Spannung vor Ost-Wahlen CDU weiß: „Es ist viel Psychologie im Spiel“

Michael Kretschmer, Ministerpraesident und CDU-Spitzenkandidat fuer die Landtagswahl in Sachsen, suchte den Kontakt zum russischen Präsidenten  - es hat in Sachsen die Union derzeit nach vorn gebracht. Foto: imago-imagesMichael Kretschmer, Ministerpraesident und CDU-Spitzenkandidat fuer die Landtagswahl in Sachsen, suchte den Kontakt zum russischen Präsidenten - es hat in Sachsen die Union derzeit nach vorn gebracht. Foto: imago-images

Berlin. „Nerven behalten“ – das ist die Parole der CDU vor den Landtagswahlen im Osten. Denn eines scheint sicher: Wenn am 1. September in Sachsen und Brandenburg die Wahllokale schließen, dürfte es für die Christdemokraten nicht gut ausgehen.

Wie ist derzeit die Lage?  

Denken und Fühlen vieler Ost- und Westdeutscher klaffen auch 30 Jahre nach dem Mauerfall immer noch weit auseinander. Offen zutage trat dies bei der Flüchtlingskrise Ende 2015 und dem anschließenden Erstarken der AfD. Diese liegt laut jüngster Umfrage in Sachsen mit 25,2 Prozent zwar knapp hinter der CDU, die auf 27,6 Prozent kommt. Das verschafft der Union aber keine Entspannung. Denn in Brandenburg sieht es jetzt schon deutlich dramatischer aus. Dort liegt die AfD derzeit bei 21,1 Prozent, die CDU folgt auf Platz zwei mit 17,6. In Thüringen, wo am 27. Oktober gewählt wird, rutscht die CDU in Umfragen sogar an die dritte Stelle – nach der Linken und der AfD.

Wie konnte es dazu kommen?

Seit knapp zwei Jahrzehnten hat sich die CDU darauf verlassen, dass sie mit einer Vorsitzenden aus dem Osten in den neuen Bundesländern punkten könne. Als Angela Merkel, aufgewachsen in der Uckermark, 2005 auch Kanzlerin wurde, ging die Union offenkundig davon aus, dass dies als Wertschätzung für den Osten verstanden würde. Ein Trugschluss, wie man heute weiß: Die Partei hätte den neuen Ländern offenkundig mehr Zuwendung geben müssen. Man darf allerdings nicht vergessen, dass sich Merkel in der Union erst in einem harten Machtkampf gegen eine westdeutsche Männerriege durchsetzen konnte. Sie lernte daraus: Den Osten als Herkunft hervorzuheben, würde ihr schaden.

Tiefe Verunsicherung im Osten?

Ja, so sieht es heute auch Merkel. In ihrer traditionellen Sommer-Pressekonferenz gab sie zu, dass viele Menschen im Osten unter der mangelnden Anerkennung ihrer Lebensleistung litten. Viele Fertigkeiten der Ostdeutschen - etwa ihr Organisationstalent - seien heute nicht mehr gefragt. Wie jetzt auch der Bundespräsident warb die Kanzlerin dafür, dass Ost- und Westdeutsche einander ihr Leben erzählen sollten. Im Kanzleramt weiß man: „Es ist viel Psychologie im Spiel.“

Was tut die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer?

Sie suchte jüngst speziell mit der Sachsen-CDU den Kontakt und die Aussöhnung. In einem "offenen Brief" an die Parteichefin hatten führende Leipziger CDU-Politiker "offenkundige Trennlinien" zwischen West und Ost beklagt. Das habe auch die „zum Teil herablassende" Kritik am Treffen von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin Anfang Juni gezeigt. Über diese Begegnung hatte sich auch Kramp-Karrenbauer kritisch geäußert – was sie jetzt wohl abmildern wollte.

Ist die parteiinterne Aussöhnung erreicht?

"Die CDU zeigt Einigkeit", sollte die Botschaft sein, als Kramp-Karrenbauer nach einem Treffen mit sächsischen CDU-Kreisvorsitzenden im Foyer der CDU-Zentrale erschien. Am Ende stellten sich dann alle zu einem gemeinsamen Foto auf, äußerlich ein Bild der Geschlossenheit. Tatsächlich rumort aber auch dies noch im Unions-Inneren: Die CDU im Osten begann unmittelbar nach der friedlichen Revolution vor 30 Jahren mit Kurt Biedenkopf in Sachsen und Bernhard Vogel in Thüringen den Neustart. Zwei West-Politiker setzten in beiden Ländern als Ministerpräsidenten über mehr als ein Jahrzehnt die Akzente. Doch am Schluss wurden die einst Bewunderten verjagt – jedenfalls auf Biedenkopf trifft das zu, der als "König Kurt" in Dresden sehr feudal auftrat.


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