"Nicht nur Rentnerverband" Sozialverband VdK knackt die Zwei-Millionen-Mitglieder-Marke

"Wir sind eine starke Lobby": VdK-Präsidentin Verena Bentele beim Startschuss für die Kampagne #rentefüralle. Foto: Henning Schacht/Sozialverband VdK Deutschland e.V./obs |"Wir sind eine starke Lobby": VdK-Präsidentin Verena Bentele beim Startschuss für die Kampagne #rentefüralle. Foto: Henning Schacht/Sozialverband VdK Deutschland e.V./obs |

Osnabrück. Eine Reihe wichtiger Parteien und Gewerkschaften hat über die Jahre viele Mitglieder verloren - der Sozialverband VdK Deutschland dagegen wird immer stärker. Gerade hat er die Zwei-Millionen-Mitglieder-Marke geknackt. "Grund dafür ist, dass wir als starke Lobby für viele gute Gesetze mit verantwortlich sind", so VdK-Präsidentin Verena Bentele im Interview mit unserer Redaktion. Bentele schlägt zugleich einen Bogen vom VdK, der bei Weitem nicht nur ein Rentnerverband sei, zu Protestbewegungen wie Fridays for Future.

VdK-Präsidentin Bentele findet es "generell  toll, dass immer mehr Menschen jeder Altersstufe sich für sozialpolitische und gesellschaftliche Themen interessieren: "Das Bewusstsein für Missstände und Ungerechtigkeiten wächst stetig – vor allem auch bei den Jungen." Und sie betont: "Inzwischen werden viele Menschen bei uns Mitglied, einfach weil sie unsere sozialpolitische Interessensvertretung unterstützen ohne dass sie den Bedarf für eine Rechtsberatung haben." Das Interview im Wortlaut:

Frau Bentele, der Sozialverband VdK engagiert sich seit Langem für die Einführung der Grundrente. Nun kommt noch einmal fundamentale Kritik. Das ifo Institut kritisiert, die Grundrente sei ungeeignet zur Bekämpfung von Altersarmut. Sind der VdK und der Arbeitsminister also auf dem Holzweg?  

Nein, die Grundrente ist ein bedeutender Baustein bei der Bekämpfung von Altersarmut, denn sie wird viele Menschen erreichen. Insbesondere wird sie denjenigen zu Gute kommen, die niemals zum Sozialamt gehen würden, weil ihre Renten nicht zum Leben reichen. Die Menschen empfinden es als wahnsinnig beschämend, nach jahrzehntelanger Arbeit und Unabhängigkeit von staatlichen Leistungen im Alter auf „Stütze“ angewiesen zu sein. Schätzungen gehen davon aus, dass 70 Prozent der Älteren keine Sozialleistungen beantragen, obwohl sie einen Anspruch darauf hätten. Diese „versteckt Armen“ würde man durch eine automatische Auszahlung der Grundrente unmittelbar erreichen.

Das ifo Institut spricht von einer Mogelpackung und moniert, es werde nur eine kleine Gruppe von Arbeitnehmern bessergestellt, die 35 Grundrentenjahre vorweisen könnten…

Die Berechnungen des Arbeitsministeriums gehen von 2,9 Millionen Berechtigten aus, das sind ja nicht wenige Leute. Der Begriff der Mogelpackung ist hier wohl nicht ganz passend.

Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Auch um die Bedürftigkeitsprüfung wird weiter gestritten. Arbeitsminister Hubertus Heil zeigt sich jetzt kompromissbereit. Sie auch?

Für uns ist und bleibt die Bedürftigkeitsprüfung der falsche Weg. Sie führt das Konzept der Grundrente ad absurdum. Schließlich geht es hier um die Anerkennung der Lebensleistung. Das ist vergleichbar mit der Mütterrente. Auch hier wurde richtigerweise nicht am Prinzip der Rentenversicherung gerüttelt, die keine Bedürftigkeitsprüfung kennt. Diese Prüfung gehört zum System der Grundsicherung. Hier muss es einen deutlichen Unterschied geben.

Und was ist mit den Bedürftigen, die keine 35 Rentenbeitragsjahre vorweisen können?

Diese Menschen sind weiterhin auf die Grundsicherung im Alter angewiesen. Ergänzend zur Grundrente fordert der VdK unter anderem eine Neuberechnung und Erhöhung der Grundsicherungsregelsätze, bei denen auch die erhöhten Bedarfe der Älteren für Gesundheit, Mieten und Mobilität einfließen.

Wie stark bewegt das Rententhema aktuell die Menschen? Wie ist die Resonanz auf ihre Kampagne #rentefüralle?

Sehr gut, die weitreichenden VdK-Forderungen kommen an: Dazu gehört etwa die Einführung einer Erwerbstätigenversicherung, in die alle ohne Ausnahme einzahlen sollen. Und dazu gehört die Forderung nach mehr Umverteilung, etwa indem wir die Vermögenssteuer wieder einführen, auch um damit Leistungen für Rentenbezieher zu finanzieren. Vielen Menschen fehlt aktuell das Vertrauen in die gesetzliche Rentenversicherung. Sie unterstützen den VdK, weil er sich für ein gerechtes und zukunftsfähiges Rentensystem einsetzt, das allen zugutekommt, siehe auch die Grundrente.

Welche weiteren Themen stehen in den VdK-Beratungsstellen im Vordergrund?

Der VdK berät rund um die Themen Rente, Gesundheit, Behinderung und Pflege. Die Menschen, die in unsere Beratungsstellen kommen, haben oft nicht die Kraft selbst zu kämpfen. Dann sind sie bei uns gut aufgehoben - etwa, wenn es um dringend benötigte Hilfsmittel wie Rollstühle, Prothesen oder Hörgeräte geht. Andere brauchen Hilfe bei der Anerkennung eines höheren Pflegegrads, damit sie die notwendige Unterstützung erhalten.

Schlägt sich das starke Interesse an den Themen und Positionen ihres Verbandes auch in den Mitgliederzahlen nieder?

Der VdK ist weiter auf Erfolgskurs: Wir haben gerade die 2-Millionen-Mitglieder-Marke geknackt. Seit 1990 haben wir unsere Mitgliederzahlen verdoppelt. In allen Landesverbänden können wir beachtliche Zuwächse verzeichnen. Das zeigt: Das Vertrauen vieler Menschen in unsere Arbeit ist groß. Grund dafür ist, dass wir als starke Lobby für viele gute Gesetze mit verantwortlich sind. Von guten Gesetzen allein hat noch niemand etwas. Deshalb helfen in ganz Deutschland über tausend unserer Rechtsberater und Prozessvertreter dabei, dass unsere Mitglieder die richtigen Anträge bei Behörden stellen, um zu ihrem Recht zu kommen. Wenn das nicht reicht, klagen wir vor den Sozialgerichten, wenn es sein muss bis zum Bundessozialgericht oder zum Bundesverfassungsgericht.

Der VdK hatte lange Zeit das Image eines leicht angestaubten Rentnerverbandes. Wie würden Sie sich heute beschreiben?

Der VdK ist bei Weitem nicht nur ein „Rentnerverband“. Das Durchschnittsalter unserer Neumitglieder sinkt seit Jahren. Es liegt aktuell bei 55 Jahren. Inzwischen werden viele Menschen bei uns Mitglied, einfach weil sie unsere sozialpolitische Interessensvertretung unterstützen ohne dass sie den Bedarf für eine Rechtsberatung haben. Generell ist es toll, dass immer mehr Menschen jeder Altersstufe sich für sozialpolitische und gesellschaftliche Themen interessieren – das sieht man ja auch an Bewegungen wie Fridays for Future, FairWandel oder Unteilbar. Das Bewusstsein für Missstände und Ungerechtigkeiten wächst stetig – vor allem auch bei den Jungen.

Wie reagieren Sie darauf?

Wir sind und bleiben diejenigen, die die ungerechte Verteilung von Ressourcen, die Ängste und Sorgen der Menschen thematisieren. Dabei haben wir feste Ziele im Blick: Niemand soll in Armut leben müssen. Rente muss gerecht sein und zum Leben reichen. Wer krank ist, muss die bestmögliche Versorgung erhalten. Wer eine Behinderung hat, darf nicht benachteiligt werden. Wir stehen für eine gerechte, inklusive und solidarische Gesellschaft. Die mehr als zwei Millionen Menschen, die als Mitglieder ihr Vertrauen in uns setzen, zeigen uns: Das ist der richtige Weg.


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