Endspurt zum Ernährungs-Siegel Umfrage stützt Ampel – Klöckners Waben-Siegel fällt durch

Die vier Modelle für eine Lebensmittelkennzeichnung.
Grafik: Bundesministerium für Ernährung und LandwirtschaftDie vier Modelle für eine Lebensmittelkennzeichnung. Grafik: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Berlin. Seit zehn Jahren wird in der EU erfolglos um eine übersichtliche Lebensmittelkennzeichnung gerungen. Bis heute blockierte die Industrielobby Modelle, die auf den ersten Blick zeigen, wie ungesund eine Fertigpizza oder ein Schokoriegel sind.

Eine Umfrage erhöht jetzt den Druck auf Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU), ein Siegel nach französischem Vorbild einzuführen.

Der Status quo: Seit 2014 muss EU-weit auf Verpackungen lesbar auf die wichtigsten Inhaltsstoffe hingewiesen werden. Für vorverpackte Produkte besteht seit 2016 die Pflicht zur Nährwertkennzeichnung.

Die Angaben bleiben für die meisten Verbraucher unverständlich. Auch das ist ein Grund, weshalb die Fettleibigkeit auf dem Vormarsch ist. Jeder vierte Bürger ist zu dick. Foodwatch errechnete, dass schon am 12. August Kinder ihre empfohlen Jahresdosis an Zucker verzehrt hatten. Eine Diabetes-Epidemie bahnt sich an, mit schlimmen Folgen für Betroffene und Gesundheitssystem.

Das hat auch die Regierung erkannt und im Koalitionsvertrag eine Kennzeichnung versprochen, "die für Verbraucher auf den ersten Blick erkennbar und verständlich ist". Im September muss Klöckner liefern.

Waben, Torte, Schlüsselloch oder Ampel?

Was auf dem Tisch liegt: Ihr Ministerium hat im Juni eine repräsentative Verbraucherbefragung gestartet, bei der die Akzeptanz von vier Siegeln getestet wird.

Der Lebensmittelverband BLL wirbt für ein Torten-Diagramm, das in fünf Kreisen den Gehalt von Energie, Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz pro 100 Gramm darstellt. Farbige Tortenstücke markieren jeweils innerhalb der Kreise den empfohlenen Tagesanteil.

Das staatliche Max-Rubner-Institut (MRI) hat im Auftrag des Ministeriums ein Waben-Modell entwickelt. In den fünf Waben wird - analog zum Tortenmodell - die Menge potenziell problematischer Inhaltsstoffe pro 100 Gramm beziffert. Enthält ein Produkt wenig Zucker, Fett oder Salz, ist die entsprechende Wabe türkis gefärbt. Eine zusätzliche, größere Wabe gibt anhand von Sternen und Farben ein Gesamturteil über das Nährstoffprofil ab. Fünf Sterne und dunkel Türkis heißt: gesund. Klöckner hat das Waben-Modell "Wegweiser Ernährung" getauft.

Die Schweden haben schon vor mehr als 30 Jahren ein Schlüsselloch-Siegel (englisch: Keyhole) eingeführt, das mehrere skandinavische Länder übernahmen. Mit dem Schlüsselloch-Symbol werden Produkte gekennzeichnet, die gesünder sind als andere in derselben Lebensmittelgruppe, also etwa eine Tiefkühl-Pizza, die bestimmte Grenzwerte einhält.

Zu simpel?

Die französische Kennzeichnung "Nutri-Score" hat zwar einen sperrigen Namen, besticht mit ihren Ampel-Farben aber durch Übersichtlichkeit: Eine fünfstufige, aus Buchstaben und Farben kombinierte Skala liefert eine Gesamtbewertung des Produktes. Ein besonders gesundes Lebensmittel ist mit A/Dunkelgrün gekennzeichnet, Zucker- oder Salzbomben mit E/Rot. Wie viel Zucker, Fett oder Salz enthalten sind, wird beim Nutri-Score allerdings nicht angegeben.

Der "Wegweiser Ernährung" von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner ist in der Umfrage durchgefallen. Foto: Metodi Popow/Imago Images

Die Favoriten: Geht es nach der am Mittwoch vorgestellten repräsentativen Forsa-Umfrage unter 1003 Verbrauchern, dann muss der "Nutri-Score" das Rennen machen: 69 Prozent der Befragten bevorzugten die Buchstaben-Ampel gegenüber Klöckners Waben-Modell. Besonders interessant: Die Gruppen, die stark von Fettleibigkeit und Fehlernährung betroffen sind und über einen geringen Bildungsgrad verfügen, bezeichneten den "Wegweiser Ernährung" als kompliziert und verwirrend und gaben dem "Nutri-Score" viel bessere Noten. "Die Politik muss diese wirksame Maßnahme für eine gesündere Ernährung endlich umsetzen", forderte Hans Hauner, Vorsitzender der Deutschen Diabetes-Stiftung und einer von mehreren Auftraggebern der Forsa-Studie.

"Das Drama beenden"

Ein "Rot" für ungesunde Produkte, auch die SPD steht hinter dem "Nutri-Score". Ob sich Klöckner wirklich zu dem potenziell abschreckenden Label durchringen kann? Die Ministerin hat versprochen, die von ihr in Auftrag gegebene Umfrage werde letztlich den Ausschlag geben, sie selbst habe "keine Präferenz".

Neben Ärzten erhöhen auch Verbraucherschützer den Druck. "Dass sich die Lebensmittelindustrie seit Jahren gegen die einfache Kennzeichnung wehrt, ist ein Trauerspiel", sagte der Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv), Klaus Müller, kürzlich im Interview mit unserer Redaktion. "Frau Klöckner sollte sich jetzt schnell mit Gesundheitsminister Jens Spahn unterhaken und das Drama beenden."


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