Kampf gegen den Klimawandel Warum die FDP einen umstrittenen Klima-"Profi" zur Klausur einlud

Björn Lomborg in Grönland.
Foto: Roland MathiassonBjörn Lomborg in Grönland. Foto: Roland Mathiasson

Potsdam. Mit seinem Tweet, Klimaschutz sei Sache der "Profis", hat FDP-Chef Christian Lindner die demonstrierenden Schüler kräftig vor den Kopf gestoßen. Das hat die Haushälter der Liberalen-Bundestagsfraktion nicht davon abgehalten, Björn Lomborg zu ihrer Klausur nach Potsdam einfliegen zu lassen.

Der dänische Wissenschaftler ist ein umstrittener "Klima-Profi": Er hält nichts vom Pariser Abkommen und betrachtet die politischen Bemühungen zur CO2-Reduzierung als ziemlich sinnlos. In der Fridays-for-Future-Bewegung sorgt das für neues Kopfschütteln über die FDP. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. 

Als Lomborg am Mittwoch seinen Vortrag vor den FDP-Haushalts- und Finanzexperten in der Friedrich-Naumann-Stiftung am Ufer des Griebnitzsees beendet, dringt kräftiges Klopfen aus dem Saal. Wenig später nimmt er Platz zum Interview.

"Die Erderwärmung ist ein echtes Problem", sagt er. "Aber es wird häufig gewaltig übertrieben, als wäre der Weltuntergang nah. Die Kosten würden sich bis Ende des Jahrhunderts auf 4 Prozent der Wirtschaftskraft belaufen. Das ist definitiv nicht das Ende der Welt!"

Also alles halb so schlimm? Da mag der Amazonas brennen, Deutschlands Wälder verdorren und der Weltklimarat vor einem bald unbeherrschbaren Temperaturanstieg warnen: Lomborg beklagt Panikmache und fordert, einen kühlen Kopf zu bewahren.

"Climate alarmism is the easy way"

Noch nie sei in der Geschichte ein Problem durch Verbote gelöst worden, sagt er. Er nennt die Beinahe-Ausrottung der Wale im 19. Jahrhundert als Beispiel, weil deren Fett Europa und die USA zum Leuchten gebracht habe. "Hätte man darauf gesetzt, die Menschen zu bitten, ein bisschen mehr im Dunkeln zu leben, wären die Wale heute ausgestorben."

Geholfen habe die Entdeckung von Erdöl, viel billiger und effizienter als Wal-Fett. Die Botschaft: "Wir müssen auf Technik setzen statt auf moralische Lektionen. Wir müssen die Investitionen in Forschung und die Entwicklung grüner Energie dramatisch hochfahren."

Hier trifft er sich ganz gut mit der FDP. Vize-Fraktionschef Christian Dürr hat Lomborg eingeladen. "Wird der Kohleausstieg den Klimawandel aufhalten? Haben Subventionen in Erneuerbare Energien den CO2-Ausstoß gesenkt? Nein, das hat 30 Jahre lang nicht funktioniert", sagt Dürr. "Also wollen wir weiter in die falsche Richtung laufen oder den Kurs ändern? Die Antwort lautet Technologie. Hier sind wir mit Björn Lomborg auf einer Linie."

Gäbe es da nur nicht eine ziemlich große Leerstelle in Lomborgs Ansatz. Denn was, wenn Forschung und Innovationen nicht die Wunderlösung bringen? "Ich kann nicht garantieren, dass wir eine Technologie finden", räumt er ein. Die Geschichte zeige aber, dass die Chancen dafür "sehr gut" seien.

"Wir wollen schlauer werden." FDP-Vizefraktionschef Christian Dürr Foto: Silas Stein

Die jungen Klima-Aktivisten macht diese Einstellung wütend. Lomborg habe sich nicht nur unterstützend zu Trumps Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen geäußert, sondern die Folgen der Klimakrise wiederholt heruntergespielt und erkenne das massive Potenzial erneuerbarer Energien für den Klimaschutz nicht an, sagt Philipp Witte, ein Sprecher von Fridays For Future Deutschland . "Das Agieren der FDP betrachte ich als verpasste Chance, von anerkannten Klimawissenschaftlern die Notwendigkeit des Klimaschutzes zu erfahren. Es wird die FDP auf dem Weg zum 1,5-Grad-Ziel kein Stück weiter bringen."

Eine verpasste Chance? Das weist Dürr energisch zurück und kann an der Einladung an Lomborg auch nichts Heikles erkennen. "Über Paris kann man streiten, aber es ist ein politisches Commitment, das wir einhalten sollten", grenzt er sich von dem dänischen Gast ab.

Fridays-for-Future-Aktivisten in Osnabrück Foto: Swaantje Hehmann

Sich allein auf Investitionen zu verlassen, wie Lomborg es fordert, das trauen sich auch die Liberalen nicht. "Die FDP will einen harten CO2-Deckel einführen, der begrenzt, was wir noch ausstoßen dürfen", erklärt Dürr. Und er wischt den Vorwurf beiseite, die FDP wolle den Klimaschutz nach Europa und damit auf die lange Bank schieben: "Wenn die Europäer nicht mitmachen, müssen wir im nationalen Alleingang den Verkehrs- und Gebäudesektor in den Emissionshandel einbeziehen."

Die Bereitschaft zu einem nationalen CO2-Deckel lässt erkennen, dass sich auch die Liberalen in Sachen Klimaschutz deutlich bewegen. Die Hochnäsigkeit gegenüber den jungen Demonstranten, die in Lindners "Profi"-Tweet durchschimmerte, scheint verschwunden. In der Einladung an Lomborg eine Absicht zu vermuten, Munition gegen politische Klimaschutzmaßnahmen zu sammeln, wäre falsch. "Wir fühlen uns von seinem Vortrag sehr inspiriert, auch wenn wir nicht in allen Punkten einer Meinung sind", sagt Dürr. "Aber wir wollen schlauer werden."


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