verzockt“, kommentierte eine linke Grüne damals den Abgang des 53-Jährigen in die zweite Reihe. Ohne die streitbare Ärztin aus Bremen an seiner Seite hätte das „Alphatier“ der Grünen wohl auch kaum Chancen auf ein Comeback.

Ob die beiden Erfolg haben können, scheint erst mal offen. Wer bei der nächsten Bundestagswahl an der Fraktionsspitze steht, hat zugleich eine Pole-Position im Rennen um mögliche Ministerämter. Die Wahl ist also wichtig, zumal Özdemir immer auch als Nachfolger von Winfried Kretschmann im Amt des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg gehandelt wird. Die überaus beliebten Parteichefs Robert Habeck und Annalena Baerbock sollen sich jedenfalls nicht herausgefordert fühlen: „Wir streben keine Spitzenkandidatur im nächsten Bundestagswahlkampf an“, schreiben Özdemir und Kappert-Gonther in ihrem Bewerbungsbrief. Aber gleichziehen mit dem erfolgreichen Führungsduo der Partei wollen die zwei – das scheint sicher.


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