Zweifel an bundesweiter Initiative 20 Cent pro Kippe? So realistisch ist das Zigarettenpfand

Von Maximilian Matthies, 08.08.2019, 16:14 Uhr
Die Inhaltsstoffe weggeworfener Zigarettenfilter sind Gift für die Umwelt. Foto: imago images / Jochen Tack

Berlin. Das deutsche Pfandsystem wird international als durchaus erfolgreich zur Müllvermeidung angesehen. Einer Berliner Initiative schwebt ein ähnliches Verfahren auch für weggeworfene Zigarettenstummel vor. Tabaklobby und Politik bremsen jedoch.

Sie machen ungeheuren Dreck, liegen überall herum und verseuchen noch dazu das Grundwasser: weggeworfene Zigarettenstummel. Stephan von Orlow und seine Mitstreiter von der Berliner Initiative "Die Aufheber" (hier geht es zur Facebook-Gruppe) wollen sie endlich komplett beseitigen und glauben, eine passende Lösung gefunden zu haben: die bundesweite Einführung eines neuen Pfandsystems. Der Preis für einen Glimmstengel würde sich dadurch massiv erhöhen – er wäre etwa doppelt so teuer wie bisher.

Ein Zigarettenstummel verseucht 40 Liter Grundwasser

Zigarettenreste sind nicht nur einfach Unrat: Sobald es regnet, werden Giftstoffe aus den Kippen ins Grundwasser geschwemmt. Laut dem Naturschutzbund (Nabu) verunreinigt ein einziger Zigarettenstummel 40 Liter Grundwasser. Demnach enthält eine Zigarette circa 200 giftige Stoffe – neben Nikotin auch Arsen, Blei und Kupfer. (dpa)


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"Pfand ist genau das richtige Mittel, um ein ökologisch vernünftiges Verhalten der unachtsamen Nutzer zu erzwingen", sagt von Orlow im Gespräch mit unserer Redaktion. Durch eine Online-Petition wollen von Orlow und "Die Aufheber" Druck auf die Politik und Industrie ausüben, sich für die Einführung eines Zigarettenpfands auszusprechen. Nach aktuellem Stand haben rund 53.000 Unterstützer die Petition unterzeichnet – und es werden täglich mehr. Die deutsche Zigarettenlobby hält von dem Vorschlag bisher allerdings recht wenig.

Der Berliner Stephan von Orlow kämpft mit der Initiative "Die Aufheber" gegen weggeworfene Zigaretten und Verpackungen. Foto: Stephan von Orlow


"Weder nachhaltig noch kosteneffizient" 

"Dieses Problem lässt sich nur über eine Sensibilisierung und Änderung des Verbraucherverhaltens nachhaltig lösen, aber nicht durch Pfandsysteme oder höhere Gebühren für die Hersteller", teilt der Deutsche Zigarettenverband (DZV) auf Nachfrage unserer Redaktion mit. Zudem könnten Zigarettenkippen nicht wiederverwertet oder in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt werden, deshalb mache ein Pfandsystem an dieser Stelle keinen Sinn.

Dieses Zigarettenpfand fordern "Die Aufheber"

Während von Orlow der Überzeugung ist, Tabakkonzerne könnten durch ein Pfandsystem ihre Kosten reduzieren, weil sie die Entsorgung nicht mehr bezahlen müssten, weist der DZV daraufhin, dass eine "enorme Infrastruktur und Logistik" rund um das Sammel- und Pfandsystem erforderlich sei, "und das nicht um wertvolle Rohstoffe zurückzugewinnen, sondern um Abfall ordnungsgemäß zu entsorgen". Dies sei weder "nachhaltig noch kosteneffizient". 


Der DZV sieht überdies noch weitere Probleme. So sei etwa die Herkunft von Tabakprodukten und Zigaretten etwa durch geschmuggelte Ware nicht immer nachvollziehbar, was für ein Rückgabesystem aber erforderlich sei. Gleiches gelte für Filter von Drehtabak. Zu befürchten sei außerdem, dass Raucher durch eine finanzielle Mehrbelastung zunehmend auf geschmuggelte oder gefälschte Zigaretten ausweichen könnten.

Was das Umweltministerium sagt

Wie der DZV ist auch die Politik noch nicht überzeugt von der Pfandidee. Es gebe Ansätze, "die besser geeignet, hygienischer und deutlich unbürokratischer sind als ein Pfand", sagt ein Sprecher des Bundesumweltministeriums gegenüber unserer Redaktion. Ministerin Svenja Schulze verfolge weiter das Ziel,  die Hersteller an den Kosten der Straßen-, Park- und Strandreinigung zu beteiligen. Auch sollten die Hersteller das Aufstellen von Aschenbechern im öffentlichen Raum finanzieren. Die europarechtlichen Voraussetzungen dafür seien im vergangenen Jahr geschaffen worden, nun werde die Umsetzung in Deutschland vorbereitet.

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Stephan von Orlow geht das alles längst nicht weit genug. "Die Politik reagiert bisher noch sehr verhalten. Es wird lediglich auf bestehende Systeme zurückgegriffen, also vor allem auf Aufklärung, mehr Mülleimer und höhere Strafen". 

Strafen für Raucher schon heute möglich

Was vielen nicht bewusst ist: Schon heute begehen Raucher eine Ordnungswidrigkeit, wenn sie ihre Zigarettenkippe auf dem Boden entsorgen. Dennoch hält sich fast niemand daran. Es braucht erst Menschen wie Stephan von Orlow, die sie daran erinnern.

Als Nichtraucher kämpft der 49-Jährige gegen ein Problem, das er selbst gar nicht verursacht hat. Doch der Vater dreier Kinder ist überzeugt: "Es lohnt sich, jetzt die nötige Energie aufzubringen, um das Problem an und für sich komplett zu lösen". Von Beruf Prozessmanager in einem mittelständischen Unternehmen, investiert von Orlow einen Großteil seiner Freizeit in den Kampf gegen den Müll. Was ihm Mut macht – er ist dabei nicht alleine. 

Gewaltandrohung und Ignoranz

Stephan von Orlow und "Die Aufheber" setzen auf eine breite Unterstützung in der sogenannten Cleanup-Szene in Deutschland, das sind Menschen, die gemeinsame Müllsammelaktionen starten und immer wieder neue Ideen entwickeln, um die Umwelt sauber zu halten.  

Andere zu überzeugen, kann jedoch eine ziemlich undankbare Aufgabe sein. Das erleben Stephan von Orlow und sein Team immer wieder. Schlechte Erfahrungen hätten sie bereits zuhauf gesammelt, während sie Raucher auf der Straße direkt ansprachen und auf eine unsachgemäße Entsorgung ihrer Zigarettenkippen hinwiesen. Viele von ihnen sind sich offenbar ihres umweltschädlichen Verhaltens nicht bewusst und lassen sich auch nur ungerne belehren. "Von Gewaltandrohung bis hin zu auf den Boden schauernder Ignoranz erlebt man eigentlich alles. Schätzungsweise nur ihn zehn Prozent der Fälle entschuldigt sich auch mal jemand", sagt von Orlow.

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